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Wiener Nächte in Traunstein

4.3
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Träumten und sangen in der kalten Traunsteiner Klosterkirche von Meeresstränden: (von links) Raphael Sas (Gitarre/Klavier/Gesang) und David Wukitsevits (Schlagzeug), Nino, pauT (E-Bass/Klarinette/Gesang). (Foto: Heel)

Wenn ein junger Musiker aus Wien mit dem frühen Bob Dylan verglichen wird, schraubt das die Erwartungen natürlich hoch.


Vielleicht zu hoch, denn wer kann sich mit einem Jahrhundert-Genie wie Dylan schon messen, über den der Folksänger Phil Ochs einmal sagte: »Wie kann ein menschlicher Geist so etwas schaffen?« So aufsässig, spöttisch und cool, wie Dylan einst war, gab sich der »Nino aus Wien« jedoch nicht ganz. Eher schrullig und leicht versponnen, wie er da auf der Bühne stand, mit seinem dicken, schwarzen Schal hantierte und von Jesolo schwärmte, wo es acht Grad wärmer sei als hier in der eiskalten, weil ungeheizten Klosterkirche.

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Die knapp 150 Zuschauer fröstelten tapfer mit, schlussendlich aber auf Temperatur gebracht von einem Konzert, das zumindest im zweiten Teil wohl alle Erwartungen erfüllte. Denn dieser »Nino aus Wien«, so auch der Titel seines neuen, mittlerweile zehnten Albums, ist tatsächlich ein Pop-Poet ersten Ranges, ein gewitzter Vagabund der Wiener Nächte und Befindlichkeiten, der in seinen besten Momenten, und davon gab es viele an diesem Abend, seinem Vorbild durchaus nahekommt.

Begleitet wurde er dabei von seiner langjährigen Band, das sind Raphael Sas (Gitarre/Klavier/Gesang), pauT (E-Bass/Klarinette/Gesang) und David Wukitsevits (Schlagzeug), die mit ihrer fein dosierten Mischung aus Sixties-Beat und -Folk dem heute 32-jährigen Sänger und Songschreiber (bürgerlich: Nino Ernst Mandl) auch mal mit Wucht den Rücken stärkten. Generell standen jedoch die Texte im Vordergrund, verknüpft mit kurzen, launigen Ansagen, in denen häufig vom (Mittel)Meer die Rede war, wohin es ihn an diesem Abend wohl besonders hinzog. Was vielleicht auch die gut halbstündige Verspätung erklärte, mit der das Konzert begann.

Ansonsten gab es keinen Grund zur Klage, ganz im Gegenteil. Vom ersten Song an überraschte er mit der Vielzahl an Themen, die er anschnitt und poetisch auf den Punkt brachte. Von der ewigen Suche nach Liebe bis zur Kneipe von nebenan, wo in der Jukebox Ambros und Danzer laufen und am Ende alle mit dem Taxi nach Hause fahren. Von am Strand liegen wie in »Coco Bello« bis zur Herzschmerz-Nummer »Du Oasch«, einem der schönsten Dialekt-Lieder, die man so kennt. Von der Kabarettnummer »Schlagoberskoch« bis zu »Der Mai ist vorbei«, einem genialen Cover von Dylans »A Simple Twist Of Fate«, in dem er ein Pärchen statt durch New York durch Wien spazieren lässt. Kurzum, ein überragendes Konzert vom derzeit vielleicht interessantesten österreichischen Sänger und Songschreiber.

Wolfgang Schweiger

Italian Trulli