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Wenn Barockmusik rockt

Vor 280 Jahren komponierte Händel seine Oper »Alcina«. Im Jahre 2013 präsentiert sie sich auf Gut Immling top-modern. Musik, Kostüme, Bühnenbild – alles von heute. Passend zu damals.

Alcina (Sarah Zhai, sitzend) ist verzweifelt, weil sie ihre Macht verliert. (Foto: Plützer)

Eine Barock-Oper auf dem Programm des oberbayerischen Opernfestivals – ein Konzept, das aufgeht. »Eine Barock-Oper auf dem Land zu spielen ist ein Wagnis«, sagte Intendant Ludwig Baumann nach der Premiere, die vom Publikum mit stürmischen Begeisterungsrufen quittiert worden war. Ein Wagnis am richtigen Ort: Schließlich gilt die musikalische Leiterin, Cornelia von Kerssenbrock, als Barock-Spezialistin. Und wer insgeheim dachte, solch eine barocke Oper könnte auf die Dauer eines ganzen Abends vielleicht ein bisschen verstaubt rüberkommen, der durfte sich von der Leidenschaft der Dirigentin von Beginn an mitreißen und eines Besseren belehren lassen. Cornelia von Kerssenbrock erschien sogar im passenden, rockigen Outfit, mit schwarzer Sonnenbrille und Tattoo-Strumpf am Arm.

Zum Auftakt der Ouvertüre erklangen elektronisch-sphärische Klänge. Der Zusammenhang der modernen Elemente mit der barocken Musik wurden schnell hörbar: Es ist der Rhythmus, der hier inspirierte. Gestochen akzentuiert und pointiert präsentierte das junge, engagierte Festival-Orchester Händels Musik. Richtig rockig eben. Und das, ohne gewollt zu klingen. Immer wieder wurde es dabei von den elektronisch-experimentellen Klängen untermalt, für die David Goldberg verantwortlich zeichnete, der Sohn von Ludwig Baumann.

Die recht verworrene Handlung dreht sich, wie sollte es anders sein, um Liebesverwirrspiele. Die Zauberin Alcina, leidenschaftlich gespielt und gesungen von der jungen Chinesin Sarah Zhai, hat Ruggiero verhext, der doch eigentlich Bradamante liebte. Die geprellte Bradamante, Sirin Kilic mit ihrem einfühlsamen Mezzosopran, kommt, verkleidet als ihr Bruder, auf die Zauberinsel. Hier verliebt sich Morgana, die Schwester von Alcina, in ihre verkleidete Gestalt. Auch hier begeistert Corinna Ruba, die auch das Rockadirl im Brander Kaspar singt, mit ihrem temperamentvollen Spiel und ihrer tollen Stimme, die die Koloraturen spielerisch-leicht erklingen lässt.

So ist allen Eifersuchtsszenen Tür und Tor geöffnet: Alcina möchte ihren Ruggiero halten, dem Julia Stein mit ihrem schönen Mezzosopran alle Leidenschaft einhaucht. Melisso (Bariton Florin Marele mit schöner Stimme) ist sauer auf seine Morgana. Und dann ist da noch der junge Oberto, der auf der Zauberinsel nach seinem Vater sucht. Das Lied über ihre Liebe zum Vater, nur von einem einzigen Cello untermalt – die knabenhafte Justyna Ilnicka eroberte die Herzen des Immlinger Publikums im Sturm. Was so verworren-bunt daher kommt, wird angenehm kontrastiert von einem spartanischen, modern-abstrakten Bühnenbild in Würfelform und unterstrichen von fantastisch-farbenfrohen Kostümen. Der Chor repräsentiert als eine Schar von Hippies die verzauberten ehemaligen Liebhaber von Alcina, die als Beobachter scheinbar apathisch dem Geschehen beiwohnen.

Dabei waren es gerade die übernatürlichen Erscheinungen und raffinierte Inszenierungen, die eine ganze Bühnenmaschinerie erforderten, die das Publikum des Barock erfreuten. So ist auch der Vater des Knaben Oberto im ursprünglichen Libretto als Löwe und nicht als langmähniger Hippie vorgesehen. Dass es fast 300 Jahre später auch möglich ist, die gesamte Oper zeitgenössisch und humorvoll zu betrachten, zeigt diese einfallsreiche Inszenierung der jungen Regisseurin Christine Cyris und der Bühnen- und Kostümbildnerin Sabine Pfister. Am Ende zerbricht der erwachte Ruggiero die Zauberkugel. Alcina verliert ihre Macht. Alle sind erlöst. Und das Publikum verzaubert.

»Alcina« wird am morgigen Donnerstag um 19.30 Uhr noch einmal in Immling aufgeführt. Petra Plützer