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Zwischen Scham, Schrecken und Schuldgefühl

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Manchmal unterschätzen Jugendliche die Wirkung von hochprozentigem Alkohol und begeben sich in lebensgefährliche Situationen.

»HaLT – Hart am LimiT« ist inzwischen das bundesweit am weitesten verbreitete Alkoholpräventionsprojekt für Kinder und Jugendliche. Seit zehn Jahren gibt es das Projekt auch im Landkreis Traunstein.


Das Projekt wurde 2002  von der Villa Schöpflin, Zentrum für Suchtprävention in Lörrach, ins Leben gerufen, nachdem ein stetiger Anstieg Betroffener verzeichnet wurde. Allein zwischen den Jahren 2000 und 2007 verdoppelten sich die Fallzahlen von 9500 auf 19 500 alkoholbedingte Krankenhauseinlieferungen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen deutschlandweit. Darauf reagierte die Villa Schöpflin frühzeitig, um dem Trend entgegenzuwirken. Der rasante Anstieg der Fallzahlen wurde inzwischen gebremst, Entwarnung kann jedoch noch nicht gegeben werden.

2008 wurde das HaLT-Projekt auf Bayern ausgeweitet. Die Fachambulanz der Caritas Traunstein erkannte den Bedarf vor Ort und bewarb sich als einer der ersten Standorte. In den vergangenen zehn Jahren wurden über 300 Betroffene im Krankenhaus besucht.

»Richtiger Weg, die Rettung einzuschalten«

Am Morgen nach der überstandenen Nacht sind oft Schrecken, Scham, Erleichterung, aber auch Schuldgefühle vorherrschend. All das betrifft immer wieder auch Freunde, die sich in der Trinksituation oft in einem Dilemma befanden. Einerseits sahen sie den schlechten körperlichen Zustand, anderseits hatten sie Sorge wegen möglicher Konsequenzen. »Im Krankenhaus betonen wir, dass es immer richtig ist, die Rettung einzuschalten, im Extremfall kann es hier schließlich lebensgefährlich werden«, so die Sozialpädagogin und HaLT-Beraterin Elisabeth Haunerdinger. Die Gefahr für die Gesundheit kann durch geschultes Rettungspersonal zum Glück fast immer abgewendet werden. Dafür braucht es aber den Mut, den Notruf zu wählen.

»Während meiner nun zehnjährigen Arbeit im HaLT-Projekt habe ich noch keinen Jugendlichen besucht, der tatsächlich im Vorfeld mit einem solchen Ende einer Feier bzw. Trinksituation gerechnet hat«, so Beraterin Sophia Jaritz. Es wird meist unterschätzt, dass vor allem hochprozentiger Alkohol eine sehr plötzliche Wirkung erzielen kann. Durch schnelles Trinken von Spirituosen werden häufig die ersten Phasen eines Rausches übersprungen. Während in der Trinksituation zunächst noch nichts auffällt, kann eine hohe Alkoholkonzentration unerwartet schnell im Gehirn ankommen und zu Benommenheit oder Bewusstlosigkeit führen. Ab einem Wert von etwa 1,5 Promille besteht bei Jugendlichen Lebensgefahr etwa durch Atemstillstand, Kreislaufversagen oder Unterkühlung; bei Kindern wesentlich früher.

Eine Rufbereitschaft stellt an 365 Tagen im Jahr sicher, dass das Krankenhauspersonal den Kontakt zu einem spezifisch geschulten Sozialpädagogen anbieten kann. Dank einer hervorragenden Kooperation zwischen Krankenhaus und dem HaLT-Team findet in der Regel noch im Krankenhaus ein Beratungsgespräch statt.

»Zum Glück haben wir es in diesem Setting sehr selten mit festen Suchtstrukturen zu tun und ich bin überzeugt, dass das Erleben im Krankenhaus zusammen mit dem HaLT-Gespräch dazu beiträgt, einer solchen Entwicklung entgegenzuwirken«, betont Emöke von Kotzebue-Thiombane, die als Leiterin der Fachambulanz für Suchterkrankungen auch das HaLT-Projekt in Traunstein leitet. »Wir erleben im Krankenhaus einen sehr sensiblen Moment, in dem oft große Bereitschaft herrscht, das Erlebte auszusprechen und Lösungen zu suchen. Es besteht bei Eltern und Jugendlichen Einigkeit darüber, dass dies ein einmaliges Erleben bleiben soll.«

Im Erstgespräch zeigen sich vielfältige Gründe, die hinter dem Komatrinken stehen. Oft ist es jugendliche Unerfahrenheit mit den überwiegend selbstgemixten, hochprozentigen Getränken. Doch bei etwa jedem fünften Jugendlichen zeigt sich auch ein weiterführender Unterstützungsbedarf. Als tiefergehende Belastungen werden etwa Mobbing, Schulschwierigkeiten oder Kommunikationsprobleme mit den Eltern benannt, die ein Rauschbedürfnis als »Ausstieg aus dem Alltag« erklärbarer machen.

Nächste Feier ein Erfolg ohne böses Ende

Ein paar Wochen nach dem Gespräch besteht für Betroffene die Möglichkeit, an dem eintägigen Gruppenangebot »Risiko-Check« teilzunehmen. Ziel ist es, eine neue Sichtweise auf die Erfahrung zu erlangen. Im Mittelpunkt steht die Erlebnispädagogik. Etwa beim Klettern oder im Hochseilgarten können Aufregung und Risiko erlebt werden, ohne sich einer tatsächlichen Gefahr auszusetzen. Die Jugendlichen lernen hier Strategien, sich gegenseitig abzusichern und so einem Absturz vorzubeugen. In der anschließenden Auswertung werden Parallelen zum Verhalten auf Partys gesucht. Ohne erhobenen Zeigefinger werden gemeinsam Verhaltensregeln aufgestellt, damit die nächste Feier ein Erfolg ohne böses Ende wird.

Anlässlich des Jubiläums findet für Fachkräfte, Eltern und alle Interessierten am kommenden Mittwoch um 19 Uhr im Caritas-Zentrum in Traunstein ein Fachvortrag mit Dr. med. habil. Gerhard Wolf, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin des Klinikums Traunstein, und ein Vortrag von Agnes Hallweger und Lisa Haunerdinger, Sozialpädagoginnen im HaLT-Projekt, zum Thema Alkoholkonsum im Jugendalter statt. Der Eintritt dazu ist frei. fb

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