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Was geschah wirklich in Abbottabad?

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Tomas Friedmann, der Leiter des Literaturhauses Salzburg (links), sprach mit Leon De Winter über seinen neuen Roman »Geronimo«, den der niederländische Schriftsteller in der Mozartstadt vorstellte und einige Passagen vorlas. (Foto: Heel)

Der 1954 in 's-Hertogenbosch geborene Autor und Filmemacher Leon de Winter gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellern der Nachkriegszeit in den Niederlanden. Mit dem Roman »Hoffmans Hunger« (1990) gelang ihm auch international der Durchbruch bei einem breiten Lesepublikum. Besonderer Beliebtheit erfreut er sich in den deutschsprachigen Ländern, wo fast alle seine Romane bei Lesern wie Kritikern großen Erfolg haben.


Jetzt war Leon de Winter im Literaturhaus Salzburg zu Gast, wo er seinen neuen Roman »Geronimo« vorstellte und mit Tomas Friedmann, dem Leiter des Literaturhauses, ein Gespräch darüber führte. »Geronimo«, so lautete das Codewort, das die Fahnder des amerikanischen Geheimdienstes durchgeben sollten, wenn sie Osama bin Laden gefunden hätten. Doch ist die spektakuläre Kommando-Aktion gegen den meistgesuchten Mann der Welt wirklich so verlaufen, wie man uns glauben machte?

In seinem Roman, einer spannenden Mischung aus Polit-Thriller und Liebesgeschichte, entwirft Leon de Winter ein anderes Bild der Ereignisse in jener Nacht in der pakistanischen Stadt Abbottabad, in der bin Laden angeblich zur Strecke gebracht wurde. Auslöser für das Buch war ein zufälliges Gespräch mit einem Colonel der Delta Forces (einer Spezialeinheit der amerikanischen Armee), der de Winter fragte, ob er wirklich so naiv sei und der offiziellen Version Glauben schenke. Also begann er zu recherchieren und je tiefer er in die Materie eindrang, umso mehr Zweifel kamen ihm. Zumal selbst die Militärs, die in Abbottabad dabei waren, unterschiedliche Versionen des Unternehmens präsentiert hatten.

Erzählt wird die Geschichte aus fünf Perspektiven, wobei der ehemalige Soldat und CIA-Agent Tom Johnson im Mittelpunkt steht. Für die Beschreibung bin Ladens wählte De Winter allerdings einen recht ungewöhnlichen Ansatz: statt den Terroristen-Chef als Monster hinzustellen, beschreibt er ihn zu Beginn des Romans als fürsorglichen Familienmenschen, der in Abbottabad auf seinem Moped nächtliche Ausflüge unternimmt, um Zigaretten zu kaufen oder Eis und Schokolade für seine Lieblingsfrau zu besorgen.

Für viele ein schockierendes Bild, auch für De Winters Ehefrau, die Schriftstellerin Jessica Durlacher, wie De Winter schmunzelnd anmerkte. Aber auch eine Reaktion, die ihm sagte, dass er auf dem richtigen Weg war. Nicht zufällig also, dass er gerade diese Passagen aus dem Roman vorlas, gipfelnd in der Begegnung bin Ladens mit einem verstümmelten Mädchen, das ihn erkennt. Und das Monster in ihm weckt! Zuletzt sprach Tomas Friedmann den Autor noch auf Kapitel 7 des Romans an, in dem sich De Winter in Barak Obama hineinversetzte. Der hatte seinerzeit nämlich darauf bestanden, die Rede zum (angeblichen) Tod bin Ladens selbst zu schreiben. Und da er laut De Winter als Präsident schlecht sagen konnte, »the fucker was shot to hell«, erforderte dies psychologisches wie literarisches Gespür. Dieses Wechselspiel zwischen Obamas Gedanken und dem, was er schließlich zu Papier brachte, ist schlichtweg brillant. Wolfgang Schweiger