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Wohlfahrtsverband feierte 100-jähriges Bestehen

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Im Zelt auf dem Rathausplatz in Traunreut fanden die Besucher des Familienfests Platz und lauschten den Ausführungen von Elfi Dzial, die seit 1997 Ortsvorsitzende und gleichzeitig seit 2016 Kreisvorsitzende der AWO ist. ( Foto: P. Mix)

Traunreut – Die AWO gehört mit ihren nunmehr 100 Jahren zu den ältesten Wohlfahrtsverbänden in Deutschland. Gegründet wurde sie 1919 von Marie Juchacz als »Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt in der SPD«. Hinter der Gründung stand damals das Ziel, Not zu lindern und ihr vorzubeugen in Form von Selbsthilfe der Arbeiterschaft. Anlässlich des Jubiläums fand am Samstag auf dem Traunreuter Rathausplatz ein großes Familienfest statt.


Der Landesvorsitzende der AWO in Bayern, Prof. Dr. Thomas Beyer, erinnerte in seiner Ansprache anlässlich des Jubiläums an die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als die Menschen genug hatten von Not, Hunger, Verwüstung. Die Arbeiterschaft sollte damals eine eigene Wohlfahrtsorganisation bekommen. Erste Einrichtungen entstanden bereits in den 1920er Jahren. Im Dritten Reich sollte die Arbeiterwohlfahrt in die nationalsozialistische Volkswohlfahrt überführt werden, wogegen sich die Mitglieder jedoch wehrten. Sie wurde in Folge verboten und erst 1946 wieder ins Leben gerufen.

»Nie wieder Rassismus oder Ausgrenzung«

»Die AWO hat damals Position bewiesen«, betonte Beyer. Noch heute sei man sensibel, wenn es um bestimmte Themen geht: »Wir sagen laut und deutlich: nie wieder Verletzung der Menschenrechte, nie wieder Rassismus oder Ausgrenzung.« Dass die AWO immer wieder eine Vorreiterrolle übernahm, erläuterte der Landesvorsitzende am Beispiel der Kindertagesstätten. Eine erste wurde nach seinen Worten schon in den 1920er Jahren in Nürnberg eingerichtet, »als die Mehrheit der Bevölkerung sie noch nicht wollte, viele Familien sie aber brauchten«. Schon lange sei die AWO nicht mehr primär eine Selbsthilfeorganisation, sondern ein sozialer Dienstleister, der sich auch politisch einmischt. So fordere sie eine Reform der Pflegeversicherung und »endlich einen Beschluss für die Grundrente«. Prof. Dr. Beyer: »Ein Land wie Deutschland muss in der Lage sein, Altersarmut abzuschaffen.«

»Starke Säule unseres Sozialstaats«

In kurzen Grußworten gratulierten weitere Redner zum 100. Geburtstag. Der stellvertretende Landrat Sepp Konhäuser ist seit 1974 Mitglied des Ortsverbands Ruhpolding und konnte miterleben, wie sich der Verband »zu einer starken Säule unseres Sozialstaats bundesweit wie in unserem Landkreis entwickelt hat«. Er nannte einige Zahlen: bundesweit gibt es 30 Bezirks- und Landesverbände der AWO, 411 Kreis- und 3514 Ortsvereine, über 333.000 Mitglieder, 65.000 ehrenamtlich Tätige und 211.000 Hauptamtliche. Sepp Konhäuser: »Wir im Landkreis sind davon überzeugt, dass in jedem genug Kraft steckt, damit wir unsere Welt menschlicher erhalten. Die AWO hat nicht ohne Grund seit jeher das Herz im Logo.«

Bundestagsabgeordnete Dr. Bärbel Kofler erinnerte an die Gründerin der AWO, Marie Juchacz, die auch die erste Frau war, die in einem frei gewählten deutschen Parlament eine Rede hielt. Sie soll damals gesagt haben, den Frauen sei damit endlich das Recht gegeben worden, das ihnen zuvor verwehrt war. Dr. Kofler führte aus: »Die AWO hat sich immer eingemischt, war immer politisch, steht für Offenheit und Toleranz, für Inklusion, Frauenrechte und Gleichberechtigung.«

Bürgermeister Klaus Ritter nannte es eine große Ehre, dass die Feier im Zentrum von Traunreut stattfand. Schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde den Flüchtlingen und Vertriebenen in der jungen Kommune vom Stützpunkt der Arbeiterwohlfahrt Trostberg geholfen und der Landesverband baute ein Arbeitnehmer-Wohnheim auf, dort wo heute der Radl-Laden der AWO in der Kantstraße ist. Später folgten das Seniorenzentrum, die Sozialtherapeutische Einrichtung und weitere. Klaus Ritter betonte: »Im Mittelpunkt steht dabei immer der Mensch.« Als Synonym für diese Einstellung bezeichnete er die langjährige Ortsvorsitzende Elfi Dzial, die sich die Unterstützung der Bürger zur Lebensaufgabe gemacht habe und der er für ihren herausragenden Einsatz dankte.

Ein Überblick über die Einrichtungen der AWO

Elfi Dzial, die seit 1997 Ortsvorsitzende und gleichzeitig seit 2016 Kreisvorsitzende ist, gab einen Überblick über die Entwicklung der AWO und ihre Einrichtungen im Landkreis. Bereits vor 1933 gab es demnach einen Ausschuss der Arbeiterwohlfahrt in Traunstein. Nach dem Verbot und den Kriegsjahren wurde der Ortsverein Traunstein wiedergegründet und 1948 eigener Kreisverband. Er ist Träger von sieben Kindertagesstätten im Landkreis, betreibt neun Mittagsbetreuungen, das Selbsthilfezentrum Traunstein, die Koordinationsstelle für Flüchtlingshelfer und die Mutter-Kind-Kur Vermittlung.

Die Ortsvereine Trostberg (seit 1928), Fridolfing (1945), Traunreut (ab 1951), Ruhpolding, Inzell und Reit im Winkl gehören zum Kreisverband, wobei Inzell und Reit im Winkl derzeit vom Kreisverband betreut werden, weil es keinen aktiven Vorstand gibt. Im Kreisverband sind 117 Angestellte und 1604 Mitglieder verzeichnet. Elfi Dzial ging auf die Geschichte der einzelnen Ortsvereine ein und zählte die zahlreichen Aktivitäten in den jeweiligen Orten auf.

Neben den Ansprachen zum Jubiläum gab es beim Familienfest am Rathausplatz umfangreiche Informationen über die AWO-Einrichtungen im Landkreis und jede Menge Spiel und Spaß für die kleinen Besucher. Die beiden Kindergärten von Tacherting und Altenmarkt erfreuten mit Aufführungen und es gab Musik zur Unterhaltung. Aufgrund des zwischendurch immer mal einsetzenden Regens mussten die Aktivitäten allerdings alle ins Zelt verlegt werden. mix