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Wimbledon-Finalistin Lisicki: «Druck ist ein Privileg»

Berlin (dpa) - Als erste deutsche Tennisspielerin seit Steffi Graf stand Sabine Lisicki im Endspiel von Wimbledon. Trotz der Finalniederlage gegen Marion Bartoli hat es die 23 Jahre alte Berlinerin geschafft, dass in Deutschland wieder über Tennis geredet wird.

Ausblick
Beim Interview in Berlin blickt Sabine Lisicki nach vorn. Foto: Daniel Reinhardt Foto: dpa
Eingespielt
Coach Wim Fissette bildet mit seinem Schützling eine erfolgreiche Einheit. Photo: Friso Gentsch Foto: Friso Gentsch Foto: dpa
Power
Druckvolles Spiel und extremes Selbstbewusstsein zeichnen Lisicki auf dem Platz aus. Foto: Kerim Okten Foto: dpa
Bitter
Nach dem verlorenen Finale ringt Lisicki mit der Fassung - die Londoner lieben sie für diese Emotionen. Foto: Kerim Okten Foto: dpa
Hingucker
Doch vor allem mit diesem Lächeln hat Lisicki die Herzen der Briten erobert. Foto: Andy Rain Foto: dpa
Ziele
Sabine Lisicki will ihre Finalteilnahme mit weiteren guten Leistungen bestätigen. Foto: epa Foto: dpa
Gefragt
Aus London zurück, wird Lisicki am Flughafen von etlichen Fans empfangen. Foto: Maurizio Gambarini Foto: dpa

Im Interview der Nachrichtenagentur dpa spricht Lisicki über ihre Ziele für die US Open, den gestiegenen Druck in der Rolle der Wimbledon-Finalistin und ihren veränderten Umgang mit den Medien.

Frage: Sie hatten nach dem verlorenen Wimbledon-Finale eigentlich angekündigt, jetzt erst einmal abschalten zu wollen und etwas Ruhe zu brauchen. Daraus wurde bislang aber scheinbar nichts.

Antwort: Ja, bis jetzt nicht. Das fing am Flughafen ja schon an. Das war unglaublich, das hätte ich mir nie so vorstellen können.

Frage: Aber Sie haben doch sicher gewusst oder damit gerechnet, dass dort Fans und Fernsehteams warten würden?

Antwort: Ein bisschen schon. Das war vor zwei Jahren auch schon so. Aber in Berlin-Tegel sieht man ja auch wenn man ankommt die Leute, die abfliegen. Und da klebten schon Leute an der Scheibe, die nicht wegen mir zum Flughafen gekommen sind. Die waren da, weil sie irgendwohin geflogen sind. Und die kannten mich. Das war schon etwas überraschend für mich. Und wenn man dann rauskommt und so viele Kameras, Fotografen und Radiosender sieht, ist man schon überwältigt.

Frage: Sie haben jetzt also drei Tage lang fast nur Interviews gegeben. Was ist aus dem ersehnten Urlaub geworden?

Antwort: Ich werde jetzt zwei, drei Tage ganz frei nehmen und dann erst nach Florida fliegen. Ich werde hier in Berlin Freunde treffen, shoppen gehen, das ganz normale Programm. Ich werde dem Körper Regeneration geben und dem Kopf auch. Und nächste Woche geht die Vorbereitung los. Spätestens ab Montag trainiere ich wieder.

Frage: Dann steht die Hartplatzsaison mit dem Höhepunkt US Open Ende August bevor. Ihre Erfolge auf Rasen kommen auf den Prüfstand.

Antwort: Ich freue mich drauf. Ich habe mich schon vor Wimbledon darauf gefreut, weil ich denke, ich kann auf Hartplatz gut spielen. Ich habe auch schon einen Titel auf Hartplatz gewonnen. Jetzt will ich mit dem Selbstvertrauen, das ich aus Wimbledon mitgenommen habe, weiterspielen. Ich habe mir ja auch gezeigt: Du kannst gegen die Beste der Welt gewinnen (Serena Williams im Achtelfinale, d. Red.). Wo alle gesagt haben, die ist unschlagbar, vor allem auf Rasen.

Frage: Haben Sie ein Ziel für die US Open? Mindestens Halbfinale?

Antwort: Das nicht. Ich möchte einfach gut spielen, das ist mein Ziel. Ich möchte mich weiterentwickeln. Und die Vorbereitung wird für mich wichtig sein. Deswegen möchte ich mir auch ein bisschen Zeit nehmen, um den Körper sich erst einmal erholen zu lassen und dann eine gute Vorbereitung zu haben, damit ich mich bereit fühle, Turniere spielen zu können. Gut spielen zu können.

Frage: Und plötzlich ist auch die WTA-WM der besten Acht am Saisonende in Istanbul ein realistisches Ziel?

Antwort: Ich bin jetzt auf Platz neun (der Jahreswertung, d. Red.). Das ist relativ realistisch. Natürlich muss ich den Rest der Saison sehr gut spielen, um da hinzukommen. Aber da kommen halt nur die Besten acht hin. Darum kämpfen werde ich auf jeden Fall. Wenn man die einstellige Zahl sieht, ist das noch ein zusätzlicher Ansporn.

Frage: Letztes Jahr war Angelique Kerber in Istanbul dabei. Man hat im Moment das Gefühl, dass sie sich schwer tut in der Rolle als Gejagte und deutsche Nummer eins. Befürchten Sie so etwas auch, wenn Sie demnächst wieder deutsche Nummer eins werden sollten?

