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Zum Kuckuck mit der Nachtigall!

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Aufgemacht und hineingeleuchtet: Orgelbauer Eckhard Ramakers untersuchte zwei Effektregister im Orgelinneren auf fehlerhafte Funktionen. (Foto: Benekam)

Sie ist das größte aller Musikinstrumente, das lauteste und zugleich leiseste – ihr Klang reicht von sanftem Pianissimo bis zu donnerndem Fortissimo. Zudem heißt es, dass sie das am schwierigsten zu spielende Instrument sei und für viele ist sie sicherlich auch das schönste unter den Instrumenten: Die Orgel.

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Diese Attribute verhalfen ihr zum Titel »Königin der Instrumente«. In diesem Jahr wurde sie von den Landesmusikräten zum Instrument des Jahres gekürt. Bundesweit gibt es etwa 50 000 Orgeln – vor allem in Kirchen und Konzertsälen. Als wahrlich majestätisch sind ihre Konstruktionen aus Pfeifen und Tasten, Spieltisch, Hauptwerk, Schwell- und Registerwerk, Traktur und etlichen weiteren Bauteilen zu beschreiben. Die Anzahl der Orgelpfeifen variiert zwischen mehreren hundert bis zu vielen tausend.

Größte Kirchenorgel der Welt in Passau

Die größte Kirchenorgel der Welt steht im Dom von Passau – sie besitzt sagenhafte 15 000 Pfeifen: Die Größten sind so groß wie ein zweistöckiges Haus. Seit 2017 sind Orgelmusik und Orgelbau durch die UNESCO als Immaterielles Kulturerbe anerkannt. In der Pfarrkirche St. Lambert der ehemaligen Benediktinerabtei Seeon bereichert der Klang der »Mozart-Orgel« Gottesdienste und Kirchenkonzerte. Ihren Namen bekam die Orgel, weil Mozart selbst zwischen 1766 und 1780 mehrere Male auf ihr gespielt hat.

»Ziemlich beste Freunde«

Kirchenmusikerin Andrea Wittmann ist seit 23 Jahren eng mit diesem imposanten Instrument verbandelt – ein schönes Paar, könnte man sagen, unzertrennlich und »ziemlich beste Freunde«. Die zierliche Kirchenmusikerin ist voller Demut für das Instrument und versteht es, in ihrem Musizieren die eigene Stimmung hörbar, also dem Zuhörer erlebbar zu machen. Dabei sind ihre »Vorgaben« nicht nur die Kompositionen genialer Orgelliteraten. Hin und wieder nimmt, und das wissen treue Gottesdienst- wie Konzertbesucher, die Wittmann kennen und schätzen, auch die eigene innere Stimmungslage maßgeblichen Einfluss auf ihre Interpretationen und Improvisationen.

An Leidenschaft und Virtuosität fehlt es ihr dabei nicht. Und, wie das eben bei Paaren so ist, kann es zu »Unstimmigkeiten« kommen. Man kennt sich und versteht sich und genau deshalb weiß man, wo es »zwickt, klemmt, scheppert oder hängt«: Das passiert meist einmal im Jahr. Dann wird kein Paartherapeut benötigt, sondern Orgelbauermeister Dieter Schingnitz aus Iffeldorf am Starnberger See nach Seeon gerufen, denn keiner kennt die Mozart-Orgel besser als er, ihr Erbauer.

Schingnitz hat das Instrument 1994 anlässlich der 1000-Jahr-Feier in enger Anlehnung an die Vorgängerorgel des 18. Jahrhunderts erbaut. Wie ihre Vorgängerin (1753 von dem Salzburger Orgelbauer Rochus Egedacher gebaut), verfügte die Seeoner »Mozart-Orgel« über 18 klingende Register, verteilt auf ein Manualwerk (12 Register) und ein selbstständiges Pedalwerk (6 Register). Vor 28 Jahren wurde die Disposition der Mozart-Orgel auf zwei Manuale verteilt und geringfügig erweitert, wobei erhaltene Originalpfeifen aus dem 18. Jahrhundert sowie der wunderschöne Orgelprospekt wiederverwendet wurden.

Generalsanierung vor zwei Jahren

Vor zwei Jahren bekam die Seeoner Orgel nach einer sehr positiv verlaufenen Spendenaktion eine Generalsanierung samt Reinigung verpasst. Dank der finanziell aufwendigen, aber dennoch dringend notwendigen Prozedur kann Wittmann nun wieder aus der unendlichen Fülle an Klangfarben schöpfen und damit die Kirchenbesucher erfreuen – auch in Zeiten des Corona-Lockdowns. Dennoch blickte Wittmann dem alljährlichen Besuch des 80-jährigen Orgelbauers Dieter Schingnitz und dessen Kollegen Eckhard Ramakers mit großer Freude entgegen: »Dieses Mal hakte es beim Zimbelstern«, erklärte Wittmann.

Der Zimbelstern ist ein aus zwei Komponenten bestehendes Effektregister – ein klingendes Glöckchen-Spielwerk mit einem rotierenden Stern aus Holz. Das Spielwerk besteht aus einer kleinen Anzahl von Schalenglocken oder Klangstäben, den Zimbeln. Bei der »Diagnostik« leuchtete Eckhard Ramakers ins Innere des Instruments. Der Defekt war schnell ausgemacht und konnte behoben werde: Ein Stift war aus der Halterung gerutscht. Bei dieser Gelegenheit instruierte Schingnitz die Kirchenmusikerin gleich noch zur der Wartung (oder Wässerung) der »Nachtigall«.

Die Orgel-Nachtigall, das sind zwei kleine Pfeifen, die von einer Kondukte (Rohre zur Windverführung) in ein Wasserbecken herabhängen. Durch die Kondukte wird Luft in das Wasser geblasen, damit Wellen auf der Wasseroberfläche entstehen. Somit geben die Pfeifen keinen konstanten Ton, sondern ein Gezwitscher von sich. Schingnitz, Ramakers und Wittmann sind offenbar ein eingespieltes Team. Kurze Absprachen, jeder Handgriff sitzt und neben der gewissenhaft durchgeführten Arbeit bleibt immer Zeit für ein persönliches Wort oder die ein oder andere Anekdote aus dem Orgelbauer- oder Musikeralltag.

Beim Anblick der über 2,40 Meter langen Orgelpfeife der Mozartorgel (ihrer größten) wusste Schingnitz zu berichten, dass früher nach der Fertigstellung der Orgeln die Auftraggeber traditionsgemäß für das Befüllen der größten Pfeife zuständig waren: Guter Wein für gute Arbeit. »Das untere Loch wurde zugelötet, dann wurde Wein hineingefüllt. Dem entsprechend gut war die Feier- und Abschiedslaune der Orgelbauer nach erfolgreich abgeschlossener Arbeit.«. Ob die wiederum anschließend »aus dem letzten Loch pfiffen«, für ein paar Stunden »echte Pfeifen« waren oder eben so »sprangen, wie andere pfiffen«, sei dahingestellt. Jedenfalls ging die alljährliche Wartung der Mozart-Orgel, auch ohne Wein, bei bester Laune und fröhlichem Nachtigall- und Kuckucksgesang vonstatten.

Kirsten Benekam

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