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»Wir wollen helfen, dürfen aber nicht«

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Berchtesgadener Land: Helfen in Zeiten der Corona-Krise – nicht für alle möglich
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Günther Hemmerlein (l.) und Bernhard Lunkowsky sind in Sorge um ihre Angehörigen, die im »Senioren Wohnen Kirchberg« leben. (Foto: Hans-Joachim Bittner)

Berchtesgadener Land – Günther Hemmerlein und Bernhard Lunkowsky wollen helfen. Sie dürfen aber nicht. Hemmerleins Frau ist 85, lebt seit gut vier Jahren im »Senioren Wohnen Kirchberg« der Sozialservice-Gesellschaft des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK), und ist hoch dement. Jeden Tag betreut sie ihr Mann mit Ansprache, Vorlesen und auch Ausfahrten – die derzeit unterbleiben müssen.


»Sie benötigt jeden Tag große Zuwendung«, sagt ihr Mann, der während der aktuellen Krisensituation das Pflegepersonal durch Eingeben von Essen und Getränken entlasten und seiner Elfriede beistehen möchte – »so, wie ich es vor gut 60 Jahren versprochen habe, in guten wie in schlechten Zeiten«.

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Für das schon heute an der Belastungsgrenze arbeitende Pflegepersonal sei die tägliche Versorgung der Bewohner mit Flüssigkeit ein zeitraubender Prozess. Mögliche Corona-Erkrankungen im Pflegeheim würden das dortige Personal zusätzlich stark beanspruchen. Bei Erkrankungen von Pflegekräften würde die nötige Versorgung rasch an ihre Grenzen stoßen. Hemmerleins Angst: »Meine Frau könnte regelrecht austrocknen, also verdursten.«

Bei Bernhard Lunkowsky ist die Situation ähnlich. Er hat noch beide Elternteile, sie leben seit vier Jahren ebenfalls im »Senioren Wohnen Kirchberg«. Er hat aufgrund des ausgesprochenen Besuchsverbotes ebenfalls große Bedenken, dass seine Eltern in dieser angespannten Situation vor allem psychisch zusammenbrechen. Lunkowskys Mutter ist 82 Jahre alt und bettlägerig, sein 86-jähriger Vater sitzt erblindet im Rollstuhl. Beide haben im BRK-Haus in der Thumseestraße 9 eine Wohnung.

Der Sohn sagt: »Ich habe der Heimleitung mehrmals mündlich und in diversen E-Mails mein Angebot unterbreitet, mich während dieser angespannten Zeit bei den Eltern in der Wohnung als Gast aufzuhalten, um zu helfen. Eine Übernachtungsmöglichkeit ist dort vorhanden. Meine Verpflegung kann ohne Probleme über das Haus mit erfolgen, selbstverständlich auf meine eigene Rechnung.

»Wir wollen das Personal entlasten«

Lunkowsky erkennt keinen Grund, ihn nicht reinzulassen, sobald er einen Corona-Test mit negativem Befund vorlegen würde: »Das Risiko wäre gleich Null, vor allem, wenn ich das Haus für die akute Katastrophenfall-Zeit ebenfalls nicht mehr verlassen würde. »Ich möchte das Pflegepersonal sehr gerne entlasten. Man müsste dort doch dankbar sein, wenn jemand von den Angehörigen völlig unbürokratisch und kostenfrei seine Hilfe anbietet. Im Grunde mache ich das ja seit Jahren.«

Hemmerlein dazu: »Ich selbst lebe im ›Senioren Wohnen Wisbacherstraße‹, das ebenfalls zum BRK gehört. Dort gibt es das gleiche Essen wie hier in Kirchberg. Ob ich dort oder hier esse, bleibt völlig gleich.« Und Lunkowsky könnte sich in der Küche der Wohnung der Eltern obendrein selbst versorgen.

