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»Wir sind Qualitätsfanatiker«

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Berchtesgaden: Brauerei will sich weiterhin auf den Talkessel begrenzen – Jubiläumsfeier in 2021
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Neben dem Bayerischen Reinheitsgebot: Josef Stangassinger wurde 1990 zum Betriebsleiter des Hofbrauhauses.

Berchtesgaden – Während zunehmend Brauereien schwinden, feiert das Hofbrauhaus Berchtesgaden heuer sein 375-jähriges Bestehen. Trotz vieler Besitzerwechsel konnte sich die Brauerei nicht nur bis heute halten, sondern bisher auch die Coronakrise überstehen. Der geschäftsführende Gesellschafter, Josef Stangassinger, etablierte vor vier Jahren ein nach seinen Worten »weltweit einmaliges Bier«. Da die geplante Feier heuer ausfällt, hat sich der Diplombrauer etwas anderes einfallen lassen.


Die Betriebsgeschichte geht auf das Jahr 1645 zurück: Das Fürstliche Stift Berchtesgaden kaufte eine damalige Pfisterei. In dem »fürstlichen Präuhaus« wurden pro Jahr 7000 Hektoliter weißes Bier hergestellt. Das Fürstliche Stift Berchtesgaden führte den Betrieb bis ins 19. Jahrhundert.

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Neuerungen durch die Familie Kriß

Nachdem das Fürstentum 1803 zunächst in die Hände des Großherzogs von Toskana gefallen war, gelangte dasselbe im Jahr 1805 an das Kaiserreich Österreich. Indes wurde die Brauerei weiterhin betrieben, doch die Besitzverhältnisse wechselten regelmäßig. Ab 1890 übernahm die Dynastie Kriß das Unternehmen. Kommerzienrat Rudolf Kriß baute die Brauerei von Grund auf neu. Das Bauwerk, das bis heute noch besteht, wurde 1905 fertiggestellt. Entworfen hat es der Münchner Architekt Franz Zell. Die Anlage wurde im Industriestil errichtet.

Dabei sind das »Bräustüberl«, das Hauptgebäude der Brauerei sowie ein Maschinenhaus entstanden. »Inzwischen sind die Gebäude denkmalgeschützt«, sagt der geschäftsführende Gesellschafter und Diplombrauer Josef Stangassinger. Unter der Familie Kriß gab es etliche Neuerungen. So hat man eine neue Flaschenfüllerei für das Hofbrauhaus installiert. Der erste Lastwagen wurde angeschafft, Angestellte haben die Bierfässer zuvor mit einem Bulldog transportiert.

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Mittlerweile sind die Lastwagen moderner und bieten mehr Platz. (Fotos: Patrick Vietze)

Nach knapp 80 Jahren Familienbetrieb verkaufte Dr. Rudolf Kriß 1970 das Unternehmen an die »Fürstliche Brauerei Thurn und Taxis Regensburg«. Nach 20 Jahren hatte der Betrieb finanzielle Probleme. Aus diesem Grund übernahm »Gabriel Sedlmayr Spaten–Franziskaner-Bräu KGaA München« 1989 das Hofbrauhaus.

Flexibilität anstreben

Es folgten Modernisierungsmaßnahmen: Integriert wurden eine neue vollautomatische Heizkesselanlage, ein neuer Gär- und Drucktankkeller sowie eine Fassfüllanlage und ein Brauwasserbehälter. Man wechselte von Holz- zu Aluminiumbierfässern. Der Lagerkeller wurde erweitert und die Maschinenüberwachung automatisiert.

Das Hofbrauhaus ist seit 2009 eine Privatbrauerei. Als Geschäftsführer wurden der Jurist Dr. Jobst Kayser-Eichberg und der bisherige Betriebsleiter Josef Stangassinger eingesetzt. Stangassinger strebte die Privatisierung an. Ihm fehlte die Flexibilität in der Brauerei. Techniker sollen beispielsweise auch im Fuhrpark arbeiten können. »Die Angestellten freuen sich, wenn sie unterschiedliche Aufgaben erledigen dürfen. Diese Flexibilität gibt es in den mittelständischen Betrieben nicht mehr«, so der 64-Jährige.

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Für das Jubiläum bekam das Bier ein Sonderetikett.

