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»Wir leben nicht auf der Insel der Glückseligen«

Berchtesgaden - Das Berchtesgadener Land ist von vielen Dingen geprägt. Von außen Beobachtende werden in einer Merkmalsliste unbedingt die Brauchtumspflege, die Heimatliebe und die Bodenständigkeit sowie sicher den tief verwurzelten katholischen Glauben nennen. Pfarrer Peter Demmelmair hielt einen Silvestergottesdienst ab. Das ist eigentlich noch keine Meldung, weil es normal ist, dass ein Pfarrherr mit und in seiner Gemeinde das Kalenderjahr beschließt und vielleicht auch für ein glückliches, möglichst besseres neues betet. Zitiert wurde Pfarrer Demmelmair in einem kurzen Text mit dem Wort Gottesmüdigkeit, die sich spürbar breitgemacht habe.

Pfarrer Peter Demmelmair (r.) im Gespräch mit Redakteur Dieter Meister. Anzeiger-Foto

Pfarrer Peter Demmelmair hat zu Beginn des Gespräches eine Bitte. Er möchte seinen Edelweiß-Kaffee nicht wie vorhergehende Gesprächspartner in der Lobby einnehmen, lieber im Panorama-Restaurant im Obergeschoss, vor der Silhouette der Türme von Stifts- und Pfarrkirche.

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In den 17 Jahren seines Wirkens in Berchtesgaden, sagt Demmelmair, hat sich die Welt natürlich verändert. In der Welt und auch im Berchtesgadener Land, denn »wir leben hier nicht in einer Welt der Glückseligen«. Und die Veränderungen sind nicht zum Guten geschehen. Es sei, sagt der Pfarrer, ein Erosionsprozess.

Früher, und es bleibt ein wenig offen, wie weit diese Lokalisierung zurückreicht, habe der christlich verwurzelte Mensch einfach anders gelebt, habe bestimmten und ganz wichtigen Ritualen mehr Bedeutung zugemessen. Was beispielsweise im Tischgebet, im häufigeren Bekreuzigen oder an der Vorbereitung großer Feste sichtbar war.

Die Bankreihen bei den Messen sind lichter geworden. Die Menschen haben offensichtlich vielfach anderes zu tun. Pfarrer Peter Demmelmair nimmt eine sich immer mehr verbreitende Selbstgefälligkeit im Alltag war, Selbstgerechtigkeit, die sich am Materiellen ausrichtet. Der Mensch, und nicht nur der außerhalb des Talkessels lebende, hat alles, was er braucht, glaubt es zumindest und schlussfolgert, dass er Gott nicht mehr braucht, um seine Ziele zu erreichen.

Ist die von Pfarrer Demmelmair beklagte Gottesmüdigkeit nicht eigentlich eine Kirchenmüdigkeit, die sich aus vielen Dingen und auch aus dem Vorgenannten schleichend entwickelt hat? Wer maßt sich an, Gott zu kritisieren, ihm Fehler zu unterstellen. Bei Kirchen ist es zumindest leichter.

Den Begriff Gottesmüdigkeit könne man doppeldeutig auslegen, sagt Pfarrer Peter Demmelmair. »Ist Gott möglicherweise unserer Art zu leben müde?« Warum werden auf Erden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer? Wo bleibt die Gerechtigkeit unter den Menschen? Wo habe sich denn, fragt der Pfarrer, etwas zum Guten entwickelt?

Gottesmüdigkeit könne also auch die Verdrossenheit Gottes sein, wie es übrigens schon bei Jesaja zu lesen sei. Der Mensch renne jedem Deppen nach, der ihm etwas verspreche, »aber ihn, Gott, hören sie nicht.«

Das Thema Glaube ist immer ein schwieriges. Das mag für Redakteure noch schwieriger sein, als für Theologen. Man kann sich kaum an sichtbaren Fakten festhalten. Der Prozess spielt sich im Inneren ab. »Grundsätzlich lautet doch die Frage, was bedeutet mir Gott, und wo erlebe ich ihn?«

Die katholische Kirche ist zuletzt immer wieder in der sogenannten Schusslinie. Genauer gesagt, bringt sie sich selbst immer wieder ins Visier. Die Medien haben gutes Futter, um über Missbrauchsskandale und den (scheinbaren) Aufklärungswiderstand seitens der »Obrigkeit« zu berichten, auch von massenhaften Kirchenaustritten, auch von Abkehr. Es sind vielfach Sätze von Gläubigen zu hören, die inzwischen eine Trennlinie ziehen wollen zwischen Glauben und Kirche. Ersteres sei ihnen selbstverständlich, an der Institution, die sich als Glaubensverwalter begreift, hegen sie indes große Zweifel. Ganz frisch sind die Weigerungen für ein Vergewaltigungsopfer von unter dem Schirm der katholischen Kirche stehenden Krankenhäusern zur Hilfe im Gedächtnis. Für viele Menschen ist ihre Kirche der Halt. Auch, wenn sie in innerlichen Konflikt geraten, weil ihnen eine spürbare Selbstgefälligkeit den Weg versperrt.

»Der Mensch leidet an seelischer Herzkranzverfettung, sagt der Pfarrer ein wenig provokativ und lächelt gewinnend. Auch ein Theologe hat keine ultimativen Lösungsansätze parat. »Die Diagnose zu stellen ist meist leichter als eine erfolgreiche Therapie durchzuführen.« Der Mensch habe sich vielfach von der Gemeinschaft abgewandt und sich ins Privatistische zurückgezogen. Wo er schwer erreichbar sei.

Wie nun äußert sich die Gottesmüdigkeit oder Kirchenmüdigkeit oder auch die Selbstgerechtigkeit konkret in den regionalen Gegebenheiten? Diese Frage ist auch für einen Pfarrer schwer zu beantworten.

Das adventliche Berchtesgaden werde immer heller, sinniert Demmelmair, immer mehr Lichter erhellten den abendlichen und nächtlichen Markt. Aber das wahre Licht werde nicht gesucht. Man wolle offensichtlich keine Wahrheiten mehr, sondern suche Wahrheiterl am Glühweinstand. Diesen Trend könne man auch hier gut beobachten. Er sei sicher, dass Weihnachten in jeder guten Diskothek mehr junge Leute gewesen seien, als in der Messe. »Es sind viele Kleinigkeiten, die in der Summe allerdings ein großes Mosaik ergeben.«

Ist ein Pfarrer, der nicht umhin kommt, eine gravierende Veränderung im Glauben oder besser im Umgang mit dem Glauben, zu registrieren, frustriert? Resigniert er? »Keinesfalls«, sagt Peter Demmelmair. »Es ist natürlich traurig, wenn Menschen sich von Gott, der mir sehr wichtig ist, abkehren, wenn sie glauben, in ihrer materialistischen Grundeinstellung ohne ihn auszukommen. Wenn sie sagen, sie hätten ihre iPod-Welt und das genüge ihnen.«

Er mache Religion keinesfalls an der Anzahl der Kirchenbesuche fest, sagt Demmelmair. Aber es sei auch ein Gradmesser, was den Menschen wichtig sei. Auch dem der Moderne. »Wenn mir jemand wichtig ist, opfere ich ihm Zeit. Wenn ich dies nicht will, kann es keine heiße Liebe sein.« DM