weather-image
23°

»Werkstatt kesslfligga« überzeugt mit Zwei-Personen-Stück im Café Weinmüller

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Jochen Nistler ergänzte die Geschichte an der Gitarre mit seinen selbst komponierten Liedern. Bettina Nistler war auch als Brandner Kaspar stimmgewaltig. (Foto: Kewitsch)

Es ist schon eine Weile her: 144 Jahre sind vergangen, seit Franz von Kobell die »G´schicht vom Brandner Kaspar« geschrieben hat. Seither wurde das Stück unzählige Male vertont, verfilmt, aufgeführt, um- und ausgebaut. Einzigartig ist jedoch die Version der »Werkstatt kesslfligga«.


Zwei Schauspieler, sechs Rollen, zehn Lieder und der O-Ton aus der Version der 1871 verfassten Geschichte. Bettina und Jochen Nistler haben mit viel Liebe den Kern der Kobell-Erzählung herausgearbeitet. Buchstabengetreu kommt die Handlung daher, der Brandner Kaspar bekommt Besuch vom Boanlkramer und hat irgendwie »no ned recht Zeit zum sterbn«.

Wer nun Zweifel hegt, dass die mächtige Geschichte auf zwei Personen verteilt werden kann, hat Recht. Wie soll das gehen? Noch dazu auf der kleinen Bühne des Siegsdorfer Weinmüller. Und wo findet gar die Musik Platz, in einem vom Dialog beherrschten Theaterstück? Wie man sich doch täuschen kann. Weniger ist mehr.

Jochen Nistler, Boanlkramer und Erzähler in einer Person (später auch in der Rolle des Petrus) ist kernig unterwegs. Der Tourist wird Mühe haben zu folgen, der kundige Bayer muss aufmerksam zuhören, wenn die Geschichte ihren Lauf nimmt. Bettina Nistler, maskulin und nicht minder urig, spielt den Brandner Kaspar, der sich so sehr gegen den Tod wehrt und schlüpft auch in die Rolle des »Diandl« sowie der Erzählerin.

Zwischen den einzelnen Kapiteln spielt Jochen Nistler beneidenswert reduziert, aber doch präsent seine Gitarre. Stimmgewaltig sind beide – die von Jochen Nistler komponierten Lieder ergänzen die Geschichte mit viel Tiefsinn, aber auch Humor. Und ganz unerwartet: Sie sind rockig, jazzig, groovig – Volksmusik war gestern. Wunderbar. Eine Maultrommel und auch die rhythmisch genutzte Sense ergänzen die Szene wunderbar todesnah.

»Hod er gsogt« fügt Erzähler Jochen immer wieder düster hinzu, wenn dem Boanlkramer besonders hinterlistige Sätze entschlüpfen. Die berühmte Kerschgeist-Szene ist einfach, aber sie ist perfekt. Dem Publikum im Weinmüller ist anzumerken, dass es Zeuge einer besonderen Aufführung wird. So eng, so nah, kaum ein halber Meter trennt die Bühne – auf der das Leben gerade mit dem Tode ringt – vom Zuhörer. Irgendwie sitzen gerade alle in der Alm am Tegernsee und verfolgen gespannt die Verhandlung um Lebensjahre und die Hinterlist beim Kartenspiel. Und irgendwie ist der Tod halt auch nur ein Mensch.

Was die »kesslfligga« aus der Geschichte zaubern, ist anders, ist besonders und fehlte bislang in den »Brandner Sammlungen«. Wenngleich die Vachendorfer mit dem Stück seit über zwölf Jahren landauf landab auf den deutschen Bühnen stehen, satthören, sattsehen daran kann man sich nicht. Und so ist auch dieser Abend im Weinmüller ein besonderer, ein einmaliger, wenn der Brandner Kaspar schließlich – nach einem strengen Ritt durch Wind und Wetter – an der Himmelspforte steht, der Boanlkramer nicht hineindarf und Petrus versucht, ihm das Paradies schmackhaft zu machen.

Schauspielerisch geerdet, musikalisch ein Genuss, stimmlich großartig, inhaltlich kernig und historisch wertvoll und so nah – alles in allem ein gelungener Abend, der auch mit minimalen Mitteln ein Maximum an Theater vermittelt. Udo Kewitsch