Natürlich sei unter normalen Verhältnissen die Grundversorgung gewährleistet. Aber Alten- und Krankenpflege sei so viel mehr, wissen beide. »Vor allem, wenn es um die psychische Betreuung geht, sind doch gerade die Angehörigen unverzichtbar«, so Lunkowsky. Sein Vater benötigt als Erblindeter permanente Ansprache: »Ansonsten sackt er in sich zusammen und ist völlig teilnahmslos. Und dann baut er innerhalb weniger Tage extrem ab.« Während sein Vater einen Trinkbecher immerhin noch selbst zum Mund führen kann, ist dies Hemmerleins Ehefrau nicht mehr möglich.

Bestätigt werden die beiden durch die am Donnerstag abgehaltene Pressekonferenz von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und des Pflegebevollmächtigten Andreas Westerfellhaus. Zwei zentrale Punkte, die dabei angesprochen wurden, drücken exakt das aus, was Lunkowsky und Hemmerlein wollen: »Eigeninitiative und schnelle pragmatische Lösungen, um die Pflegekräfte vor Ort zu entlasten«. Und: »Der Pflege-TÜV ist bis September ausgesetzt, um Bürokratie zu vermindern.«

Kein Vorwurf an die Heimleitung

Lunkowsky und Hemmerlein würden auch anderen Heimbewohnern zur Seite stehen, die dringend Hilfe benötigen. Beide engagieren sich in einer Art Interessenvertretung für das »Senioren Wohnen Kirchberg«. Lunkowskys aktuelle Bitten werden allerdings permanent abgelehnt. Eine Übernachtungsmöglichkeit im Haus wäre nur während des »Sterbeprozesses« möglich, heißt es. »Unseren öffentlichen Vorstoß wollen wir nicht als Vorwurf gegen die örtliche Heimleitung verstanden wissen«, betont Hemmerlein, sie muss sich an die Vorgaben der Hauptverwaltung in München halten«.

Allerdings konnte Lunkowsky in der Vergangenheit bei Bedarf bei seinen Eltern übernachten. »Mir wurde immer gesagt, das sei die Wohnung der Eltern, die uns zur freien Verfügung stehe.« Die Sozialservice-Gesellschaft des BRK in München teilte als Betreiber der Einrichtung in Bad Reichenhall mit, dass auf »externe betriebsfremde Personen nicht zurückgegriffen« werden könne.

Günther Hemmerlein unterstützt Bernhard Lunkowsky: »Durch das Eingeben von Essen und Trinken könnten wir die Altenpflegekräfte als ehrenamtliche Hilfsarbeiter entlasten. Eine Gefährdung der Bewohner wäre damit nicht verbunden, weil wir ja bereit sind, uns vor Betreten des Hauses auf Infektionen testen zu lassen. Und wir würden uns dort in Quarantäne begeben. Damit würden wir schließlich auch unsere noch vorhandene Freiheit aufgeben und uns selbst körperlich belasten.«

Jurist Hemmerlein hebt mahnend den Zeigefinger: »Wer helfende Hände zurückweist, kann sich mitschuldig machen.« Bernhard Lunkowsky stuft das Verhalten als »völlig unverhältnismäßig« und »verantwortungslos« ein. Er wandte sich mit seiner Bitte bereits an die Heimaufsicht des Landratsamtes Berchtesgadener Land, an die Sozialservice-Gesellschaft des BRK sowie an Ministerialdirektor Karl Michael Scheufele im Bayerischen Innenministerium. »Jeder Tag, der vergeht, ist ein verlorener Tag, an dem die alten Menschen keine moralische Unterstützung bekommen und wir sie alleine lassen.«

Die beiden hoffen weiter darauf, eine Sondergenehmigung von oberster Stelle zu erhalten: »Ich habe den Eindruck, die Verantwortlichen sind mit der Situation völlig überfordert. Es ist doch bekannt, dass ein permanenter Personalmangel besteht und die Pflegekräfte am Limit arbeiten. Dass mein Angebot, den Menschen zu helfen, abgelehnt wird, ist mehr als traurig«, so Lunkowsky. Hans-Joachim Bittner