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»Wunderschön, voller Kraft und Frische«

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Perlen klassischer Musik spielten (von links) Anna-Liisa Bezrodny, Alexander Sitkovetsky, Roland Pöntinen, Tomoko Akasaka und Maja Bogdanovic im Festsaal des Klosters Seeon. (Foto: Benekam)

Legenden muss man hegen und pflegen. Auch, und ganz besonders in der Musik: »Drei Legenden« war das Motto des neunten Konzerts der Klassik-Konzertreihe des »Chiemgauer Musikfrühlings«. Den drei legendären Werken der Romantik von Dvorák und Schumann verhalfen die virtuosen Musiker im Festsaal des Klosters Seeon mit ihren Interpretationen zu neuem Elan und wiedererweckter Vitalität.


Angefangen mit dem Streichquintett für zwei Violinen, Bratsche, Cello und Kontrabass in G-Dur, op. 77 von Antonín Dvorák waren die Zuhörer sogleich von Anna-Liisa Bezrodny, Alexander Sitkovetsky (Violinen), Tomoko Akasaka, Razvan Popovici (Violen) und Zoran Markovic (Kontrabass) in Entzückungsstarre versetzt. Das G-Dur-Quintett ist ein Werk von Dvoráks erstem Aufstieg: Es entstand 1875 als Wettbewerbskomposition im Fach Kammermusik und bescherte ihm den Sieg.

Dvorák ging es offenbar um die Erweiterung des kammermusikalischen Tons ins gleichsam Orchestrale. Er stärkte das Bassfundament, indem er statt einer zweiten Bratsche oder eines zweiten Cellos den Kontrabass einsetzte. Obwohl in nahezu jedem Takt der insgesamt vier Sätze der tschechische Charakter aufblitzt, sind Einflüsse der Zeitgenossen und Komponistengenies Wagner, Liszt und Brahms nicht zu leugnen.

Der zweite Konzertteil gehörte zwei Werken von Robert Schumann – Fantasiestücke op. 73 für Klarinette und Klavier und sein Klavierquintett Es-Dur op. 44. Seine Fantasiestücke schrieb Schumann innerhalb von nur zwei Tagen im Februar 1849. In seinen Spätwerken überwog das »kleine Genre« der Romanzen, Fantasiestücke und Idyllen. Ihre schlichten und beschaulichen Formen können als Rückzug des Komponisten in die biedermeierliche Idylle des »Häuslichen« gedeutet werden. Trotzdem war der späte Schumann mit diesen kurzen, drei- bis fünfteiligen Zyklen nicht weniger innovativ als mit vielen seiner früheren Werke.

Vom melancholischen ersten Stück (»Zart und mit Ausdruck«) über das freundliche zweite (»Lebhaft, leicht«) bis zum zerklüfteten dritten (»Rasch und mit Feuer«) beschreiben die drei Stücke Fantasiebilder, in denen die Melancholie des späten Schumann fast durchweg vorherrscht.

Diana Ketler (Klavier) und Thorsten Johanns (Klarinette) legten sich offenbar mit jeder Faser ihrer Herzen in das Schumannsche Thema hinein, kosteten alle der Komposition innewohnenden Emotionsgrundlagen aus und gaben sie in ihrer Interpretation eins zu eins weiter.

Nicht weniger intensiv war die zweite Schumann-Komposition: Das Klavierquintett Es-Dur op. 44 ist eines von Schumanns populärsten und am häufigsten gespielten Werken. Seine Frau Clara, der es gewidmet ist, bezeichnete das 1843 uraufgeführte Werk (das zugleich das erste Klavierquintett der Musikgeschichte überhaupt ist) als »wunderschön, voller Kraft und Frische«. Genauso erlebten es die Zuhörer im Seeoner Festsaal in der Interpretation von Roland Pöntinen (Klavier), Anna-Liisa Bezrodny, Alexander Sitkovetsky (Violinen), Tomoko Akasaka (Viola) und Maja Bogdanovic (Violoncello) – ein Meisterstück explosiver musikalischer Kraft, das sich neben dem Reichtum der Melodien und Klangfarben durch seine klare Struktur und Fasslichkeit auszeichnet.

Das vorwärtsdrängende Hauptthema des ersten Satzes, kontrastiert mit dem Trauermarsch-artigen langsamen, zweiten Satz. Im Scherzo erweist sich das thematische Ausgangsmaterial als einprägsam und einfach zugleich – es basiert auf einer schlichten auf- und absteigenden Tonleiter.

Die Themen der einzelnen Sätze sind untereinander verwandt und korrespondieren miteinander. Auch über die Satzgrenzen hinweg strebte Schumann Geschlossenheit an: So hat er etwa das Scherzo-Thema aus dem ersten Satz herausgeschält, um es im Finale – in kunstvoller Verquickung, mit den Themen aus Kopf- und Schlusssatz – übereinanderzuschichten, also »den Kreis zu schließen«. Ein vitalisierendes Konzert, für das es kräftigen Beifall und lautstarke Bravorufe gab. Kirsten Benekam