Auch wenn schleichend mehr Brauereien sterben, macht sich Stangassinger keine Sorgen um das Hofbrauhaus. Nicht einmal die Coronakrise, in der das Unternehmen zwischenzeitlich 85 Prozent seiner Abnehmer verloren hat, macht ihm zu schaffen. Im Gegenteil: Derzeit beschäftigt Stangassinger 35 Mitarbeiter, darunter sind nur zwei in Kurzarbeit. »Und das auch nur, weil sie Feste organisieren, die momentan nicht möglich sind. Den Verlust gleiche ich zu hundert Prozent aus«, betont der Diplombrauer. Mit einem hohen Maß an Bodenständigkeit habe man die Coronakrise bisher überstehen können. Anderen Brauereien hingegen gehe es wesentlich schlechter.

Stangassinger kennt den Grund dafür: »Meistens ist das ein Generationenproblem. Viele Betriebsleiter wollen nach der Übernahme ihr Unternehmen zu sehr expandieren.« Diese müssten mit größeren Konkurrenten mithalten, was den meisten Unternehmen schwerfällt. Josef Stangassinger und seine Vorgänger hingegen begrenzten sich auf den Berchtesgadener Talkessel. Darüber hinaus sei eine Kundenbindung unabdingbar für ihn. Das Hofbrauhaus bietet heimischen Gaststätten einen Schank- und Kälteservice an. Die Brauhausangestellten reinigen die Schankanlagen, setzen sie instand und beachten die Hygienevorschriften. Damit stellen sie sicher, dass das Bier im Wirtshaus in bester Qualität ausgeschenkt wird: »Wir sind Qualitätsfanatiker.«

»Das ist weltweit einmalig«

Der Fanatismus beginne bereits mit der Produktauswahl. Stangassinger bezieht nur Hopfen aus der Haller-tau, Malz aus Bayern sowie Bergquellwasser aus dem Watzmannkar für die Produktion. Experimentierfreudig zeigte sich das Brauereiteam vor vier Jahren. Braumeister Klaus Hesselbach und Josef Stangassinger etablierten einen hellen Eisbock, ein sogenanntes Craft Beer.

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Der erste Lastwagen wurde 1926 vom Hofbrauhaus angeschafft.

Die Produktion ist aufwendig: Das Bier wird in einem doppelwandigen Tank abgekühlt. Dadurch kondensiert ein Wasser-Alkoholgemisch an der Wand. Diesen Vorgang wiederholt man viermal. Dabei werden aus 100 Litern Bockbier 10 Liter Eisbock gewonnen.

Einen dunklen Eisbock hätten zwar mehrere Brauereien im Angebot. Für die Produktion einer hellen Sorte müsse man aber präzise arbeiten. »Das ist weltweit einmalig.« Die Herstellung einer neuen Biersorte kann sich der 64-Jährige nicht mehr vorstellen: »Wir haben schon alles abgedeckt – vom Berchtesgadener Gold über das Pils bis zum Weihnachtsbock.« Stangassinger will in nächster Zeit die Modernisierung des Unternehmens vorantreiben.

Vor einem Jahr investierte der Brauhaus-Chef in eine neue Flaschenwaschmaschine. Heuer soll eine Flaschenfüllanlage installiert werden. »Alles natürlich Made in Germany«, ergänzt er.

Die für heuer geplante Jubiläumsfeier wird auf das Jahr 2021 verschoben. Dafür hat sich Stangassinger etwas anderes einfallen lassen: eine Sonderetikettierung des Bieres und ein eingedrehtes Glas. Beide zieren das Hofbrauhaus-Logo sowie die Aufschrift »375 Jahre«. Es ist nicht Stangassingers erste Aktion dieser Art. Oft fertigte er Sonderetikettierungen zu speziellen Anlässen an. Es gibt auch Bierflaschen mit der Aufschrift »Berchtesgadener Anzeiger«, »Musikkapelle Gern« oder »Ludwig Ganghofer«.

Der Brauhauschef hat bisher vieles erreicht. Doch das reicht dem 64-Jährigen nicht. Für die Zukunft will er das E-Werk modernisieren und die Nachhaltigkeit fördern. »Mittels zweier Francis-Saugturbinen betreiben wir unser E-Werk selbst. In punkto Nachhaltigkeit sind wir bereits gut dabei.« Des Weiteren will er die Personalzahl halten – nicht mehr und nicht weniger. Mit einem Schmunzeln verrät Stangassinger seinen größten Wunsch: »Im Idealfall wird im Talkessel nur Berchtesgadener Bier getrunken.« Patrick Vietze

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Das Hofbrauhaus Berchtesgaden im Jahr 1905: Damals wurden das »Bräustüberl«, das Hauptgebäude der Brauerei sowie ein Maschinenhaus errichtet. Heute stehen die Einrichtungen unter Denkmalschutz. (Repro: Patrick Vietze)