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»Wenn man Angst hat, bleibt man besser sitzen«

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Georg Bachler (links), der Vorsitzende der Internationalen Paul-Preuss-Gesellschaft, überreichte Heinz Mariacher (Mitte) auf Schloss Sigmundskron den Paul-Preuss-Preis. Reinhold Messner, der Ehrenvorsitzende der Internationalen Paul-Preuss-Gesellschaft, hielt die Laudatio auf den Geehrten. (Fotos: Brenninger)
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Luisa Iovane, die Lebensgefährtin von Heinz Mariacher, war eine der besten Kletterinnen der Welt. Zusammen mit Mariacher gelangen ihr zahlreiche Erstbegehungen bedeutender alpiner Routen. Sie bekam am Dienstagabend bei der Preisverleihung aus den Händen des Siegsdorfer Künstlers Walter Angerer dem Jüngeren einen Holzschnitt der Preuss-Skulptur überreicht.

Es war ein Treffen der Superlative: Bergsportgrößen aus drei Generationen kamen am Dienstag auf Schloss Sigmundskron bei Bozen zusammen. Dorthin hatte Reinhold Messner geladen, um den achten Preisträger der Internationalen Paul-Preuss-Gesellschaft (IPPG), zu ehren. Und dabei stand mit Heinz Mariacher ein Mann im Mittelpunkt, der dort gar nicht so gerne steht.


Der mittlerweile 64-jährige Extrembergsteiger aus Tirol revolutionierte vor allem in den siebziger und Anfang der achtziger Jahre das alpine Sportklettern. Besonders in der Marmolata, dem höchsten Berg der Dolomiten, erschloss er mehrere neue Touren und setzte damit Meilensteine. Immer unter der Preuß'schen Maxime: »Das Können ist des Dürfens Maß.«

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»Alle sind mir gleich wichtig«

»Es waren extrem interessante Zeiten, die wir erlebt haben«, betonte Heinz Mariacher in seiner Dankesrede. Er wollte allerdings keine seiner Routen besonders hervorheben. »Alle sind mir gleich wichtig«, betonte er. Zum ersten Mal habe er Paul Preuss bewusst wahrgenommen, als er 1974 den Preuss-Riss an der Kleinen Zinne geklettert sei. Umso mehr freute er sich nun über diese Auszeichnung.

Die Jury der Paul-Preuss-Gesellschaft bestimmte also in diesem Jahr Heinz Mariacher als Preisträger. »Wir brauchen Leute, die Vorbilder sind«, betonte Georg Bachler. Er bewertete die Leistungen von Paul Preuss als »Ausdruck von Freiheit, einem Urwunsch der Menschheit«.

Bachler ist übrigens seit Februar der neue Vorsitzende der IPPG, nachdem der bisherige Obmann Lutz Maurer aus Altersgründen auf eine neuerliche Kandidatur verzichtet hatte. Bachers Stellvertreter ist der Siegsdorfer Fritz Petermüller, der damit im Amt bestätigt wurde. Auch der Siegsdorfer Willi Schwenkmeier als Schriftführer und der Traunsteiner Hans Helmberger als stellvertretender Schatzmeister gehören dem Vorstand der IPPG weiterhin an.

Hausherr Reinhold Messner, der ja Ehrenvorsitzender der IPPG ist und den Preis selbst bereits 2013 erhalten hatte, hielt in der Felsenbühne des Museumsareals die Laudatio auf den diesjährigen Preisträger. »Heinz, ich habe dich mit Neid verfolgt. Denn auch wir haben schon auf den Fisch geschielt.«

Aber Mariacher war es eben vorbehalten, 1987 die erste Rotpunktbegehung durch den Fisch (VIII+/IX-) an der Marmolata-Südwand zu machen. Und besonders diese Tour festigte seinen Ruf als Vordenker des modernen alpinen Sportkletterns, da er bei der Absicherung dieser langen, schwierigen und gefährlichen Route auf Bohrhaken völlig verzichtete.

