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Weihnachtsfreude mit J. S. Bach

Zur Eröffnung der Philharmonischen Weihnacht in Bad Reichenhall kamen Konzertbesucher in den Genuss, Auszüge aus einem der populärsten aller geistlichen Vokalwerke von Johann Sebastian Bach, dem »Weihnachtsoratorium«, hören zu können, welches erstmal zwischen dem 25. Dezember 1734 und dem 6. Januar 1735 in Leipzig uraufgeführt wurde. Gemeinsam mit der Altistin Nathalie Flessa, dem Tenor Mauro Peter, dem Bariton Ludwig Mittelhammer und dem Mottetenchor des Evangelischen Stadtkirche Bad Reichenhall unter Leitung vom Matthias Roth brachte die Bad Reichenhaller Philharmonie unter Leitung von Professor Dr. Christoph Adt die schönsten Sequenzen aus den Kantaten I bis IV zur Aufführung.

Die Solisten Matthias Roth, Ludwig Mittelhammer, Mauro Peter und Nathalie Flessa (v. l.) mit Christoph Adt. (Foto: Bauregger)

In den ersten vier Kantaten widmet sich J. S. Bach der Geschichte vom Kind in der Krippe, den Hirten auf dem Felde und der Beschneidung Jesu, welche am Neujahrstag gefeiert wird. Die Kantate V (Namengebung Jesu) war für den ersten Sonntag nach Neujahr und die letzte für Epiphanias (Geschichte der Weisen aus dem Morgenland) vorgesehen. Insgesamt besteht das Gesamtwerk aus 64 Chorälen, Arien und Rezitativen, die den sechs Sonntagen um Weihnachten herum zugeordnet waren und dort in die Gottesdienste integriert wurden, beginnend am 4. Adventssonntag.

Die biblischen Texte stammen von den Evangelisten Lukas und Matthäus, die 15 Choraltexten werden Paul Gerhardt, Martin Luther, Johann Rist und weiteren verschiedenen Textdichtern zugeordnet. Der Text der freien Stücke wird üblicherweise Bachs Leipziger Textdichter Picander zugeschrieben. Viele Eingangschöre und Arien des Oratoriums sind Parodien, d. h. Bach verwendete musikalische Vorlagen aus früheren, zumeist weltlichen Werken, etwa die Huldigungskantaten, die er 1733 zum Geburtstag des sächsischen Kurprinzen oder zum Geburtstag der sächsischen Kurfürstin geschrieben hat. Da diese nur einmal aufgeführt wurden, wollte Bach vermutlich diese Werke durch das Weihnachtsoratorium einfach weiterleben lassen.

Nach Expertenmeinung liegt die Besonderheit des Werkes in der meisterhaft notierten, besonderen, sprechenden Harmonik und dem natürlichen Fluss der Mittelstimmen und der Bässe. Einen ersten Eindruck dieser Qualität vermittelte das Orchester bereits in der festlich intonierten Eröffnungsmusik »Jauchzet, frohlocket« zur Kantate Nr. I, wirkungsvoll von Paukenschlägen eröffnet und freudig vom Chor verbal weitergeführt.

Der Dirigent baute bereits hier auf Originalinstrumente wie die eingesetzten Naturtrompeten, um sich möglichst authentisch an das Klangbild Bach'scher Sakralmusik halten zu können. Hier ging er, wie er nach dem Konzert selber sagte, bewusst ein gewisses Risiko ein, da diese Instrumente speziell in der Höhe extrem schwer zu blasen sind. Ein weiteres Instrument, das Chembalo, an diesem Abend gespielt von Matthias Roth, durfte natürlich ebenfalls nicht fehlen.

Mit einem Rezitativ aus dem Lukasevangelium trat der Tenor Mauro Peter aus der Schweiz ein erstes Mal vor das Publikum. Mit freier, klarer Artikulation und einem ausgewogenen Stimmbild verkündete er das Gebot des Kaisers Augustus zur Volkszählung in Bethlehem. Dem schloss sich die Altistin Nathalie Flessa aus Bayreuth mit voluminöser, angenehm ausgeglichener, gut verständlicher Stimme und dem Rezitativ »Nun wird mein liebster Bräutigam« an, um im Anschluss daran zusammen mit dem Chor in die Arie »Bereite dich Zion« einzustimmen. Der dritte Gesangssolist, der Bariton Ludwig Mittelhammer aus München, brachte sich im 7. Choral »Er ist auf Erden kommen arm« zusammen mit dem Chor-Sopran erstmals in das Konzert ein. Gesanglich hervorragend ausgebildet, trug er seine Parts einwandfrei vor.

Da besonders der Hirtenszene im Weihnachtsoratorium ungewöhnlich viel Platz eingeräumt wurde verwundert es nicht, dass Bach auch versuchte, typische Hirtenklänge in dem Werk zu implementieren. Mit dem Einsatz der Oboe d'amore, sie klingt eine Oktave tiefer als eine Oboe, bzw. der Oboe da caccia, der Vorläuferin des heutigen Englischhorns, ahmte er klanglich die Schalmeien der Hirten nach, meisterhaft eingesetzt in der Arie 19 oder bei der Sinfonia am Beginn der II. Kantate, untermalt von einem Bordunton des Basso Continuo, der als Ersatz für den Dudelsack agierte. Wunderbar ließ das Orchester hier die Schalmeien der Hirten mit dem »wiegenden Engelsgesang« der Geigen und Flöten mehr und mehr zu einer himmlischen Klangwolke zusammenfließen. Auch die Sängerinnen und Sänger des Mottenchores fügten sich nahtlos und stimmgewaltig in das Gesamtwerk ein und meisterten anspruchsvolle Chorpartien wie etwa am Anfang der Kantaten III und IV ausdrucksstark.

Klanglich bot das Konzert viele Varianten orchestraler Besetzung, welche sich bei den Rezitativen oder den Arien der Gesangssolisten oft minimalistisch, aber wirkungsvoll auf nur wenige Instrumente reduzierte. In größerer Besetzung hatte besonders der Bariton einige Male Mühe, sich gegen die Instrumentalisten durchzusetzen. Dem vielfach geäußerten Anliegen, mit solchen Aufführungen eine Verbindung zwischen den Urlaubern, Kurgästen, Besuchern der Stadt und der Bevölkerung herstellen und eine Gemeinschaft bilden zu wollen, ist Professor Dr. Adt mit diesem Konzert sicher einen Schritt nähergekommen. Ob sich ein weiterer Wunsch, aus der Aufführung eine jährliche Tradition erwachsen zu lassen erfüllen wird, kann nur das Publikum beantworten. Das Publikum beim Eröffnungskonzert der Philharmonischen Weihnacht 2012 bedankte sich bei ihm, dem Orchester, dem Chor und den Gesangssolisten auf alle Fälle mit begeistertem Applaus. wb