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Wolf nicht »abknallen«, sondern regulieren

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Blumen und einen Geschenkkorb gab es für Bundesministerin Julia Klöckner. Rechts die bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber.

Teisendorf – Ganz zufrieden werden die Bauern im Teisendorfer Poststall nicht gewesen sein, denn Julia Klöckner will weder den Wolf »abknallen«, noch die Düngeverordnung verteufeln. Die Bundeslandwirtschaftsministerin mochte auch nicht einstimmen in eine pauschale Verurteilung von kritischen Umweltschützern.


In Sachen betäubungsfreie Ferkelkastration blickte sie sogar kritisch auf die Vertreter des Bauernstands, die sich wenig darum gekümmert hätten in der Überzeugung, die Politik müsse die Sache ohnedies verschieben. Und das tut die Politik tatsächlich: »Wir werden es unter Bedingungen zwei Jahre aufschieben, um Alternativen hinzubekommen.« Insgesamt aber lobte Klöckner die Bauern für ihre Arbeit und für ihren Weg. Eingeladen zu diesem sogenannten »Agrar-Gipfel« hatte ihre bayerische Amtskollegin Michaela Kaniber.

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Die 46-jährige Rheinland-Pfälzerin schickte ihrer Rede eine Warnung voraus: »Die Gesellschaft verändert sich und mit ihr auch die Landwirtschaft. Wer an Altem festhalten will, wird nicht Schritt halten.« Dabei stehe die Landwirtschaft im Fokus der Öffentlichkeit. »Es gibt 80 Millionen Experten in Deutschland, die Ratschläge von der Couch aus erteilen.«

Julia Klöckner warnte vor jenen, die meinten, man müsse es »denen zeigen.« Zu dieser Kategorie gehört Klöckners Meinung nach auch die Tierschutzorganisation PETA, die als »selbsternannte Stallpolizisten« in das Eigentum anderer eindrängen. Sie stehe ebenso wie Michaela Kaniber auf deren Abschussliste. Motto: »Euch kriegen wir auch noch.« Klöckner sieht keinen Unterschied zu ebensolchem Verhalten »auf der rechten Seite«. Sie warnte davor, in einer Realität aufzuwachen, in der man nichts mehr zu sagen habe.

In 20 Jahren würden zwei Milliarden Menschen mehr auf diesem Planeten leben, sagte Klöckner und betonte: »Die müssen ernährt werden. Mit Landwirtschaft.« Für die hatte sich Michaela Kaniber zu Beginn stark gemacht, sei die deutsche Landwirtschaft mit 158 Milliarden Euro Umsatz doch der zweitgrößte Wirtschaftszweig nach der Automobilindustrie. Mit 900 000 Arbeitsplätzen arbeite jeder siebte in der Landwirtschaft beziehungsweise in vor- und nachgelagertem Gewerbe. »Dabei trägt sie gerade mal sieben Prozent zu den weltweiten Emissionen bei«, ergänzte Klöckner, die die Bauern animierte, sich in der Öffentlichkeit zu Wort zu melden. »Beteiligen Sie sich an der Debatte.«

Die Debatte engagiert angestoßen hatte Gitti Leitenbacher von der CSU-Arbeitsgemeinschaft Landwirtschaft. »Die Vorschriften machen uns handlungsunfähig«, benannte sie beispielhaft die CC-Kontrollen (Cross-Compliance) mit ihrer Sieben-Tage-Frist. Die ständigen Vorwürfe an die Bauern verursachten Stress und Wut und nachweislich psychische und physische Probleme. »Die Bauern sind an allem Schuld«, laute ein oft gehörter Vorwurf. Leitenbacher wünschte sich die beiden Ministerinnen als »Schutzschilde« des Bauernstands.

Auch Teisendorfs Bürgermeister Thomas Gasser lieferte Klöckner eine Vorlage: Mit dem Grünlandstatus dürfe Grünland – sprich Wiese – nicht mehr umgebrochen werden. »Da brennt da Huad.« Der BBV-Kreisobmann im Berchtesgadener Land, Georg Baumgartner, wünscht sich Dünge-Ausnahmeregelungen bei Grünland dort, wo die Nitratbelastung des Trinkwassers nicht im roten Bereich liege. »Wir kommen in die Bredouille«, schob Kaniber dazu nach, »denn die Lagerkapazität für Gülle ist einfach nicht da.«

»Düngerecht ist europäisches Recht«, erklärte Klöckner dazu. »Ich werde sicher  nicht  sagen,  ein Vertragsverletzungsverfahren ist mir egal.« Die Ministerin sieht in dem neuen Recht einen »tragbaren Kompromiss«. Allerdings: »Wir sind ständig in Brüssel, und sind dort im Gespräch über Ausnahmen.«

»Man kann den Wolf als Erfolg in Sachen Biodiversität sehen«, meinte Klöckner weiter, man dürfe die Augen aber nicht vor den Problemen verschließen. Denn »Wolf-Nostalgiker im dritten Stock« wüssten nicht, was wirklich los sei. Aber: »Nicht abknallen, sondern regulieren«, erkennt Klöckner als richtige Lösung, »mit einem vernünftigen Management zu einer realistischen Koexistenz.«

In ihrer Heimat habe es heuer sowohl Hagel und Frost, als auch Dürre und Überschwemmungen gegeben. »Die Schlaumeier sagen dann: 'Ihr müsst halt was anderes anbauen'.« Eines ist für die Ministerin klar: »Wir können nicht jedes Jahr Steuergelder ausgeben.« Um Schwankungen auszugleichen, kann sie sich eine »steuerliche Tarifglättung über drei Jahre« vorstellen. Von Versicherungen hält sie eher weniger: »Das Geld soll nicht dorthin fließen.«

Michaela Kaniber erklärte, in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land gebe es 4000 landwirtschaftliche Betriebe. »Die Traditions-Landwirtschaft muss erhalten bleiben«, betonte sie. Dafür werde sie alles tun, denn »ich bin eine bayerische Kämpferin.« Ihrer Berliner Kollegin attestierte Kaniber: »Sie ist eine mutige Frau, die knallhart ihren Weg geht.« Dabei warb die für »Kompromisse als höhere Form der Politik.« Nicht ein Einzelner solle das Sagen haben, »auch wenn man dem manchmal dieses Gefühl geben muss.« Damit erntete Klöckner einen Lacher. höf

 

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