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Wasserkraftwerke eine »schmutzige Energiegewinnung«

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Ein Wasserkraftwerk am Felsentor würde laut BN Lebensräume zerstören.
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Der Landesverband Bund Naturschutz auf Exkursion an der Ramsauer Ache im Zauberwald. Dort ist ein Wasserkraftwerk geplant. Die Naturschützer wollen das Projekt verhindern. (Fotos: Vietze)

Ramsau – Die Erzeugung Erneuerbarer Energien ist eine Möglichkeit, umweltschonend zu leben. Der Bund Naturschutz (BN) in Bayern gibt aber zu bedenken, dass damit nicht automatisch die Natur geschützt werde. So warnt der Verband, dass vor allem Kleinwasserkraftwerke ökologischen Schaden anrichten. Um seine Sorgen zu formulieren, veranstaltete der Landesverband Bund Naturschutz am Montag eine Exkursion zu den geplanten Standorten Nonner Rampe (Bad Reichenhall), Schneizlreuth, Zauberwald und Felsentor. Überall dort ist der Bau von Wasserkraftwerken im Gespräch.


Anlaufpunkt der BN-Delegation war auch der Zauberwald. Rita Poser, Vorsitzende der BN-Kreisgruppe, reflektierte das geplante Projekt kritisch. Der Gemeinderat Ramsau habe den Bau im vergangenen Dezember vorgestellt. Das Ziel: Die Durchflussmenge des Wassers in der Ramsauer Ache, die momentan 450 Liter pro Sekunde beträgt, soll auf 2000 Liter pro Sekunde erhöht werden. Um diesen Wert zu erreichen, wolle man eine zweite Zuleitung aus dem Hintersee errichten.

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Eine Begehung des Zauberwalds mit dem Fischereiverband, dem Bund Naturschutz und den Projektverantwortlichen habe im Mai stattgefunden. Damals hätten Mitglieder der BN-Gruppe das Vorhaben abgelehnt.

»Es stimmt zwar: Je höher das Gefälle ist, desto mehr Energie wird gewonnen. Doch die Fische werden gefährdet«, so Poser. Der Fischaufstieg würde dann nicht mehr funktionieren. Ein Fischaufstieg ist eine wasserbauliche Einrichtung an Fließgewässern, um Fischen im Rahmen der Fischwanderung die Überwindung von baulichen Hindernissen wie Stauwehren, Wasserkraftanlagen und gegebenenfalls auch Wasserfällen zu ermöglichen. Die Gefahr besteht, dass schwimmschwache Fische dieses Hindernis nicht bewältigen können.

Fragwürdiger Untergrund

Zusätzlich soll im Hang gegenüber dem Fußweg im Zauberwald ein Rohr mit einem Durchmesser von 1,20 Metern verlegt werden. Prof. Dr. Ernst Billmeier ist skeptisch: »Wir wissen nicht, ob der Untergrund die richtige Beschaffenheit hat.« Der Erddruck bereite weitere Probleme: Durch äußere Einwirkungen wie Nässe könne der Hang rutschen. Das führe zu Deformierungen im Untergrund. Dadurch bewege sich das Rohr und könne reißen. Außerdem müssten die bestehenden Bäume gerodet werden, was zusätzlich der Natur schade.

»Der Aufwand lohnt sich wegen des Schadens nicht«, so Billmeier. Der Geologe Dr. Volker Diersche ergänzte: »Wir haben hier ein geröllreiches Gebiet.« Vor 3 500 Jahren gab es einen Steinbruch an der Schärtenspitze. Seitdem bestehe ein Blockgewirr und der Bauuntergrund sei deshalb unangenehm.

Da könne nicht einmal der Coanda-Rechen helfen, der Gestein aus dem Wasser spülen soll. Denn der lasse gewisse Partikel durch, weshalb es zu einer Erosion der Turbine kommen könnte. »Die Stromausbeute wird schlechter, die Umgebung zerstört und die erzeugte Strommenge sinkt«, erläuterte Billmeier.

Geringer Nutzen

Martin Geilhufe, Landesbeauftragter des Bund Naturschutz in Bayern, sah ebenfalls keinen Vorteil in dieser Art der Energiegewinnung. Nach seinen Worten fließt wegen der gestiegenen Temperaturen im Rahmen des Klimawandels seit einigen Jahren weniger Wasser in der Ramsauer Ache. Ohnehin hätten besonders die Kleinkraftwerke einen geringen Nutzen bei der Energiegewinnung, sagt Geilhufe.

Bayernweit gibt es nach seinen Angaben 4200 Wasserkraftwerke – 4000 davon sind Kleinanlagen. Mit einer Leistung unter 1000 Kilowatt erzeugen die Kleinkraftwerke nur 8,7 Prozent des Wasserstromes. »Damit leisten sie einen geringen Beitrag zum Klimaschutz, zerstören aber massiv Lebensräume im Fließgewässer«, so Geilhufe. Würden die restlichen Fließstrecken mit Kleinkraftwerken verbaut, gingen extrem gefährdete Lebensräume verloren. »Das ist eine schmutzige Energiegewinnung«, betonte der Landesbeauftragte.

Deshalb wolle man auf alternative Energiegewinnung setzen: Solarenergie durch Photovoltaikanlagen oder Bioenergie gehören dazu. Bioenergie wird aus nachwachsenden Rohstoffen erzeugt – zum Beispiel Mais, Raps oder Holz, aus Agrarrohstoffen und organischen Reststoffen. Außerdem könnten Kleinwasserkraftwerke nach Einschätzung des BN den Strombedarf einer Gemeinde gar nicht decken. »Im Winter ist der Bedarf an Strom am höchsten«, so Poser. Der Ertrag aber sei zu dieser Jahreszeit wegen der reduzierten Niederschlagsmenge am geringsten. Daher würden kleine Anlagen nur einen minimalen Beitrag zum Klimaschutz leisten, der Ökologie enorm schaden.

Kritik auch am Felsentor-Projekt

Auch in der Kritik des BN stand bei der Exkursion der seit Langem geplante Neubau eines Wasserkraftwerks am Felsentor. Dort soll ein sogenanntes Kleinkompaktkraftwerk entstehen. Wie im Zauberwald könne die Anlage am Felsentor den Strombedarf nicht komplett decken, betont der BN.

Oberhalb des Wasserkraftwerks am Felsentor soll ein Hydraulikkran das Treibgut in der Ache entfernen. Das wirkliche Problem aber stellt laut Ernst Billmeier das Geschiebe dar. Ein sogenanntes Überfallwehr soll das Gletschergestein zurückhalten und gleichzeitig überschüssiges Wasser am Kraftwerk vorbeileiten. Doch Billmeier ist überzeugt, dass die Geschiebemenge zu groß für das Wehr ist und deshalb Steine die Turbine lahmlegen werden. »Das führt zu erheblichen Ausfallzeiten«, so Billmeier.

Nun will der BN die geplanten Neubauten im Landkreis verhindern. Bis auf das Projekt Felsentor befinden sich alle in der Auslegungsphase. Das Landratsamt entscheidet dann über die Genehmigung. Sollte die Behörde die Genehmigung erteilen, dann kann der BN in einem Eilverfahren noch Klage erheben. Bereits im Jahr 2015 war der Verband damit beim Felsentor-Projekt erfolgreich. Poser erinnerte: »Der Auftraggeber hat damals den Antrag zurückgezogen.« Patrick Vietze

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