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Wenn die Mona Lisa aus ihrem Bild steigt

Die Mona Lisa hat es satt, im Louvre angestarrt zu werden. Sie ist aus ihrem eigenen Bild herausgestiegen. »Jetzt lacht sie sich tot, trinkt ein Glaserl Wein und raucht«, so der Maler Paul Lingl bei der Vernissage zu seiner Ausstellung »Mit der Zeit« in der Galerie Alters Feuerhaus am Ägidiplatz in Bad Reichenhall. Dieses Bild ist typisch für den hintergründigen Humor des Gildemeisters der Freilassinger Künstlergilde. Er ist während der täglichen Öffnungszeiten der Ausstellung bis 12. Mai von 15 bis 18 Uhr anwesend, sodass Interessierte die Chance zu einer ganz persönlichen Ausstellungsführung haben, die wie die Bilder selbst ein Erlebnis ist.

Paul Lingl vor dem Triptychon »Daphnes Tod«. (Foto: Mergenthal)

»Normalerweise bin ich ein sehr schweigsamer Mensch«, verrät Paul Lingl. Doch bei unserem Rundgang sprudelt es nur so aus ihm heraus. Sein »Kleiner Prinz« schaut den Betrachter unmittelbar an und erwartet von ihm eine Antwort auf seine Frage. Jeder Gegenstand auf dem Bild hat eine Bedeutung, nichts überlässt Lingl dem Zufall: der Schraubenzieher fürs Reparieren des Flugzeugs, der aus dem Bild ragt, ein typisches Stilmittel des Malers, die Krone, die Schlange oder die altägyptischen Schriftzeichen auf einem Stein. Sie bedeuten: »Man sieht nur mit dem Herzen gut.« Eigens für dieses Bild hat der Maler, Grafiker und Illustrator sich mit dieser Bildschrift auseinandergesetzt.

Er präsentiert Acrylbilder aus den Jahren 2005 bis 2012 mit den unterschiedlichsten Themen. Die einen sind autobiografisch geprägt, erzählen zum Beispiel von Paul Lingls »Ex«, mit der er 20 Jahre lang vergebens versucht hat, die Lebensform der Ehe zu praktizieren. In anderen malte er sich seinen Frust über gesellschaftliche Entwicklungen von der Seele – in einer Zeit, in der der Mensch immer gläserner, ja zur Nummer wird und wie beim Rauchverbot alles vorgeschrieben werden muss. Wieder andere greifen auf die griechische Mythologie zurück, wie das Triptychon »Daphnes Tod«.

»Meine Bilder erzählen immer Geschichten«, bringt Lingl selbst das verbindende Element auf den Punkt. Mona Enzinger, die bei der Vernissage die einführenden Worte sprach, beschreibt es im Ausstellungskatalog so: »Seine Bilder begreife ich eher als kleine Sachbücher, die uns etwas zu sagen haben. Die Kraft der Phantasie. Die Wirklichkeit ist oftmals nicht mehr als der Ausgangspunkt für das Imaginäre.«

Diese Kraft der Phantasie geht so weit, dass Lingls Motivik und die Stimmung der Bilder oft an den Surrealismus erinnern. Dem Maler reichen wie den Renaissance-Malern drei oder vier Grundfarben; alle anderen mischt er daraus. Mit seiner Farbpalette und Schichtmalerei knüpft er direkt an die Zeit eines Giotto oder Dürer an, die er sehr verehrt. Seine Werke haben einen langen Entstehungsprozess. »Mehr wie zehn im Jahr geht da nicht«, erklärt er. Das Gemälde »Engel« brauchte ein halbes Jahr, bis es seine heutige Gestalt fand. Inspiriert hat ihn dazu eine Plastik im Kölner Dom. »Die habe ich angeschaut und angeschaut.« In seinem Kopf reifte wie immer vorher die Grundidee: Der Engel sollte auf dem Bild einen Kopf aus Porzellan und Haare aus Holz bekommen. »Monatelang hat er mich ausgelacht.« Mit einer geschwungenen Linie, die Lingl frech ins Bild setzte, änderte sich alles: »Auf einmal hat er mich angelacht.« Und der Maler wusste, wie er das Bild fertigmalen sollte.

Er hat einige Markenzeichen, wie die »Lingl-Scharte«, die sich in jedem Bild findet. Alle Bilder hat er mit schlichten schwarzen Rahmen eingefasst, die manchmal ein etwas harter Kontrast zu der filigranen Malerei sind, aber offenbar gewollt. Querformate mag er nicht. Gern kombiniert Lingl zwei bis vier Hochformate zu einer Bild-Geschichte, die bei den ausdrucksstarken Porträts psychologisch genau beobachtete Entwicklungen derselben Figur mit verblüffenden Details zeigen. Indem er an den Bildern nur Nummern und keine Titel anbringt, lässt Lingl dem Betrachter Raum für eigene Deutungen. Für ihn selbst bedeutet die Ausstellung den bewussten Abschluss einer Schaffensphase: Die nächsten Jahre möchte er sich in seiner Passauer Werkstatt intensiv der Radierung widmen. Veronika Mergenthal