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»Wir treffen nette Menschen hier«

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Gemütliche Atmosphäre: Shirawan Rammo (2.v.l.) kommt jeden Dienstag zur Gruppe »Refugees & Supporters« ins Werk 34. Dort trifft er auf Menschen, die ihm und anderen Flüchtlingen unter die Arme greifen. (Foto: Voss)

Berchtesgaden – Schwimmen lernen, Deutschunterricht oder wie man Formulare ausfüllt: Es gibt eine Gruppe von Helfern im Werk 34, die sich für die Menschen einsetzt, die aus größter Not nach Deutschland geflüchtet sind. Die »Refugees and Supporters«, auf deutsch: »Flüchtlinge und Unterstützer«, treffen sich jeden Dienstag von 16 bis 18 Uhr im Werk 34.


Der Schnitzschüler Felix Sielermann leitet das Treffen am Dienstag. »Eigentlich haben wir keinen Chef, bei uns läuft alles demokratisch«, sagt der 32-Jährige angehende Schreiner. Er kommt aus der Nähe von Bielefeld. Auch Rentner Hans Lackner aus Schönau am Königssee, Schnitzschülerin Ina Sebold und Sonderpädagoge Marc Becker sitzen am großen Tisch im »Wohnzimmer« im oberen Stockwerk des Mehrgenerationenhauses. Bis jetzt sind nur »Supporters« und keine Flüchtlinge anwesend. »Mal kommen mehrere, mal weniger. Das ist von Woche zu Woche unterschiedlich«, erklärt Felix. Auch die Zahl der Unterstützer variiert. »Insgesamt sind es bis zu 30 Helfer.«

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Zeit für Organisatorisches. Marc Becker gibt den Asylbewerbern in Berchtesgaden Deutschunterricht. Donnerstags um 15 Uhr findet dieser im Café Waldluft statt. Solche Termine, auch für Schwimmkurse, die Hans Lackner organisiert, werden bei dem Treffen ausgemacht. »Wir suchen immer noch Leute, die Deutschunterricht geben wollen«, erwähnt Felix. »Viele haben einfach Angst und denken, sie bekommen das nicht hin.« Allerdings sei das kein Problem, da es am Anfang nur auf die wichtigsten Wörter ankommt, und nicht auf die komplizierten Grammatikregeln. »Wir haben da ein Buch, nach dem wir uns beim Deutschlehren richten.«

Außerdem sammeln die Unterstützer Kinderspielzeug, Kinderwägen und Kleidung. Wer spenden möchte, kann das jeden 2. und 4. Mittwoch im Monat von 16 bis 18 Uhr bei der »Kleiderkammer« der Berchtesgadener Tafel, Ludwig-Ganghofer-Straße 20 1/4, in Berchtesgaden.

Zum Spenden gibt Felix noch einen wichtigen Tipp: »Es ist besser, die Spenden zur Kleiderkammer oder zur Caritas zu bringen, als die Sachen selbst mit dem Auto zu den Flüchtlingsunterkünften zu fahren. Das ist nicht gut, weil die Leute sich dann um die Dinge streiten.« Außerdem sollten die Gegenstände schon vorsortiert sein, fügt der 32-Jährige hinzu. Niemand könne kaputte oder schmutzige Sachen brauchen.

Nach einer Weile geht die Tür auf und Shirawan Rammo kommt herein. Als er Felix sieht, beginnt er zu lachen. Die beiden begrüßen sich wie zwei alte Freunde, umarmen sich und klopfen sich auf die Schulter. Shirawan ist 30 Jahre alt, verheiratet und Vater eines kleinen Buben. Der Kurde aus Syrien ist vor zehn Monaten nach Berchtesgaden gekommen und spricht mittlerweile fast flüssig Deutsch. »Ich komme jede Woche hierher«, erzählt er. »Jetzt habe ich bald einen Test im Lesen und Schreiben«, fährt er fort. Hans Lackner hat ihm schon öfter Deutschunterricht gegeben und bietet an: »Wenn du willst, können wir nochmal eine Stunde machen.« Shirawan erzählt, er habe viele gute Deutschlehrer, sowohl in Berchtesgaden als auch in Freilassing.

Dann dreht er sich zu Felix und sagt, er müsse am nächsten Tag ins Landratsamt. »Ich muss dort Papiere holen, damit meine Frau und mein Kind auch nach Deutschland dürfen.« Die beiden seien noch in Syrien. Sein zweijähriger Sohn brauche dringend ärztliche Behandlung, da er Probleme mit den Ohren habe. »Kannst du das nicht auch telefonisch klären?«, fragt Felix. »Nein, ich gehe lieber persönlich hin«, entgegnet der 30-Jährige, der laut Felix auch sehr musikalisch ist. »Ich spiele Klavier, Gitarre, Mundharmonika, und ich habe mir jetzt auch eine Flöte gekauft«, sagt Shirawan daraufhin mit einem Schmunzeln.

Lackner drückt ihm ein längliches weißes Band in die Hand. »Das sind Namensschilder für seine Wohnung«, sagt der Rentner. Shirawan wohnt seit Kurzem am Franziskanerplatz im ehemaligen Solekurbad. Seit einigen Wochen hat er seine Aufenthaltserlaubnis. Vorher hat er mit den anderen Asylbewerbern im »Café Waldluft« gewohnt. Der Kurde macht derzeit einen Integrationskurs in Freilassing. Wenn er diesen in zwei Monaten abgeschlossen hat, darf er sich offiziell für einen Job bewerben.

Auch dabei können ihm dann die »Supporters« helfen. Aber das Konzept der Gruppe sieht keine Einbahnstraße vor. »Wir kommunizieren auf einer Ebene mit den Flüchtlingen. Wir helfen nicht nur, sondern bekommen auch neue Freunde, Herzlichkeit und das Miteinander«, betont Felix. »Wir treffen einfach nette Menschen hier.«

Das Problem: Einige der Helfer sind Schnitzschüler, die jetzt nach ihrem Abschluss wegziehen, wie Ina. »Ich gehe nach München und mache dort meinen Master«, berichtet die Supporterin. Aber Felix, der 2016 als Schreinergeselle fertig werden möchte, hat schon einen Plan: »Jetzt, wenn das neue Schuljahr losgeht, werden wir wieder neue Leute rekrutieren.« Damit auch die Menschen die Hilfe bekommen, die diese benötigen, arbeitet das Team an Aushängen in den Flüchtlingsunterkünften. »Die müssen wir ja in sieben bis zwölf Sprachen übersetzen«, meint der 32-Jährige.

Generell sei jeder willkommen, der helfen will. »Einfach kommen«, lautet die Antwort auf die Frage nach den Kontaktmöglichkeiten zur Gruppe. »Wir sind jeden Dienstag von 16 bis 18 Uhr im Werk 34«. Außerdem findet diesen Sonntag um 14.30 Uhr das »Café International« statt. »Vielleicht spielt dort Shirawan auch wieder Musik aus seiner Heimat«, fügt Felix hinzu. Annabelle Voss

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