weather-image
-3°

Zeitdokument und Bühne der Selbstinszenierung

3.0
3.0
Bildtext einblenden
Die Sammlerin Andra Spallart (rechts) zusammen mit Galerieleiterin Monika Hauser-Mair in der Foto-Ausstellung »Menschenskinder« vor dem Werk »Joseph Beuys« von 1985/2018 des Medienkünstlers Stephan Reusse. (Foto: Martin Weiand)

Wie sich mit dem Wandel der Technik und der Aus-drucksmöglichkeiten auch das Bild vom Menschen ver-ändert hat, das zeigt auf faszinierende Weise die facet-tenreiche Ausstellung »Menschenskinder« in der Städti-schen Galerie Rosenheim.


Noch bis 10. März sind dort hochkarätige Porträtfotografien aus der Sammlung SpallArt in Salzburg zu sehen. Sie versammelt nicht nur Meisterwerke und eine ganze Reihe der bedeutendsten Fotografen aus mehr als 100 Jahren Fotogeschichte. Es rückt auch das Porträtfoto als Zeitdokument, Bilderrätsel, interaktives Kunstobjekt und Theaterbühne einer kreativen Selbstinszenierung in den Blick.

Anzeige

Ein Paradebeispiel dafür, wie das Geheimnis des fotografischen Entwicklungsprozesses selbst zu einem künstlerischen Ausdruck von emotionaler Wucht werden kann, ist das Foto »Joseph Beuys« von Stephan Reusse. Als erstes Sammlerstück begründete es die Sammlung SpallArt vor knapp 25 Jahren. Im Rahmen der Werkserie der »Collaborations« mit verschiedenen Künstlern unterzog der Medienkünstler eine von Beuys angefertigte Fotografie bei der Positiventwicklung einem chemischen Prozess. Bestimmte, an Silbermoleküle gebundene Bildteile blieben dadurch unsichtbar, bis sie bei Tageslicht im Rahmen einer anschließenden Performance mit Harnflüssigkeit wieder sichtbar gemacht wurden. Das in der Ausstellung gezeigte Werk – eine aktuelle Tintenstrahlreproduktion des Originalfotos von 1985 – lässt die explosive Dramatik des Entstehungsprozesses noch erkennen: Das Gesicht von Beuys taucht geheimnisvoll aus einem schwarz-braun-gelben Fleckengrund auf und blickt den Betrachter an.

Nicht weniger unter die Haut geht das Foto »Attack« von 1960. In dem Zeitdokument und Buchtitel (»Vietnam in flames«) fokussiert der Fotograf Nguyen Ngoc Hanh 1960 die Schrecken des Vietnamkriegs. Es zeigt in Nahaufnahme das schweißglänzende Gesicht eines grimmig zur Seite blickenden Soldaten aus Vietnam, der mit seinen Zähnen den Sicherungsstift aus einer Handgranate zieht. Wie das Foto im Foto zum Hoffnungsschimmer oder Zeichen der Anklage werden kann, zeigen auf eindrucksvolle Weise Schwarzweiß-Abzüge einer bangenden Frau mit Kriegsheimkehrer von Ernst Haas von 1947 oder das Bild klagender Mütter jugendlicher Mafia-Opfer in Neapel von Robert Capa (1943).

Für die Qualität der Sammlung spricht, dass sie zwar einen Schwerpunkt auf Österreich legt, dabei aber auch die erste Riege international bedeutender Top-Fotografen versammelt: Menschen-Dokumentare wie August Sander, Edward Weston, Albert Renger-Patzsch, Robert Doisneau, Walker Evans, Nan Goldin oder Stefan Moses geben lebendige Einblicke in soziale Milieus. Otto Breicha zeigt uns wiederum die vorderste Riege der einstigen österreichischen Künstler-Avantgarde wie Thomas Bernhard, Peter Handke oder Elfriede Jelinek.

Die Nähe zur Kunst des Impressionismus, des Jugendstils oder des Expressionismus lassen die Werke experimentierfreudiger Piktorialisten aus dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts erkennen: Rudolf Koppitz mit seinem Kopfporträt einer jugendlichen Schönheit als handkolorierter Bromöldruck von 1916, Albert Rudomines erotische Studie aus den 1920er Jahren oder Heinrich Kühns Porträtstudie von »Miss Mary« als Gummi-Plantinum-Abzug von 1907.

Spannungsreich, mitunter witzig, verblüffend oder auch rätselhaft wird die Ausstellung dann, wenn Künstler das Medium Fotografie zur Experimentierbühne werden lassen. Fritz Simak zeigt in seinen »Farbschüttungen« über den Kopf von 2003 Profil, während Tanja Koljonen auf »Gleam« von 2014 ein nur im oberen Drittel erkennbares Kopfporträt eines Mannes in dramatischem Seitenlicht zeigt, während zwei Drittel des Bildes schwarz sind. Was auf den ersten Blick wie ein technischer Fehler beim Ausdruck aussieht, erweist sich durch einen aufkleberähnlichen Hinweis »Tiere« auf den zweiten Blick als ironisch-kritischer Kommentar zur Perfektion vieler Foto-Inszenierungen.

Zu den faszinierendsten Arbeiten der Ausstellung gehören die Werke der in Salzburg geborenen Fotokünstlerin Irene Andessner. Nach penibler Recherche inszenierte sie sich selbst für eine Ausstellung in Venedig in Gestalt von zehn bedeutenden historischen Frauen, die zu verschiedenen Zeiten in der Lagunenstadt gelebt haben.

Frech und mit emanzipatorischer Chuzpe konfrontierte sie die »Fotoporträts« dieser Berühmtheiten in detailreichen Kostümen in der berühmten »Stanza degli uomini illustri« (Saal der berühmten Männer) im Caffè Florian mit den Gemälden von Tizian, Marco Polo oder Goldoni. Die Ausstellung in Rosenheim zeigt zwei dieser Frauen in unterschiedlichen Porträts und Inszenierungen. In einer Art ritueller Metamorphose nimmt Andessner Aussehen und Namen der Äbtissin Agnesina Morosini an oder wird zur Literatin Moderata Fonte, deren Wesen auf diese Weise Zeit und Raum transzendiert.

Die Ausstellung ist dienstags bis freitags von 10 bis 17 Uhr sowie am Samstag und Sonntag von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Am 26. Dezember und 6. Januar ist von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Nähere Infos, auch zu Führungen und dem umfassenden Rahmenprogramm gibt es unter www.galerie.rosenheim.de. Axel Effner

Dieses Video könnte Sie auch interessieren: