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Vor 20 Jahren: Amoklauf in Bad Reichenhall

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Vor 20 Jahren gab es bei einem Amoklauf eines 16-Jährigen in Bad Reichenhall fünf Tote und fünf Schwerverletzte. Unser Archivbild zeigt die Waffen, mit denen der Jugendliche damals um sich schoss. (Foto: Polizei)

Bad Reichenhall – Zum 20. Mal jährt sich am morgigen Freitag der Amoklauf von Bad Reichenhall: Am 1. November erschoss der 16-jährige Martin P. mit Waffen seines Vaters seine 18 Jahre alte Schwester und feuerte aus der elterlichen Wohnung wahllos auf Passanten. Ein Fußgänger (54) und ein Nachbarehepaar (59/60) starben. Am Ende jagt er sich selbst eine Kugel in den Kopf.


Die Bilanz: fünf Tote und fünf Schwerverletzte. Auch 20 Jahre später ist unklar, was sich in der Wohnung zwischen den Geschwistern abspielte, was den 16-Jährigen trieb, den Waffenschrank des Vaters aufzubrechen und zu töten.

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Es war einer der ersten Amokläufe in Deutschland. »Es war das erste Mal, dass das Phänomen bei uns auftrat«, sagt der heutige Münchner Polizeipräsident Hubertus Andrä, der damals den Einsatz vor Ort leitete. »Natürlich habe ich diesen Tag noch im Kopf«, sagt er. Zuerst habe man geglaubt, der Vater schieße – weil er eine gewisse Nähe zu Waffen gehabt habe. Bis er mit seiner Frau an der polizeilichen Absperrung auftauchte. »Da war klar, dass möglicherweise der Sohn der Schütze ist.« Schon damals habe man aus dem Fall Schlüsse gezogen und Einsatzkonzepte verändert – die heute vollkommen anders seien. »Heute gehen wir absolut offensiv in die Situation hinein. Es wird nicht gewartet, bis Spezialkräfte da sind.«

Dramatische Szenen spielten sich damals vor dem Wohnhaus des 16-Jährigen ab. Zunächst konnten die Verletzten und Toten nicht von der Straße geborgen werden, weil Martin P. weiter um sich schoss. Erst als der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber – er war zufällig in Übersee – seine gepanzerte Dienstlimousine als Schutzschild für die Helfer schickte, wurden die Opfer aus dem Kugelhagel geholt. Bei vielen ist die Tat von Bad Reichenhall weniger in Erinnerung geblieben als spätere Amokläufe, etwa der in Erfurt 2002 mit 17 Toten und in Winnenden 2009 mit 16 Toten. Die geringere Zahl der Opfer dürfte nur ein Grund sein. Vor Erfurt, so sagt der Kriminologe und ehemalige Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, Rudolf Egg, sei man eher von allein in der Persönlichkeit des Täters begründeten Einzeltaten ausgegangen. »Man hat sie als etwas Isoliertes angesehen.« Nach Erfurt kam laut Egg verstärkt die Frage nach gesellschaftlichen Hintergründen auf. Nicht zuletzt Erfurt trug laut Egg mit dazu bei, sich in Studien intensiver mit dem Amok-Phänomen zu befassen.

Änderungen im Waffenrecht wurden bereits nach Bad Reichenhall verlangt; der damalige Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) kündigte strengere Vorschriften zur Aufbewahrung an. Seitdem gab es eine Reihe von Änderungen.

Zudem wurden Notfallpläne entwickelt, Krisenteams stehen bereit. Es gebe auch mehr Aufmerksamkeit für auffällige Schüler, sagt Egg. »Eine positive Lehre ist, dass man mehr auf die achtet, die am Rande stehen«, sagt Egg. »Die Störer kann man nicht übersehen. Es sind aber oft diese Stummen, eher Depressiven und Suizidalen, die dann völlig unerwartet solche Taten begehen.«

Ähnlich wurde Martin P. beschrieben: als unauffälliger Einzelgänger. Den Ermittlungen zufolge hatte er sich für die Neonazi-Szene zu interessieren begonnen. In seinem Zimmer hing ein Hakenkreuz, er hörte Musik mit gewaltverherrlichendem Inhalt, sah Gewaltvideos. Politische Motive schieden nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft aus. Dennoch sagt Egg: »Sympathie mit dem Naziregime kann einem Täter subjektiv Stärke verleihen.« Einem schwachen Menschen könne es das Gefühl verschaffen: »Ich gehöre einer ganz großartigen Bewegung an.«

Insgesamt 50 Schüsse feuerte der Berufsschüler aus vier Waffen ab. Seiner Schwester schoss er fünfmal in Kopf und Brust – das wirkte fast wie eine Hinrichtung. Beweggründe, Auslöser? Unklar. Die Ermittler kamen damals zu dem Schluss: »Das Motiv liegt in der Persönlichkeit des Täters.« Ein Mahnmal zur Erinnerung an die Opfer gibt es in Reichenhall nicht. Auch plant die Stadt zum 20. Jahrestag kein Gedenken.

Sabine Dobel

Italian Trulli