weather-image

Wo die dunkle Vergangenheit gut begreifbar ist

3.7
3.7
20. Geburtstag der Dokumentation Obersalzberg: Wo die dunkle Vergangenheit gut begreifbar ist
Bildtext einblenden
Eine gelungene Geburtstagsfeier in der Dokumentation Obersalzberg (v.l.): Bayerns Finanzminister Albert Füracker, Prof. Dr. Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin, und Landrat Georg Grabner, Vorsitzender der Berchtesgadener Landesstiftung. (Fotos: Meister)

Berchtesgaden – Am 20. Oktober 1999 hatte der damalige Bayerische Finanzminister Prof. Dr. Kurt Faltl­hauser die Dokumentation Obersalzberg eröffnet. Sein Nachfolger im Amt, Albert Füracker, lud exakt zu diesem Datum am Sonntag zum 20. Geburtstag in die mittlerweile weltweit beachtete Einrichtung ein.


Alle Redner des Festakts hoben in besonderer Weise den hohen Besucheranteil von Studenten und Schülern, die großteils im Klassenverband auf den Berg kommen, hervor. In seiner Rede betonte der Bayerische Finanzminister Albert Für­acker, dass die Dokumentation Obersalzberg weltweit eine der wenigen Dauerausstellungen sei, die sich mit allen wesentlichen Themen aus der Zeit des Nationalsozialismus beschäftige.

Die Dokumentation Obersalzberg übertraf nahezu von Beginn an alle Erwartungen. Dabei war ihre Geburt eine durchaus schwierige Angelegenheit, erinnerte »Hausherr« Landrat Georg Grabner in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Berchtesgadener Landesstiftung, die von Beginn an der Rechtsträger der Einrichtung war. Eine Gedenk- oder Bedenkstätte und viele andere Varianten seien seinerzeit im Gespräch gewesen, ehe sich der Freistaat Bayern für ein »Zwei-Säulen-Konzept« entschied, das neben der Dokumentation im ehemaligen Gästehaus auch den Neubau eines Fünf-Sterne-Hotels auf dem Obersalzberg vorsah.

Die Dokumentation sei von Beginn an eine Erfolgsgeschichte gewesen und habe sogar den Effekt gebracht, dass mit der wissenschaftlich fundierten Aufklärung, die die Doku-Stelle leiste, auch die bis dahin den Berg oft bevölkernden unliebsamen Gäste, dubiose Besucher zurückgedrängt wurden. Statt der erwarteten rund 30.000 Besucher jährlich kämen nun zuverlässig bis zu 170.000 in die längst national und international hoch geachtete Einrichtung, die umfassend informiere und aufkläre.

Man befinde sich am Schauplatz der Inszenierung des NS-Regimes, erinnerte Bayerns Minister für Finanzen und Heimat, Albert Füracker. Die Dokumentation Obersalzberg wurde vor 20 Jahren mit dem Ziel errichtet, die Ereignisse dieses historisch belasteten Ortes verantwortungsvoll und wissenschaftlich aufzuarbeiten. Auch als »Mahnung, wachsam zu sein und für die Grundwerte unserer Verfassung einzutreten«, insbesondere an die Jugend gerichtet. Zwei Jahrzehnte später habe diese Botschaft durchaus weiter Bedeutung, »in Zeiten des stärker aufkommenden politischen Extremismus und Populismus«. »Erinnern, mahnen und lernen – das Team der Dokumentation Obersalzberg leistet hier Vorbildliches«, stelle Minister Füracker fest.

Bildtext einblenden
Festredner Prof. Dr. Volkhard Knigge warnte davor, die Vergangenheit als etwas Abgeschlossenes zu den Akten zu legen.

Die neue Ausstellung werde unter dem Titel »Idylle und Verbrechen« gezeigt, informierte Prof. Dr. Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin. Das Böse liebe bisweilen durchaus das Schöne. Der Obersalzberg sei nicht nur nur Hitlers Ferienort gewesen, sondern der zweite Regierungssitz neben Berlin, an dem zentrale Entscheidungen gefallen wären. Das mache die Spannung aus, die über diesem Ort liege. Hier seien die Pläne entwickelt worden zu Vernichtung und Massenmord. »Und abends fuhr man in die Oper nach Salzburg.«

Als er vor rund einem Jahrzehnt als Gast im nahe gelegenen Hotel weilte, habe er eine schlechte Nacht gehabt, sagte Prof. Dr. Volkhard Knigge, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, in seinem Festvortrag. Die Luft sei ihm wie vergiftet vorgekommen. Eine vergiftete Idylle. Jetzt aber freue er sich, wenn er hier sei. Das Dokumentationszentrum habe zu etwas Schönem beigetragen. Hinreißend sei die Hardware, die Software überzeugend.

Als er 2012 erstmals das Konzept für den Obersalzberg zu sehen bekam, sei die Bundesrepublik noch weitestgehend in Ordnung gewesen. Er und seine Gesprächspartner hätten sich nicht vorstellen können, wie rapide Hassreden, Ausgrenzungsversuche und andere üble Erscheinungen um sich greifen können und schon gar nicht, dass wenige Jahre später rechtspopulistische Kräfte im Bundestag sitzen könnten.

An diesem Festtag wolle er aber nicht nur schwarz zeichnen. Hier in der Dokumentation sei die dunkle Vergangenheit gut begreifbar, denn sie sei »weniger entlebendigt als wir es wollen«. Volkhard Knigge empfand es als wunderbar, dass man am Obersalzberg nicht nur den Bestand erhalte. Dass eine Dokumentation »aus den Nähten« platze und einen Anbau und eine Erweiterung brauche, sei letztlich etwas Ermutigendes.

Und so schloss der Festakt mit einem Rundgang, mit der Besichtigung des Bestandes, der bisherigen Ausstellung. Die künftige konnten die Festgäste nur als Baustelle aus der Ferne besichtigen. Sie braucht noch eine Weile bis zur Begehbarkeit. Die Fertigstellung für die Erweiterungs-Dauerausstellung ist für das Jahr 2021 geplant. Dieter Meister