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Wie ein Fürsterzbischof tickte

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Von einem unbekannten Künstler stammt dieses Bild von Wolf Dietrich als junger Erzbischof. (Foto: Kunstsammlungen der Erzabtei St. Peter)

Ein kleines Denkspiel: Mit seiner Wahl zum Fürsterzbischof vor 430 Jahren (1587) hat Wolf Dietrich von Raitenau begonnen, Salzburg ein völlig neues Gesicht zu geben. Gebäude aus dem Mittelalter, die damals vierhundert Jahre und älter waren, hat er reihenweise demolieren lassen, um beispielsweise Platz für den Wallistrakt und Toskanatrakt der Residenz schaffen.


Platz natürlich auch für den Dom und die großen barocken Stadtplätze drumherum. Also hat auch der romanische Vorgängerbau des heutigen Doms dran glauben müssen (das Feuer zuvor kam dem Landesfürsten sicherlich nicht ungelegen). Das wäre in etwa so, wie wenn ein heutiger Stadtplaner auf die Idee käme, die Kollegienkirche wegzureißen und dafür ein Gebäude in der Ästhetik unserer Zeit hinzustellen. Völlig undenkbar in einer Zeit, in der man nicht mal den höchst unattraktiven Parkplatz vor dem Unfallkrankenhaus ernsthaft antasten darf, ohne dass gleich dunkle Schatten auf den Nimbus des Weltkulturerbes Salzburg herbei geschrien würden ...

Wolf Dietrich hat nicht mit Geld gegeizt

Wolf Dietrich war Despot, er musste sich darum nicht scheren, und am allerwenigsten war Denkmalschutz gefragt. Trotzdem gut so, dass Wolf Dietrich nicht mit Geld gegeizt hat und keine Skrupel hatte, Mittelalter demolieren zu lassen. Salzburg wäre nicht das »Rom des Nordens« geworden und die Touristen müssten sich durch noch deutlich engere Gassen quälen. Salzburg würde in einer Liga mit Rothenburg ob der Tauber spielen ...

Über solche Dinge also sollte man auch nachdenken, wenn man in den nächsten Monaten ins Domquartier geht und dort, verstreut auf den gesamten Ausstellungskomplex inklusive Stiftsmuseum St. Peter, an den Raitenauer erinnert wird. Ohne sein Tun gäbe es das Domquartier ja gar nicht. Man marschiert bei diesem Rundgang durch Gebäude, die unmittelbar auf Wolf Dietrich zurückgehen. Sein Bischofswappen zeugt immer wieder davon.

67 Artefakte sind ausgestellt. Wenn man sich auf die Geschichten dahinter einlässt, erfährt man nicht wenig darüber, wie so ein Fürsterzbischof tickte. Zuletzt etwas eingeschränkt, zugegebenermaßen: Mit zwei Franziskanern und zwei Barbieren blieb Wolf Dietrich bis zu seinem Tod 1617 auf der Festung Hohensalzburg eingesperrt. Für Seelenheil, Bart- und Haarschnitt wenigstens war gesorgt, wenn schon der Kontakt mit Salome Alt, der der Mutter seiner fünfzehn Kinder, gekappt worden war. Salome war zu Verwandten nach Wels gezogen und hatte versucht, mit Hilfe von in Pasteten geschmuggelten Nachrichten mit Wolf Dietrich zu kommunizieren. Bei Bekanntwerden der Affäre wurden dessen Haftbedingungen verschärft.

Nach Wolf Dietrichs erstem Schlaganfall 1604/05 zog Salome Alt übrigens in den neu erbauten Residenztrakt Dietrichsruh (das ist der heutige Toskanatrakt). Der Zugang zu dem privaten Bereich liegt hinter der Türe mit dem Schild: »Betreten verboten. Privat!« Die Verbindungstür zu ihren Gemächern war obendrein als Kasten getarnt. Der Turm des gegenüberliegenden Langenhofs wurde abgetragen, um im Garten vor neugierigen Blicken sicher zu sein.

Ein Schlaganfall führt schließlich zum Tod

Nach der Gerichtsmedizinerin Edith Tutsch-Bauer neigte Wolf Dietrich offenbar schon in jüngeren Jahren zu arteriosklerotischen Gefäßveränderungen, die üblicherweise durch Übergewicht, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen begünstigt werden. Ein abermaliger Schlaganfall führte schließlich zum Tod Wolf Dietrichs (als 57-Jähriger, in Festungshaft). Am Morgen des 15. Januar 1617 wurde er bewusstlos, röchelte und Schaum trat aus seinem Mund. Er kam nach acht Stunden wieder zu sich, konnte aber infolge einer Halbseitenlähmung kaum sprechen. Einen Tag später war er tot.

In besseren Zeiten hatte Wolf Dietrich stolz sein können auf seinen Besitz, etwa auf die Dinge in der Silberkammer. Dort ist heute das Archäologische Institut, der Silberschatz befindet sich zum größten Teil im Palazzo Pitti in Florenz. Das Wertvollste wurde einst im doppelt vergitterten und verriegelten »inneren Gemach« verwahrt, rund um die Uhr bewacht und sorgsam verwaltet von »Credenzier und Silberdiener«, wie Wolf Dietrich in seiner eigenhändig verfassten Hofordnung von 1590 penibel festhielt.

Das heutige Erscheinungsbild der Residenz, etwa mit den Rottmayr-Deckengemälden, hat natürlich nichts mit jenem in der Zeit Wolf Dietrichs zu tun. Holzkassettendecken und nur einzelne Wandpartien mit Stuck und Malereien muss man sich Anfang des 17. Jahrhunderts vorstellen, oder ungestaltete Wände, für Gemälde oder Tapisse-rien. Einen kleinen Eindruck vermittelt der Gang vor dem sogenannten Sintflutgang, wo unterhalb einer Holzdecke ein Stuckfries und Schwibbogen aus der Zeit Wolf Dietrichs und Marcus Sitticus zu sehen ist.

Man darf anlässlich dieser Sonderschau auch von den Prunkräumen der Residenz aus in die hochberühmte Landkartengalerie gehen. Die ist zwar – theoretisch – auch sonst öffentlich zugänglich, aber das wissen die wenigsten Leute. In der Landkartengalerie rauchen also meist weitgehend unbeobachtet die Köpfe der Salzburger Jus-Studenten: Der Raum gehört der Universität und dient als Lesesaal, ein kulturhistorischer Schelmenstreich sondergleichen.

Die Ausstellung »Wolf Dietrich von Raitenau. Auf den Spuren des Fürsterzbischofs« ist bis 23. April 2018 im DomQuartier zu besichtigen. Reinhard Kriechbaum