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Wortlos alles gesagt

»Die Musik hat doch einen gewaltigen Vorzug: Sie kann wortlos alles sagen.« Das Zitat stammt von Ilja Ehrenburg, und es passte ohne Wenn und Aber auf das musikalische Ereignis des dritten Abends der diesjährigen Traunsteiner Sommerkonzerte.

Das bereits vielfach ausgezeichnete Fauré Quartett, welches erstmalig bei den Traunsteiner Sommerkonzerten zu Gast war, gewann im Handumdrehen die Herzen des Publikums. Mit seiner Interpretation des Quartetts für Klavier und Streichtrio a-Moll op. 1 (1891) von Josef Suk erlebten die Zuhörer nicht nur brillant musizierte Kammermusik, sondern auch eine der gesanglichen Linie sehr nah stehende Modulation und Melodienführung. Mit Spannung folgte man den drei Sätzen der Komposition, die Assoziationen einer gewaltigen, erhebenden Landschafts- Naturschau-Romantik freisetzten.

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War es zu Beginn ein mächtiger Strom, der durch eine märchenhafte Landschaft seine Bahn zu ziehen schien (Allegro appassionato) so konnte man im Adagio, möchte man bei dem Bild des Flusses bleiben, ein träges, im breiten Flussbett mäanderndes Gewässer ausmachen, das auf seiner Reise im Allegro con fuoco zum anschwellenden, ja zum reißenden, übermütig-eleganten, über Steine hinweghüpfenden und Äste verschlingenden Wasser wurde, das sich im großen Finale mit Wucht ins Meer ergoss und sich mit diesem – berauschend musiziert– vereinte. Es mag ein jeder natürlich etwas anderes gehört und gefühlt haben, sicher jedoch ist, dass die so intensiv auf den Punkt gespielte Musik mit ihrer Energie die Phantasie auf das Erfrischendste zu beleben vermochte.

Den meisten Kammermusikbegeisterten wird aufgrund ihres schon etwas fortgeschritteneren Alters der folgende Programmpunkt – Adaptionen von vier Stücken aus der Popmusik – sicherlich etwas suspekt gewesen sein. Dieses Genre, dürfte nicht jedem so geläufig sein, außer, man hält die Ohren auf, wenn man Kinder hat, die einem dann doch die eine oder andere Empfehlung geben. Die Sängerin Leslie Feist, und die Band Polarkreis 18, typische Vertreter des Zündfunk- und Fm4-Radioformats, sind feste Größen im Independent-Genre des heutigen Musikmarktes.

Leslie Feists Lieder – relaxte Soul-Jazz-Pop-Fusionen, die sie mit unvergleichlicher Zerbrechlichkeit und gleichzeitig kühlen Eleganz vorträgt – begeistern ihre Fans, die ihr die Treue halten, auch wenn sie mal eine längere Schaffenspause einlegt, nur um dann wie Phönix aus der Asche mit einem noch genialeren Album aufzuwarten. Aber dass sich eine kammermusikalische Adaption noch besser als Leslie Feist im Original anhört, war ja nun wirklich nicht zu erwarten und eine große Überraschung. Das Fauré Quartett gab dem Stück »Gate Keeper« eine faszinierend komplexe und transparente Architektur, ohne die Künstlerin ihrer Musiksprache zu berauben. Äußerst spannend musiziert war auch das Pop-Opus »River loves the ocean« von Polarkreis 18, dessen elegischer großer musikalischer Bogen eine faszinierende Hommage an eines der vielen Wunder der Erde ist und dessen kammermusikalische Umsetzung äußerst gelungen war.

Peter Gabriel, vielen dürfte er noch bekannt sein aus der Formation Genesis, welche mit manchem psychedelischen Rock-Opus in den 70ern begeisterte, trat nach der Auflösung der Gruppe eine erfolgreiche Solokarriere an. Seine Hymne »Here comes the flood« war in der kammermusikalischen Umsetzung viel farbenreicher und interessanter, als es im Original zu hören ist. Einzig die Adaption des legendären Steely Dan-Songs »Charlie Freak« überzeugte nicht so ganz. Da fehlte der geschmeidige Groove, die Lässigkeit des Originals blieb irgendwie auf der Strecke. Geschmackssache? Womöglich.

Nachdem man in der Pause etwas Zeit gehabt hatte, über das gerade eben Gehörte erfreut zu staunen, ging es weiter mit dem Klavierquintett Nr. 2 Es-Dur op. 87 von Anton Dvorak. Das Allegro con fuoco mit seinem mächtig wummernden Klavierbass klang, als könnte es wiederum auch schon heutige Musiker beeinflusst haben. Deep Purple oder Procol Harum, etwa, um nur zwei zu nennen. Das schwerblütige Lento mit seinen expressiv gestalteten Ausbrüchen war tief empfunden und machte das Zuhören durch sensible Phrasierung zu einem seltenen Genuss. Beim Allegro moderato grazioso erfreute man sich am temperamentvollen Übermut des Stückes, bei dem der Pianist Dirk Mommertz frei von Koketterie, dafür aber mit Dynamik und analytischem Verstand agierte. Das seelenvolle und seelenfüllende Finale allegro non troppo mit seinen fulminanten Ausbrüchen – die Bögen der Streicher flogen nur so über die Saiten – setzte einen geradezu eruptiven Schlussapplaus frei. Wenn dem Traunsteiner Publikum etwas gefällt, hat es die sympathische Eigenschaft, dies auch zu zeigen.

Kaum zu glauben, dass man auf so einen Dvorak noch etwas draufsetzen kann. Doch es ging: Zur Belohnung für so viel Begeisterungsfähigkeit gab es nämlich eine Zugabe. »Wir spielen Ihrem Temperament gemäß etwas von Eduardo Hubert aus Argentinien, den Faurétango« lautete die Ansage zum letzten Stück des Abends, ein ordentlicher Rausschmeißer, der das Glück komplett machte. Barbara Heigl