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Werk »sendai« von Patrick Pföß in Streicherversion in Traunstein uraufgeführt

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Die Uraufführung des Werks »sendai« in der Streicherversion präsentierten die Musiker in der Evangelischen Kirche in Traunstein. (Foto: Mergenthal)

Es ist schon etwas Besonderes, wenn im Rahmen einer Kunstausstellung ein klingendes Gemälde präsentiert wird – so wie beim Konzert »Kollaps« in der Evangelischen Kirche Traunstein. Dabei erlebte das Publikum die Uraufführung des Werks »sendai« von Komponist Patrick Pföß in Streicherversion, passend zur offenen Jahresausstellung des Kunstvereins Traunstein unter dem Motto »Kollaps«.


Einstimmig hatte die Jury das Stück als Beitrag zur Ausstellung für gut befunden, wie Kunstvereins-Vorsitzender Herbert Stahl in seiner Begrüßung berichtete. Noch ein zweiter Komponist, Jürgen Hagen, habe ein Werk eingereicht, das in einer CD-Aufnahme bis 29. Juli in der Alten Wache zu hören sei.

Gut passte die Musik zu den in der Evangelischen Kirche aufgehängten Gemälden, gerade zu Robert Dufters gesellschaftskritischem Acrylbild im Hintergrund der Musiker mit dem Titel »18_04_22_digital_Kollaps«.

Seiner Komposition vorangestellt hatte Pföß ein Werk des US-Amerikaners John Cage (1912 bis 1992). Seit 1983 hatte Cage an einer Reihe von Stücken mit den Titel »Music for ...« gearbeitet, deren Titel durch die Zahl der Mitwirkenden ergänzt wird. In Traunstein erklang »Music for Nine«. Die neun Musiker hatten sich in der Kirche verteilt und nutzten so die akustische Raumwirkung. Eine Art des musikalischen Individualismus und der kontrollierten Spontaneität entspann sich und erstaunte das Auditorium.

Jeder Musiker war absolut konzentriert auf sich selbst und spielte, mit einer Stoppuhr ausgerüstet, die von Cage vorgegebenen zwei Typen von Tonmaterial vor sich hin: ausgehaltene, nach Belieben wiederholbare leise Einzeltöne und nicht wiederholbare Tonsequenzen. Die Details von Musik und Zusammenklang waren zufallsgelenkt.

Pföß übernahm den Part einer sich murmelnd oder in anderen Spielarten artikulierenden Stimme. Anno Kesting aus Grabenstätt mischte mit Gongs, Tamtam, Kreissägenblatt und Backblech interessante Klangfarben hinein. Es entstand Musik mit meditativen und dramatischen Elementen und einer verblüffenden Auflösung im Nichts.

Der sehr offenen Form dieses Werks stand Pföß’ formal geschlossene Komposition »sendai« gegenüber. Sie illustriert den Schockzustand zwischen Tsunami und nuklearer Katastrophe im März 2011 an der Ostküste der japanischen Hauptinsel in der Stadt Sendai. »Mein Stück lehnt sich stilistisch an das höfische Noh-Theater und Gagaku-Orchester an«, erklärte der Komponist. Alles laufe ab wie in einem japanischen Ritual, sei aber kein solches. »Alles ist stilisiert.«

Piccoloflöten-Spielerin Johanna Hartmann aus Chieming führte den liturgisch anmutenden Einzug der Musiker auf die Mittelinsel in der Kirche an. Die Streicher bildeten mit vielen Haltetönen Klang-Wände, die an die Macht des Schicksals und der Monsterwelle denken ließen, aber auch an die Schiebetüren und Stellwände in japanischen Häusern. Bemerkenswert war der erst 17-jährige Maximilian Spann am Kontrabass. Die anderen Instrumente standen als europäische Varian-te des höfischen Gagaku-Orchesters für das japanische Volk. Dem ist das im März 2013 mit fünf Klarinetten in Hamburg uraufgeführte Werk gewidmet.

Wildes Auf und Ab ließ die Wucht des Tsunamis nachklingen. Dann wieder herrschte Schockstarre. Ein gehauchter zarter Flötentriller, melancholische Oboentöne, Wind und Akkordfetzen vom Akkordeon, insistierende Gong- und Holzblock-Klänge, ein zerhacktes heiseres Aufbäumen, auch vom Cembalo, ließen das Zerklüftete der Gefühlswelt der Japaner und eine Ahnung der Apokalypse in dieser Zeitspanne erahnen. Langer Beifall belohnte Interpreten und Komponist. Veronika Mergenthal