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»Wir kämpfen gegen die Gerüchte«

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»Berchtesgaden ist so sicher wie nie zuvor«, sagt Berchtesgadens Polizeichef Günther Adolph. (Foto: Wechslinger)

Berchtesgaden – Terror in Paris, Köln und Istanbul: Die Angst vor Gewalt und Chaos in der Bevölkerung nimmt zu. Ist das auch im friedlichen Berchtesgadener Talkessel so? Das wollte der »Berchtesgadener Anzeiger« von Inspektionsleiter Günther Adolph wissen.


Herr Adolph, hat sich das subjektive Sicherheitsgefühl der Berchtesgadener in den vergangenen Monaten verschlechtert?

Günther Adolph: Diese Meldungen, die derzeit durch die Medien gehen, verunsichern die Menschen. Das gilt natürlich auch für Berchtesgaden. Wir sorgen aber mit unserer Polizeiarbeit dafür, dass sich die Menschen hier nach wie vor sicher fühlen können.

Hat sich die Sicherheitslage in letzter Zeit verschlechtert?

Adolph: Nein, ganz im Gegenteil: Sie hat sich sogar verbessert. Das zeigt die Kriminalitätsstatistik für das vergangene Jahr, die wir derzeit erstellen, eindeutig. Noch vor ein paar Jahren gab es etwa 1 000 polizeilich erfasste Straftaten jährlich. 2014 waren es nur noch 750. Inzwischen sind wir bei knapp unter 700. Allerdings sind da die illegalen Einreisen nicht mit eingerechnet. Und ich sage auch ganz ehrlich, dass die Wohnungseinbrüche zugenommen haben. Im Jahr 2014 waren es fünf, 2015 waren es neun. Dazu zählen auch versuchte Einbrüche. Diese Taten sind auf niedrigem Niveau gestiegen. Das ist aber immer noch nichts im Vergleich zu anderen Regionen. Noch besser schaut es bei den Gewalttaten aus. Diese sind von 30 im Jahr 2014 auf 19 gesunken. Die rund 300 Asylbewerber im Talkessel wirken sich also definitiv nicht schlecht auf die Sicherheitslage aus.

Wie kann man denn die Sicherheitslage in einer bestimmten Region objektiv beurteilen?

Adolph: Das geht mit der sogenannten Häufigkeitszahl, also der Zahl der Vergehen pro 1 000 Einwohnern. Und die belegt eindeutig, dass die Sicherheitslage im Berchtesgadener Talkessel hervorragend ist. So hatte 2014 Berlin eine Häufigkeitszahl von 150, Bayern 51, Berchtesgaden 41 und Bischofswiesen 30. Noch besser ist sie in Schönau am Königssee mit 29,5 und Marktschellenberg mit 15. Ramsau hat sogar nur 13 Delikte pro Jahr und 1 000 Einwohner.

Die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Polizei steht derzeit häufig in der Kritik. Gibt es tatsächlich eine Anweisung »von oben«, Delikte, in denen Ausländer involviert sind, nicht zu melden?

Adolph: Nein, eine solche Anweisung gibt es nicht. Aber wir haben die Anweisung vom Polizeipräsidium, möglichst neutral und objektiv über Vergehen von ausländischen Mitbürgern zu berichten. Wir müssen uns jedes Mal die Frage stellen, ob es relevant ist, die Herkunft des Täters preiszugeben. Ist es interessant zu wissen, ob ein Berchtesgadener oder ein Syrer ein Radl gestohlen hat? Ich glaube nicht. Und bei häuslicher Gewalt geben wir generell keine Pressemeldung raus. Egal, ob ein Einheimischer oder ein Afghane seine Frau verprügelt hat. Und überhaupt: Wenn jemand schon eine Zeit lang hier – sagen wir in der Schönau – wohnt, dann ist das ein Schönauer. Auch wenn er ursprünglich aus der Slowakei kommt. Ich schreibe doch auch nicht in einer Pressemittelung, dass ein 85-jähriger Sudetendeutscher einen Ladendiebstahl begangen hat.

Was sagen Sie zu den haufenweise Gerüchten über angebliche Vorfälle mit Flüchtlingen? Zum Beispiel sexuelle Belästigungen?

Adolph: Mit diesen Gerüchten haben wir permanent zu kämpfen. Aber wir kämpfen auch gegen sie. Zum Beispiel war erst kürzlich ein Mann in der Inspektion und hat sich darüber aufgeregt, dass wir nichts wegen der Vergewaltigung am Bahnhof unternehmen. Eine solche Vergewaltigung hat es aber nicht gegeben. Genauso wie das hartnäckige Gerücht mit der Flüchtlingsleiche in der Tristramschlucht. Diese Geschichte gibt es seit Mitte November. Ich glaube, die kennt inzwischen wirklich jeder in Berchtesgaden. Sie ist aber komplett erlogen.

Gibt es seit den Vorfällen in Köln veränderte Sicherheitsvorschriften, zum Beispiel verstärkte Polizeipräsenz bei Großveranstaltungen?

Adolph: Die gibt es schon seit Paris. Die Terrorgefahr bei Großveranstaltung ist seitdem erhöht. Natürlich hat die Polizei dafür Konzepte, das ist unsere Aufgabe und nicht weiter ungewöhnlich. Dazu zählt unter anderem eine verstärkte Einlasskontrolle.

Gilt das auch für die vielen Faschingsbälle derzeit im Talkessel?

Adolph: Faschingsbälle sind aus polizeilicher Sicht keine Großveranstaltungen. Unsere Präsenz würde in solchen Fällen eher bewirken, dass sich das subjektive Sicherheitsempfinden der Menschen verschlechtert. Und das wollen wir nicht. Die Leute sollen feiern und Spaß haben. Christian Fischer

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