»Du hast wahre Kunstwerke hinterlassen. Viele Spitzenkletterer wiederholen deine Routen heute noch und du bist dabei Preuss immer sehr, sehr nah gekommen«, lobte Messner. »Heute verspüre ich übrigens keinen Neid mehr, nur noch Bewunderung für dich.«

Reinhold Messner betonte in seiner Rede auch, wie wichtig es ihm sei, dass Preuss nicht vergessen und als Säule des Alpinismus weitergegeben werde. Preuss sei ein frecher und lustiger Bergsteiger gewesen und ein guter Philosoph und Denker.

Preuss witzelte einst übrigens auch, dass die Frau der Ruin des Alpinismus sei, fügte Messner hinzu. Heinz Mariacher lenkte da gleich ein: »Bei mir war das der gegenteilige Effekt.« Denn seine Lebensgefährtin Luisa Iovane war ebenfalls eine Spitzenkletterin und war bei vielen Erstbegehungen von Mariacher dabei.

Und deshalb würdigte Messner freilich auch die herausragenden Leistungen von Luisa Iovane. »Was ihr zusammen geleistet habt, ist beneidenswert.« Auch Iovane bekam ein Geschenk bei der Preisverleihung überreicht – und zwar von dem Siegsdorfer Künstler Walter Angerer dem Jüngeren. Er fertigte extra für die Kletterin einen Holzschnitt der Preuss-Skulptur an.

Nach der Preisverleihung entwickelte sich ein Dialog zwischen dem Preisträger und den Gästen sowie den anderen, zahlreich erschienenen Bergsteigergrößen wie Hanns und Lilo Schell, Christoph Hainz, Hanspeter Eisendle, Alexander und Thomas Huber, Beat Kammerlander, Florian Buhl und Dani Arnold, um nur einige zu nennen. Auch der Spitzenkletterer und Fotograf Heinz Zak, der die Kletterfotografie revolutioniert hat, war anwesend.

Thomas Huber dankte Heinz Mariacher dafür, »dass du uns für unsere größten und schönsten Abenteuer den Weg bereitet hast«. Mariacher freute sich sehr: »Vielen Dank, das ist ein großes Kompliment.« Der Preisträger wurde auch gefragt, wie sich das Klettern in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. »Es ist ein Sozialsport geworden«, antwortete Mariacher. Damals sei man eher allein im Fels gewesen. »Wir haben damals praktisch schon Social Distancing betrieben, das wir jetzt in Corona-Zeiten ja auch machen müssen.«

Rentner-Bergsteiger: »Da stört man«

Mariacher geht heute übrigens ebenfalls noch gerne klettern, sucht sich dafür aber eher unbekanntere und weniger überlaufene Gebiete aus. »Wenn ich heute nach Arco gehe, habe ich eher das Gefühl, dass ich als Rentner-Bergsteiger da störe«, lachte er. In Arco, heute eines der beliebtesten Klettergebiete in Europa, leistete er ebenfalls in den achtziger Jahren wesentliche Beiträge zur Erschließung des dortigen Klettergebiets.

Ob er Angst verspürt hätte bei seinen Touren, wurde Mariacher auch noch gefragt. Seine Antwort kam prompt: »Wenn man Angst hat, bleibt man besser sitzen.« Und so berichtete er unter anderem von einer Anekdote, als er in einem Sicherungsseil baumelte. Er verlor dabei nicht die Nerven – ganz im Gegenteil: Er drehte sich erst einmal in aller Ruhe eine Zigarette. »Man muss manchmal einfach cool bleiben.«

Der IPPG-Vorsitzende Georg Bacher kündigte für 2021 noch eine Neuerung an. Es soll künftig auch einen Jugendförderpreis geben, damit sollen die Leistungen der jungen Klettergeneration gewürdigt und gefördert werden. »Wir wollen damit eine Brücke herstellen zwischen den erfahrenen Persönlichkeiten und der Jugend.« SB