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Zwei Künstler im Austausch

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Das Porträt, das Walter Angerer der Jüngere von Georg Baselitz gefertigt hat. (Foto: Giesen)

Der Siegsdorfer Künstler Walter Angerer der Jüngere hat kürzlich Georg Baselitz, Jahrgang 1938, dessen Gemälde heute nach Gerhard Richter in Kunstkreisen wohl am höchsten dotiert sind, porträtiert.


Durch Vermittlung eines Freunds, des Architekten Dieter Schmid aus Altenmarkt, der derzeit im Auftrag von Baselitz einen ehemaligen Bauernhof in 1000 Meter Höhe über dem Obertrumer See im Salzburger Land umbaut, lernte Walter Angerer den berühmten Kollegen in dessen künftigem Wohnhaus kennen. »Ich war sofort beeindruckt von der Bescheidenheit, Wärme und dem freundschaftlichen Empfang von diesem weltweit gefragten Maler«, beschreibt Walter Angerer den ersten Eindruck seiner Begegnung mit Baselitz.

Den Skizzenblock immer dabei, begann Angerer den Kollegen zu skizzieren, woraufhin Baselitz von der nach nur wenigen Minuten entstandenen Skizze offensichtlich sehr angetan war: Zum Dank für die Porträtskizze, die Angerer inzwischen im Atelier ausgearbeitet hat, zeichnete Baselitz spontan ein Porträt von sich selbst auf Angerers Skizzenblock – natürlich auf dem Kopf stehend – und schenkte es dem Kollegen mit einer persönlichen Widmung.

In Anlehnung an die Bilder von Baselitz, die immer auf dem Kopf stehen, arbeitete Angerer das Porträt in Spiegeltechnik, sodass sich der Kopf des Künstlers und der weiß-blaue Himmel im Wasser spiegeln. Der Kragen von Baselitz verschmilzt mit der Landschaft – auch der kleine Schicksalsvogel, der in fast allen Gemälden Angerers auftaucht, fehlt natürlich nicht.

Georg Baselitz, in Deutschbaselitz in Sachsen geboren, heißt eigentlich Hans-Georg Kern. International bekannt wurde er in den 1970er Jahren mit figurativen, expressiven Gemälden, die oft provozierten. Die Zerstörung und das Leid des Zweiten Weltkriegs beschäftigten den Künstler nachhaltig, sodass in seinen Bildern bis heute immer wieder die Zerstörung, nämlich das Stören von Ordnungen und Konventionen ein Leitmotiv ist. Seit 1969 malt Baselitz seine Motive auf dem Kopf stehend, was ein unverkennbares Kennzeichen seiner Arbeiten ist.

Beide Künstler habe in den entscheidenden ersten Lebensjahren eine ähnliche Biografie: Walter Angerer wurde 1940 ebenfalls noch im Krieg geboren und lernte seinen im Krieg gebliebenen Vater niemals kennen. Deshalb wurde er mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Ludwig Valentin nur von der Mutter in Bad Reichenhall unter schwierigen finanziellen Bedingungen aufgezogen.

Wohl auch durch diese ähnlichen frühen Erfahrungen verstanden sich die beiden Künstler auf Anhieb, wenn Walter Angerer auch eine vollkommen andere künstlerische Entwicklung nahm: Angerer absolvierte eine Ausbildung in Grafik und mehreren Sprachen in Salzburg, München und Paris. Anschließend war er als Texter, Designer, freischaffender Maler und Bildhauer, zuletzt auch als Komponist tätig. Seine Kunstwerke finden europaweit Beachtung, insbesondere seine Porträts, die so genannten Schattenskulpturen in Fraßbildtechnik, von denen es inzwischen fast 60 in ganz Bayern im öffentlichen Raum gibt. Christiane Giesen