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Watzmann extrem

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Die Watzmann-Ostwand forderte schon viele Menschenleben. Dennoch brechen Sportler hier regelmäßig Extremrekorde. Foto: Toni Grassl

Berchtesgaden – Zwei Bergrekorde in wenigen Tagen, die in der Szene für Aufsehen sorgten: Wie ein Derwisch hat Ausnahmesportler Toni Palzer die Watzmann-Überschreitung gemeistert. In Rekordzeit, drei Stunden und zehn Minuten benötigte er. Einen Tag später durchquerten Philipp Reiter und dessen Kumpel Martin Schiedlowski die Ostwand. In 2:03 Stunden. Palzer möchte das nochmals unterbieten. Experten befürchten Nachahmer, trotzdem sagen sie: »Die Jungs sind fit, sie wissen, was sie tun.«


In der Szene haben die Rekorde nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Eine Watzmann-Überquerung in so kurzer Zeit gelang Toni Palzer natürlich nur im Laufschritt. Ohne Ausrüstung, nur einen halben Liter zum Trinken hatte er dabei.

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Der staatlich geprüfte Berg- und Skiführer Toni Grassl kennt Toni Palzer bestens. »Das ist einer, der weiß, was er tut«, sagt Grassl. Fehlende Ausrüstung? In der Tat. »Ich finde das in so einem Fall in Ordnung, hier zählt vor allem der sportliche Gedanke. Andere haben so viel Ausrüstung dabei, dass sie eine Woche auf Tour gehen könnten.« Toni Grassl sagt, dass sowohl Toni Palzer als auch Philipp Reiter durchaus vertretbare Risiken eingehen: »Sie suchen sich die Tage genau aus, an denen sie unterwegs sind. Die objektive Gefahr ist da am geringsten.«

Philipp Reiter und sein Freund Martin Schiedlowski hatten die Watzmann-Ostwand bei bestem Wetter bezwungen. Ebenfalls ohne Ausrüstung. Die Steinschlaggefahren waren ihnen bewusst, so Reiter im Interview mit dem »Berchtesgadener Anzeiger«.

Bergführer Toni Grassl war an diesem Tag zufällig auch an der Ostwand, als das Duo den Rekordversuch wagte: 2:03 Stunden. Der bisherige Rekord lag bei 2:07 Stunden. Beim Eingang zur Rampe überholten die Extremberggeher Toni Grassl, der gerade eine geführte Begehung machte und dafür insgesamt rund sieben Stunden brauchte. »Die jungen Männer waren top vorbereitet, sie sind führend in dem, was sie tun.« Grassl vergleicht das mit einem Marathonlauf, nur auf anderem Terrain. Irgendwie extrem, aber machbar. Natürlich seien Restrisiken vorhanden, vor allem der Steinschlag. Minimieren könne man die Wahrscheinlichkeit nur, in dem man an Tagen unterwegs sei, wo sonst nur wenige an der Watzmann-Ostwand ihr Können beweisen.

Heinz Zembsch, ebenfalls staatlich geprüfter Berg- und Skiführer, ist der Ostwand-König überhaupt. 410 Mal hat er die Wand gemeistert. Nie auf Zeit, wie er bestätigt. Oft war er mit Kunden unterwegs, für gewöhnlich sieben bis acht Stunden. »Einmal benötigten wir drei ganze Tage, als ich mit einem Mann aus Frankfurt im Gelände war.« Zembsch lacht, als er das am Telefon erzählt. Er kennt die Ostwand wie kein Zweiter. Dass Toni Palzer nun Philipp Reiters Ostwand-Rekord unterbieten möchte, traut er dem Ramsauer zu: »Wenn man sich gut auskennt, dann ist das machbar.« Trotzdem rät er dem jungen Extremsportler, »auf Sicherheit zu gehen.« Denn immerhin hat es an der Ostwand schon zahlreiche Tote gegeben, 103 Menschen kamen hier bislang ums Leben. »Im Endeffekt müssen sie es selber wissen, was sie da tun«, so Zembsch.

Bergführer Korbinian Rieser ist der Meinung, einen solchen Versuch möglichst sicher zu gestalten, wenngleich Restrisiken nie ausgeschlossen werden können. »Sportliche Herausforderungen gab es schon seit jeher«, sagt Rieser. Als Bergführer müsse man seine Kunden aber auf entsprechende Ausrüstung hinweisen.

Polizeibergführer Gerhard Benischke sagt, dass man als Bergführer mit einem Gast an der Ostwand immer am Seil gehe. An zwei Passagen müsse man sich zusätzlich sichern. Etwas, das Philipp Reiter nicht tat. »Bitte nicht nachmachen«, sagte er im Gespräch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger«. Benischke sieht keine Probleme in den Extremversuchen der Sportler: »Sie kennen die Wege gut, wissen, was sie tun.« Der sportliche Vergleich liege ja in der Natur der Sache. Benischke geht davon aus, dass an der Watzmann-Ostwand nun weitere Rekordbrecher unterwegs sein werden. Um Reiters aktuellen 2:03-Rekord zu jagen. Noch stellt dieser den Rekord. Palzer möchte deutlich unter zwei Stunden bleiben. Kilian Pfeiffer

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