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Zierliche Geigerin spielte sich in die Herzen

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Als »eines der letzten Universalgenies« bezeichnete Veranstalter Dr. Roland Treiber den Flöte spielenden Preußenkönig in seiner Begrüßung zum Jubiläumskonzert »300 Jahre Friedrich der Große« mit dem Mozartensemble Berlin. In der perfekt passenden Kulisse des Bibliothekssaals des ehemaligen Augustiner-Chorherrenstiftesauf der Herreninsel konnten die zahlreichen Klassik-Freunde den absolutistischen Herrscher im Rahmen des Musiksommers auch als Komponisten erleben. Im zweiten Teil des Konzerts, dem an Friedrichs Hof häufig aufgeführten Antonio Vivaldi gewidmet, hinterließ die Violinsolistin MinJung Kang einen nachhaltigen Eindruck.


Ebenso wie für die Kriegskunst, die Philosophie und die Einführung der Kartoffel hatte Friedrich II. in der Tat ein Händchen als Tonsetzer, wie eines seiner besten Werke, die Sinfonie Nr. 4 A-Dur für Streicher und Basso continuo, zeigt. Frisch und zupackend interpretierten sie die Geigerinnen Ansgard Srugies und Annegret Pieske, Peter Bock an der Viola, Jörg Potratz am Kontrabass, Sabina Chukurova am hervorragenden Cembalo und Uwe Hirth-Schmidt am glutvollen Cello, dem einzigen erhaltenen von Giuseppe Dalaglio übrigens. Energische Abwärts-Tonleitern bestimmten das Hauptthema im fröhlichen Allegro, gefolgt von einem melancholischen, klagenden Moll-Andante mit ineinander fließenden unendlichen Linien und einem zackigen Presto.

Friedrichs erstes Flötenkonzert gilt als sein bestes, ist aber mit fast einer halben Stunde Dauer auch sein längstes – locker-flockige Rokoko-Unterhaltungsmusik mit zahllosen Trillern, die jedoch nicht den Tiefgang der 4. Sinfonie erreicht. Als Flötensolistin brillierte die Berlinerin Adelheid Krause-Pichler mit aufblühendem Ton, einer spritzigen Kadenz im Eröffnungssatz und harmonischem Miteinander mit dem Orchester. Im Andante cantabile beeindruckte sie mit konzentrierten, leisen Tönen zu warmen Akkorden und im Allegro assai mit höchst virtuosen Akkordbrechungen und Umspielungen.

Die zierliche, kleine südkoreanische Geigerin MinJung Kang eroberte die Herzen ihrer Zuhörer anschließend bei Vivaldis »Vier Jahreszeiten« im Sturm. Ihr Zugang zu dieser barocken Programmmusik und Naturschilderung war sehr persönlich, expressiv und unmittelbar. Ihr energiegeladenes, selbstversunkenes Spiel fesselte ebenso wie der sangliche Ton ihres Instruments aus der Hand des berühmten italienischen Geigenbauers Annibale Fagnola. Mit dem Ensemble zu einer Einheit verschmelzend und sich doch klar abhebend nahm MinJung Kang die schnellen Passagen, die die in allen vier Saisonen präsenten Stürme schildern, noch rasanter. Die ruhigen, liedähnlichen Teile wurden im Gegenzug noch mehr verlangsamt, was die Intensität erhöhte. Nur einmal erschien diese Dehnung zu extrem und ließ die Melodie zerfallen, im Schlusssatz des Winters, wo ein Eisläufer seine Kreise zieht.

Höhepunkte gab es viele, wie beim Frühling das Trio der drei Violinen, die über einem latenten E-Dur-Akkord Vogelgezwitscher nachahmen, oder beim Sommer die extreme Hitze beschreibenden, sich dahinschleppenden Akkordbrechungen am Cembalo zu klagenden Streicher-Klängen. Wie eine Teufelsgeigerin fuhrwerkte MinJung Kang beim Sommergewitter herum. Frappierend ließen die Streicher die Dissonanzen bei der Kälte des Winters auch durch entsprechende Bogentechnik klirren und untermalten die verinnerlichte Schilderung der Behaglichkeit am Kamin durch die Solistin mit tropfenähnlichem Pizzikato.

Dass es trotz des frenetischen Beifalls keine Zugabe gab, entschieden die Musiker wohl dem müden, erst 13 Monate alten Baby der Solistin und ihres Partners, des Cellisten, zuliebe. Bei der Verbeugung durfte der Nachwuchs schon mal Bühnenluft schnuppern. Veronika Mergenthal