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X Tinder. Ein Selbstversuch. _

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Mag ich ihn, mag ich ihn nicht: Beim Online-Dating entscheidet oft das Profilbild. (Foto: Voss)

Berchtesgaden – Die Idee, die hinter der Dating App »Tinder« steckt, ist ziemlich verlockend. Name, Alter, Foto. Wenn mir jemand gefällt, tippe ich auf Herz, wenn nicht, auf X. Will mich der Mann gegenüber kennenlernen und klickt er ebenfalls auf das Herz, haben wir ein »Match«. Nun können wir uns Nachrichten schreiben. Später vielleicht auch Kennenlernen. Einfaches Konzept, kaum zeitaufwendig: So sollte es doch eigentlich klappen mit der Liebe.


Alex (Namen von der Redaktion geändert) ist der erste, der mir eine Nachricht schreibt. Er will wissen, wie mein Wochenende war. »Ziemlich entspannt« schreibe ich ihm zurück. Wohl wissend, dass sich daraus kein interessantes Gespräch entwickeln wird. Denn das ist eines der Hauptprobleme mit Online-Dating-Apps. Auf ein »Hallo, wie geht's«, folgt ein »Gut, und dir?« Meistens werden die Grundfragen geklärt: Wohnort, Arbeit, Hobbys. Weil sich das oft wie ein Bewerbungsgespräch anfühlt, fällt es schwer, wieder in eine lockere Konversation überzugehen.

Außerdem soll bei Tinder alles möglichst schnell gehen. Auf Herz oder X klicken, zügig miteinander schreiben, am besten sofort wissen, ob es passt oder nicht. Viele tindern, wenn sie gerade ein paar Minuten Zeit übrig haben: in der Mittagspause, auf dem Weg zum Auto, in der Schlange an der Supermarktkasse. Die Nachrichten sind deshalb oft kurz gehalten, gerade am Anfang.

Wider Erwarten lässt Alex auf eine nette Art nicht locker. Er ist witzig und schafft es die Grundfragen interessant zu verpacken. Alex hat die Grippe und liegt im Bett. Er erzählt, dass er für eine große Firma Projekte plant. Ich erzähle, dass ich bei einer Zeitung arbeite. Ich will ihm nicht verraten, bei welcher. Die Angst, er könnte ein Serienmörder sein, ist zu groß. Alex vermutet deshalb, dass ich für eine Boulevardzeitung schreibe und mich dafür schäme. Er verspricht mir aber, mich nicht töten zu wollen. Ich fühle mich gleich viel sicherer und verrate, dass ich fast ausschließlich über Justin Bieber schreibe.

Auch Oliver schreibt mich sofort an. Auf sein »Hey« antworte ich mit »Hey du«. Er versteht kein Deutsch. Oliver kommt aus Bristol in England und ist eigentlich nur auf Skiurlaub in Saalbach. Das hätte ich gewusst, wenn ich einen Blick auf sein Profil geworfen hätte. Aber Oliver sah auf seinem Foto gut aus: blond, symmetrisches Gesicht, Drei-Tage-Bart. Was er über sich selbst zu sagen hatte, war erst einmal unwichtig. Oberflächliche Entscheidung. Aber auch Oliver hat über die Situation nicht richtig nachgedacht und mir ein Herz gegeben. Er scheint ein anständiger Kerl zu sein, er entschuldigt sich gleich. Er findet auch, dass es keinen Sinn ergibt, weiterhin zu schreiben. Oliver reist bald zurück. »Aber ich konnte nicht widerstehen«, lautet seine letzte Nachricht. Oliver und ich werden wohl nicht zusammen alt werden.

»Hallo« oder »Hey«

Mein Tinderprofil habe ich ein bisschen mehr als 24 Stunden, am ersten Abend schreiben mich genau elf Männer an. Die meisten von ihnen starten mit einem »Hallo«, einem »Hey« oder »Schön dass wir ein Match haben«. Auch wenn jede dieser Anfragen sicher nett gemeint ist, langweilen sie mich mit der Zeit. Ich antworte also erst einmal denjenigen, die etwas Ungewöhnliches schreiben.

Jonas zum Beispiel, er schickt einen animierten Pinguin: er winkt und sagt Hallo. Jonas hat knapp zehn Fotos von sich auf seinem Profil, auf zweien trägt er ein T-Shirt. Ärmellos versteht sich. Er ist Fitnessmodel und studiert Sportmedizin. Jonas liebt Pinguine. Das schreibt er mir gleich in seiner zweiten Nachricht. Außerdem hat er eine wahnsinnig entspannte und lockere Einstellung, er ist »tote positive«. Fantastisch ist das Leben, dass er zur Zeit führt: als Snowboard-Lehrer in Österreich. Ursprünglich kommt er aus Köln.

Jonas will wissen, wie meine Träume aussehen. Ich frage mich, ob ihm der Schnee zu Kopf gestiegen ist.

Felix dagegen startet mit einem »Hallöchen, wo bist denn her?« Ich antworte: »tiefstes Südbayern«. Zu ungenau für Felix, ich bin ihm nicht gesprächig genug. Ich erkläre, dass »Small Talk« nicht meine Stärke ist. Felix fragt viel. Ich soll mich selber beschreiben, er will auch wissen, wie ich mir meinen Freund vorstelle.

Ich versuche seine Fragen so gut wie möglich zu beantworten. Nur meinen Wohnort will ich nicht preis geben. Ich verrate nur den Landkreis. Das ist Felix aber zu ungenau. »Warum ignorierst du die Hälfte?«, kommt prompt zurück. Ich fühle mich bedrängt. Nach nur wenigen Nachrichten an einem Abend bin ich nicht bereit, einem völlig Fremden zu verraten, wo ich wohne. Wir reden noch ein bisschen über Erwartungen und Beziehungen. Später lösche ich mein Profil.

Ein X für den Sportler

Vor ein paar Jahren habe ich auf einer Hochzeitsfeier einen Mann kennengelernt. Sportler. Wir haben gefeiert, gelacht, getrunken. Dann Nummern getauscht. Optisch war er gar nicht mein Typ. Viel zu muskulös. Auf Tinder hätte ich ihm sicher ein X gegeben.

Der Sportler hat mir zwei Tage später geschrieben: ob ich mich mit ihm treffen will. Gepasst hat es am Schluss nicht, aber wenigstens hatten wir die Chance, uns über den ersten Eindruck hinweg kennenzulernen. Vielleicht hätte ich mich auch mit Paul super verstanden. Oder mit Simon. Aber ich habe ihnen nicht zurückgeschrieben. Weil mir »Hey« oder »Hallo« zu langweilig war. Natürlich hätte ich auch ihnen antworten können. Aber ich wollte nicht parallel mit vielen Männern schreiben. Ich habe sortiert, vor allem nach dem Aussehen. Obwohl Sympathie für mich immer an erster Stelle steht. Vielleicht hat es auch deshalb nicht geklappt. Eine, die die Liebe online nicht gefunden hat.