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Wie Hannibal Lecter in der Krippe

Weihnachten ist keine einfache Sache: heute nicht und damals schon gar nicht! Dass Maria und Josef auf ihrem »Highway to Hell« mächtig unter Strom standen wegen Herbergssuche in Bethlehem und bevorstehender Geburt, kann man sich vorstellen. Wie heutzutage der Trip durchs Westjordanland ablaufen würde, erfuhren die amüsierten Besucher im gut gefüllten Trostberger Postsaal-Gewölbe nicht, ansonsten wurden aber wohl sämtliche vor- und weihnachtlichen Katastrophen bis auf die abgebrannten Grundmauern ganzer Gewerbegebiete durchleuchtet.

Alex Meik (Bass), Philipp Kopmajer (Drums) und Stefan Schubert (Gitarre) packten bekannte Weihnachtslieder gekonnt in Folk, Jazz, Blues und Rock. Edi Jäger (rechts) trug Geschichten und Gedichte von Gerhard Polt und Co. vor. (Foto: Buchholz)

Schriller die Glocken nie klingen, wenn Edi Jäger und The Godfathers of Advent rezitieren und singen: ob heiteres Gebimmel, aufgeregtes Geläute oder mächtiges Getöse – lustig, anders und oft ein wenig böse. Kaum, dass das Ros ist entsprungen, wird uns von Apokalyptischem gesungen. Oder von dem, was nach dem hastigen Genuss von 15 Gläsern Glühwein sonst noch passieren kann.

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»Mit dem Christkind was rauchen« böte sich alternativ an und verspräche »a very nice Christmas«, auf alle Fälle würde es unter der mit Weißbier ökologisch gedüngten Riesenzwergtanne aus der Ukraine richtig heimelig, wenn's dann gleich dumpa wird und man zu der Erkenntnis gelangt, dass sich die Jugend von heute die ganzen Horrorvideos doch nur deswegen reinzieht, weil die Predigten in der Kirche so langweilig sind. Man könnte auch herrlich darüber philosophieren, warum skrupellose Leasinggesellschaften nicht einmal mehr die ewige Verdammnis fürchten und warum Minderheiten von Anwohnern ums Verrecken nicht akzeptieren können, dass es der Mehrheit pressiert. Wohngebiet hin oder her!

Seit über 2000 Jahren gibt es nun dieses Weihnachten, jedes Jahr muss das arme Christuskind erneut zu Welt kommen – hat sich mal wer Gedanken über diese ewig wiederkehrenden Geburts-Strapazen gemacht? Und als ob das nicht genug wäre: keine Brüder, keine Schwestern – nur immer Ochs und Esel und das entfernte Blöken der Schafe. Oder war's eher das Schweigen der Lämmer? Man weiß es so genau nicht. Selbst Edi Jäger, der Hannibal Lecter der Krippenfiguren in diesem vorweihnachtlichen Spektakel der Bissigkeiten, verschanzt sich da geschickt hinter seinen Brillengläsern. Zumindest bis zur nächsten »schnöden Bescherung« anno 2013. Vielleicht wieder mit der skurrilen Geschichte vom armen Onkel Schorsch aus Amerika, dessen Asche im entbehrungsreichen Nachkriegswinter 1946 zusammen mit Zucker, Kaffee und Schmalz in einer unbeschrifteten Weißblechdose auf dem Gabentisch in der Wiener Heimat landete… . Michael Buchholz