Antwort: Ich habe im Prinzip bis nächstes Jahr zur Sandplatzsaison nicht sehr viele Punkte zu verteidigen. Das ist auch schön, dann kann es nach oben gehen und einen Schritt weiter nach vorne. Ich habe das ja schon gehabt, deutsche Nummer eins zu sein und das Druckgefühl zu haben. Es ist am Anfang schwer, es ist was Neues. Aber mittlerweile sehe ich es wirklich so, dass Druck ein Privileg ist. Das heißt auch, dass Leute wirklich an deine Stärke glauben, dass du gewinnen kannst.

Frage: Und Ihnen hilft dieser Druck?

Antwort: Ja. Das sollte einem Kraft geben, und das hat es mir auch in Wimbledon. Als ich nach dem Sieg gegen Serena plötzlich in der Favoritenrolle war, hat es mich überhaupt nicht gestört, sondern wirklich gefreut. Weil ich dachte: Du hast sie geschlagen, du spielst gut und das sehen die anderen auch. Das hat mich dann noch gestärkt.

Frage: In den Medien wurden Sie mit Lob überhäuft, Ihr Name tauchte nicht mehr nur auf den Sportseiten auf. Haben Sie das alles gelesen?

Antwort: Nein. Während Wimbledon habe ich gar nichts gelesen.

Frage: Und danach?

Antwort: Nur ein paar Artikel. Hier und da was.

Frage: Auffällig war ja, dass sehr oft auch Ihre Entwicklung als Persönlichkeit thematisiert wurde. Wie souverän und charmant Sie beispielsweise die Pressekonferenz direkt nach der bitteren Finalniederlage absolviert haben. Haben Sie das in diesem Jahr in Wimbledon gelernt oder ist das eine Entwicklung über Jahre gewesen?

Antwort: Ich lerne unglaublich viel aus Erfahrung. Ich weiß nicht, ob mehr als alle anderen. Aber für mich sind die Erfahrungen Gold wert. Jahr für Jahr lerne ich Sachen dazu. Egal auf welchem Gebiet, ob auf dem Platz oder außerhalb des Platzes. Auch im Ungang mit der Presse. Ich denke, ich bin da auch gereift. Ich habe mich vor Wimbledon bereit gefühlt für ein richtig gutes Turnier und auch für die Folgen, was so drumherum dazukam.

Frage: Ihr Umgang mit den Medien ist entspannter geworden. Früher waren Ihre Pressekonferenzen oft von ein bisschen Skepsis oder Zurückhaltung geprägt. In Wimbledon haben sie dann irgendwann auch über Ihre Kindheit gesprochen und sich sehr viel offener gezeigt.

Antwort: Ich glaube, am Anfang hatte ich Angst, mich zu sehr zu öffnen, weil das alles so viel war. Es wurden so viele Fragen über alles Mögliche gestellt. Es war wahrscheinlich auch ein Selbstschutz. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass es okay ist und dass die Menschen einfach mehr über mich wissen wollen. Am Anfang habe ich mich immer gefragt: Warum wollen die alle so viel von mir wissen? Das kam so plötzlich. Das sind so Sachen, bei denen ich etwas Zeit gebraucht habe. Aber das gehört wahrscheinlich auch dazu.

Frage: À propos dazugehören. Zu ihrem Team gehört seit den French Open der Belgier Wim Fissette als Trainer. Auch Ihr Vater Richard steht noch auf dem Platz. Funktioniert das?

Antwort: Ja, und das ist auch wichtig für mich. Wim und mein Vater respektieren sich. Wim respektiert das, was mein Vater in den 15 Jahren geleistet hat. Mich zur Nummer 12 zu bringen, ist etwas Besonderes. Er wiederum bringt die Erfahrung mit einem Grand-Slam-Titel mit Kim Clijsters mit, was auch viel wert ist.

Frage: Das heißt, Wim und Ihr Vater teilen sich die Arbeit auf und begleiten Sie auch beide künftig immer zu den Turnieren?

Antwort: Mein Vater kennt mich nun mal am besten. Er hat mich 15 Jahre lang betreut. Ich wollte das nicht, und es geht auch nicht von heute auf morgen, eine 180-Grad-Wendung zu machen und nur mit jemandem anderen zu arbeiten. Aber Wim übernimmt schon den größten Teil. Mein Vater gibt ihm einfach nur Tipps, was er aus Erfahrung weiß, zum Beispiel vor den Matches, was ich brauche, der Ablauf, das Training. Man kann ja nicht alles von heute auf morgen ändern, sondern Schritt für Schritt. Das funktioniert einfach gut so. Alle sind glücklich, alle haben Spaß. Und dann fühle ich mich auch wohl. Und wenn ich mich wohl fühle, spiele ich gutes Tennis.

Frage: Sie haben früher auch gut Klavier gespielt. Spielen Sie noch?

Antwort:Nein, leider nicht mehr. Ein Klavier kann man so schlecht mitnehmen. Aber früher sollte ich Musikerin werden. Ich war im Chor und habe Klavier gespielt, und mein Musiklehrer hat meinen Eltern gesagt, ich solle mit Tennis aufhören und Musikerin werden. Aber ich bevorzuge doch, mich zu bewegen. Ich hätte nicht sechs Stunden spielen können, ich wäre lieber sechs Stunden auf dem Platz.

Frage: Wenn Sie sich entscheiden müssten: Olympia-Medaille oder Grand-Slam-Sieg?

Antwort: Oh. (Pause) Grand-Slam-Titel. Wimbledon.