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Vor 40 Jahren: Der große Orff im kleinen Dorf

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»O Fortuna« klang es aus vollen Kehlen des Gemeinschaftschors der Traunwalchner Grundschule und des Heidenhain-Gymnasiums Traunreut unter der Leitung von Tanja Thaler. (Fotos: Rasch)
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Die Klasse 2b führte das Hexeneinmaleins auf.

Traunreut – Das hätte sicher Carl Orff auch gefallen: Nicht nur an dem mächtigen Chorsatz »O Fortuna« aus seiner weltberühmten Carmina Burana hätte er seine Freude gehabt: Es wurde getanzt, gespielt, getrommelt und gesungen, ganz im Zeichen seines künstlerischen Schaffens. Vor 40 Jahren besuchte Carl Orff mit seiner Schulwerk-Mitarbeiterin Gunhild Keetmann und seiner Frau Liselotte die damalige, ein Jahr zuvor nach ihm benannte Volksschule und heutige Grundschule Traunwalchen.


An diesen historischen Besuch erinnerte jetzt die Schule mit einem gelungenen Festakt. In der Aula erinnerte alles an den großen Komponisten und Traunreuter Ehrenbürger: Porträts im Andy-Warhol-Stil, seine großen Werke und eine Orff-Büste, die am Ende feierlich enthüllt wurde.

Vor zahlreichen Gästen und Ehrengästen stimmte der Bläsernachwuchs unter der Leitung von Manfred Berger auf der Empore der Aula auf den gelungenen, rund zweistündigen Festakt ein. Der mächtige Chorsatz »O Fortuna« aus der Carmina Burana hat nicht nur bei   Bürgermeister Klaus Ritter »Gänsehautfeeling« ausgelöst, wie dieser in einem kurzen Grußwort feststellte. Für die Interpretation des gewaltigen und kraftvollen Chorsatzes durch den Gemeinschaftschor der Traunwalchner Schule und des Heidenhain-Gymnasiums Traunreut unter der Leitung von Tanja Thaler gab es tosenden Applaus.

Lebendig und schwungvoll präsentierten sich die einzelnen Klassen. Die Erst- bis Viertklässler waren mit Begeisterung bei der Sache: Ob beim »Orff-Beat« beim »Hexeneinmaleins« oder beim »Gassenhauer«-Tanz. In Reim-Form und auswendig klärten sie die Gäste auch über das Leben und Wirken Carl Orffs auf: »Wir haben Grips und Feuer. Wollt ihr wissen, wer Orff war?«

Orffsche Gedanke kann fortgeführt werden

Für das Programm zeichneten Tissi Fernandez und Iris Linnemann verantwortlich. Mit den beiden Musiklehrerinnen, die mit den Kindern die Auftritte einstudierten, werde der Orffsche Gedanke an der Schule fortgeführt, sagte Schulleiterin Gabriele Veil. Mit den beiden Orff-Expertinnen, die auch ihre Erfahrungen an die Lehrer der Schule weitergeben, bestehe wieder eine neue Chance, an den Orffschen Gedanken und an der Liebe zur Musik festzuhalten.

Die Schulleiterin erinnerte auch an ihre Vorgänger und ehemaligen »Orffianer«, die die Schule geprägt hätten. Deren Liste sei unendlich lang, erklärte der ehemalige Leiter der städtischen Sing- und Musikschule Traunwalchen, Markus Lentz, in einer Gesprächsrunde mit seinem Vorgänger Franz Jaksch, der ehemaligen Leiterin des Orff-Instituts, Barbara Haselbach, Ministerialdirigent a. D. Dr. Helmut Wittmann und Klaus Nürnberger von der Lehrerakademie Dillingen. Es fielen Namen wie Hausotter, Angerer, Lauber, Ostler, Lieselotte Orff oder Professor Dr. Hermann Regner. Diese Personen hätten Geschichte geschrieben, sagte Lentz. Begeistert äußerte er sich auch über den Auftritt der Kinder: »Die Auftritte waren so lebendig, deshalb habe ich keine Sorge, dass es nicht weiter geht.«

