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Werfen, schlagen, laufen

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Cricket-Coach Nazifullah Arab bei einem kraftvollen Wurfanlauf. (Foto: Bittner)

Zwölf freundlich lächelnde Männer zwischen 20 und 50 Jahren treten zum ersten offiziellen Training an. Sie kommen aus Pakistan und Afghanistan.


Sie wollen Cricket spielen und dürfen das jetzt unter dem Dach des TSV Bad Reichenhall ganz offiziell. Der heimische Sportverein mit seinen Vorständen Josef Dennerl und Martin Dufter unterstützt die Flüchtlinge, die allesamt seit rund eineinhalb Jahren in der Kurstadt leben. Das Motto: Werfen, schlagen, laufen – um diese drei Tätigkeiten dreht sich der Cricket-Sport.

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Über die ehemalige VdK-Ortsvorsitzende Ilse Rothstein, die sich seit 2015 ehrenamtlich in der Arbeit für Flüchtlinge engagiert, kam der Kontakt zum TSV zustande. Im Nahmen der Cricket-Freunde bedankte sich Attaullah Nazari, 30 Jahre und aus Afghanistan, bei den Verantwortlichen für die Unterstützung. »Wir beim TSV finden die Bildung eines Cricket-Teams in unserer Stadt spannend und interessant«, sagt der 2. TSV-Gesamtvorstand Martin Dufter. Der Vorschlag wurde im Turnerrat ohne Gegenstimme auf Anhieb befürwortet.

Der Bayerische Landes-Sportverband (BLSV) unterstützt die Initiative im Rahmen seines Förderprogramms »Integration durch Sport«. Der TSV Bad Reichenhall wird in Kürze die nötigen Ausrüstungsmaterialien vorfinanzieren. Die Cricket-Spieler brauchen Schläger, Bälle, Helme, T-Shirts – rund 3 000 Euro werden nötig sein. Insgesamt ist der Sport jedoch mit relativ wenig Equipment und jederzeit ohne große Vorbereitungen auf einem ganz normalen Sportplatz möglich. Sogar im Vatikan: Eine der ersten Amtshandlungen des argentinischen Papstes Franziskus war die Gründung eines Cricket-Teams im kleinsten Staat der Welt.

Teamchef und Coach in Bad Reichenhall ist der 24-jährige Nazifullah Arab aus Afghanistan, der seit rund zehn Jahren dem vor allem in Asien beliebten Sport nachgeht. Er wird wohl die Abteilungsleitung übernehmen. Um die 21. Sparte im TSV gründen zu können, benötigen die Männer noch einen Schriftführer. Als Verbindung zum BLSV fungiert Tina Flächer: Die Englisch- und Spanisch-Lehrerin am Karlsgymnasium engagiert sich wie Ilse Rothstein ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit und erteilt den Asylbewerbern unter anderem Deutschunterricht.

Einmal die Woche wollen die Cricket-Spieler auf dem Sportplatz an der Münchner Allee trainieren, immer samstags ab 11 Uhr jeweils für drei bis vier Stunden. Der TSV Bad Reichenhall möchte erreichen, dass das Team bei schlechtem Wetter in der angrenzende Halle üben kann. Beim Cricket-Sport – dem amerikanischen Baseball sehr ähnlich – dreht sich alles um das Duell zwischen dem Werfer (Bowler) und dem Schlagmann (Batsman). Der Bowler versucht, den Batsman zu einem Fehler zu bewegen, damit dieser ausscheidet. Der Batsman seinerseits versucht, den Ball wegzuschlagen, um Punkte (Runs) zu bekommen. Der Bowler wird durch die anderen Feldspieler unterstützt. Sie probieren, den Ball so schnell wie möglich zurückzubringen. In Deutschland wird der Sport offiziell vom Deutschen Cricket Bund (DCB) vertreten, der sich über verschiedene Landesverbände organisiert.

Der BLSV führt 2017 sein Projekt »Sport schafft Heimat« fort. Nach dem erfolgreichen Start 2016 steht allen Stützpunktvereinen und kooperierenden Vereinen im Programm »Integration durch Sport« (IDS) im Bayerischen Landes-Sportverband eine erneute Bewerbung offen. Förderfähige Ausgaben sind unter anderem die sportliche Erstausstattung von Geflüchteten, die Kosten für ehrenamtliche Helfer wie Dolmetscher, Fahrdienste oder sozialpädagogische Unterstützung, fehlende Einnahmen durch erlassene Mitgliedsbeiträge, Fahrtkosten, ÖPNV-Tickets oder die Kosten für Maßnahmen im Bereich der interkulturellen Vereinsentwicklung.

Die zwölf Männer des neuen Cricket-Teams in Bad Reichenhall sind in den Unterkünften am Werkmeisterweg und in der Tiroler Straße untergebracht. Sie freuen sich, ihrem Lieblingssport jetzt auch in ihrer neuen Heimat nachgehen zu können. Nazifullah Arab zeigt beim Treffen, was er kann – einen perfekten Wurf. Der zehnjährige Musa aus Pakistan darf den Balljungen geben. Im Sommer wollen sie vielleicht schon ein erstes Freundschaftsspiel gegen ein benachbartes Team aus Traunstein bestreiten. Fernziel ist die Teilnahme in einer richtigen Liga.

Natürlich sind die Reichenhaller Cricket-Spieler offen für interessierte Einheimische. Wer mitmachen möchte, schaut einfach beim Training vorbei oder meldet sich bei Ilse Rothstein unter Telefon 08651/8188 sowie per E-Mail an ilse.rothstein@t-online.de. Sobald die TSV-Abteilung Cricket gegründet ist, laufen alle Kontakte über den Verein. Hans-Joachim Bittner

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