»Werdet keine Orffianer, sondern selber ana«, soll Carl Orff bei seinem Besuch in Traunwalchen geäußert haben. Dieser Aufforderung kommt die Schule seit mehr als 40 Jahren nach. Angefangen hat alles damit, dass der damals junge Musikschullehrer Franz Jaksch als Student am Orff-Institut des Mozarteums Salzburg Georg Angerer und Manfred Hausotter kennengelernt und sie an die Traunwalchner Schule geholt hat. Zu dieser Zeit seien auch Schulen für Modellschulen gesucht worden, sagte Jaksch. Und so ergab es sich, dass die damalige Grund- und Hauptschule zur Musikmodellschule erklärt wurde. Anschubhilfe hatte Dr. Helmut Wittmann in seiner Eigenschaft als Ministerialrat im Kultusministerium geleistet. »Es war eine große Aufbruchsstimmung und ein glücklicher Zufall, dass es Leute wie den »Bene« (Manfred Hausotter) und den »Schorsch« (Georg Angerer) gegeben hat«, erinnerte sich Wittmann. Die Aufführung der Carmina Burana in der Pertensteiner Reithalle sei ein erstes großes Erlebnis gewesen, dem viele weitere große Orff-Aufführungen, wie der »Mond« oder »Die Kluge« folgten.

Orff-Schulwerk kein geschlossenes System

Warum das Orff-Schulwerk immer noch eine weltweite Wirkung hat, das erklärte Barbara Haselbach. Das Orff-Schulwerk sei offen und kein geschlossenes System und greife direkt auf die Menschen zu, so Haselbach. »Ihr seid nicht die einzigen Kinder. Das Schulwerk wird auch in Thailand, Afrika oder Sibirien aufgelegt«, sagte sie an die Schüler gerichtet und ermunterte sie, sich gegenseitig mit Briefen auszutauschen. »Ihr alle gehört zu diesem Netzwerk der Schulen in der ganzen Welt. Werdet erfinderisch und kreativ!«

Dass die Tradition der Lehrerfortbildungen in Traunwalchen, die auf der Kippe gestanden hat, jetzt doch fortgeführt werden kann, sei sehr erfreulich, erklärte Klaus Nürnberger von der Akademie für Lehrerfortbildungen in Dillingen. Persönlich habe er die Schule bei einer Grundschullehrer-Ausbildung und bei einer Elementaren Musikpädagogik-Ausbildung kennenlernen dürfen. Auch Nürnberger war begeistert von den Aufführungen der Schüler: »Einfach genial, einfach toll, was ihr gemacht habt.« Diesem Kompliment schloss sich auch der stellvertretende Landrat Josef Konhäuser an. Sowohl er als auch Bürgermeister Ritter hatten ihre Spickzettel über das Leben und Wirken des Namenspatrons der Schule schnell wieder in die Tasche gesteckt: »Die Kinder hätten es nicht besser sagen können«, sagte Konhäuser in Anlehnung an die gelungenen Erklärungen der Kinder.

Seit 1978 trägt die Schule den Namen des weltberühmten Komponisten. Orff selbst konnte bei der Namensgebung nicht persönlich anwesend sein und hatte seinen Besuch ein Jahr darauf angekündigt. Damit wollte der 1982 verstorbene Komponist die langjährige Zusammenarbeit der Schule mit seinem Orff-Institut am Mozarteum in Salzburg dokumentieren.

Orff-Begegnungs-, Spiel- und Gedenkstätte

Für das Orff-Dorf war der Besuch ein historisches Ereignis, an das jetzt wieder erinnert wurde. Per Kutsche besuchten die »Orffs« damals auch Pertenstein, durchfuhren die Rundhalle (Reithalle), die sich später zu einer Orff-Spielstätte mauserte und unterzeichneten im Carl-Orff-Saal eine Stiftungsurkunde, die eine außerschulische Förderung begabter, junger Musiker beinhaltete. Carl Orff und sein »Geist« ziehen sich wie ein roter Faden durch das Schloss und nicht umsonst spricht man von einer Orff-Begegnungs-, Spiel- und Gedenkstätte. So hat unter anderem die Orff-Ausstellung »Alles ist Phantasie«, die um die ganze Welt gegangen ist, als Dauerleihgabe im Schloss eine würdige Bleibe gefunden. Traunwalchen und Pertenstein waren 2000 auch Austragungsort des internationalen Orff-Symposiums. Rund 400 Musikpädagogen und Professoren waren damals zu Gast, um sich mit der zukunftsweisenden Musikerziehung im Sinne des Orff-Schulwerks auszutauschen. ga