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Von männlichen und weiblichen Feministen

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Hanno Waldner (von links), Janina Raspe, Tim Oberließen und Tina Eberhardt in »We should all be feminists«. (Foto: Witzgall)

Wenn der Deckel eines Kochtopfes bei kochendem Inhalt klappert und tanzt, dann gibt es mehrere Möglichkeiten: Ohren auf Durchzug schalten und ausblenden, Flamme runterschalten, Deckel herunternehmen oder den Raum verlassen. Ähnlich verhält es sich mit weltpolitischen Themen, die die Gemüter erhitzen.


Klimawandel, Brexit-Wahn, Trump-Irrsinn – die Liste polarisierender Themen ist lang. Da kann man auch hin- oder weggucken. Gerade als Kunstschaffender ist aber Hinschauen Pflicht. Heiß gekocht wird auch immer wieder, und das schon seit langem, das große Thema Feminismus. Lea Mantel und Sarah Henker, Autorin und Regisseurin am Salzburger Landestheater, verarbeiteten dieses Thema, basierend auf einer Rede der nigerianischen Bestsellerautorin Chimamanda Ngozi Adichies zu einem packenden Kammerspiel: »We should all be feminists«.

Der Titel des Kammerspiels entspricht dem Titel der Rede, in dem in dichter Zusammenarbeit mit zwei Schauspielerinnen (Janina Raspe, Tina Eberhardt) und zwei Schauspielern (Tim Oberließen, Hanno Waldner) verschiedene Thesen aus Adichies' Rede fokussiert, nachgespürt und dazu gemeinsame Fantasien entwickelt wurden.

Das Publikum in den Kammerspielen des Salzburger Landestheaters, wo die absolut sehenswerte Bühnenbearbeitung derzeit zu sehen ist, rekte die Hälse und lugte mit großer Neugier hinein in den Kochtopf. Ein Blick ins Innere, der sich lohnte – ein Blick auf Adichies' zum Teil sehr humorvoll beschriebene Erkenntnisse über Geschlechterverhältnisse in der Gesellschaft samt ihrer sozial-analytischen Erschließung der hoch sensiblen Materie, die sie in ihrer Rede wie Konfetti auf Eis schoss.

Theatralisch war schon das »Opening« der Inszenierung: Aus einem Schaumstoffschlitz an der Bühnenrückwand »schauen« Hände hervor. Hände von vier Menschen. Zwei scheinbar männlich, zwei weiblich, wie sich zeigt, als die Vier sich durch den Schlitz hindurch auf die Bühne hervorarbeiten. Der Schlitz ist also kein Schlitz, erschließt sich schnell. Es ist eine Scheide, ein Muttermund. Die Geburt guter Ideen für ein niveauvolles Theater. »Na, was wird es denn?«, schießt es einem durch den Kopf. Nicht wer, sondern was.

Die Würfel in eine mehr oder weniger von Mühsal geprägte Zukunft (Frau oder Mann) sind gefallen. Rosa oder blau? Puppe oder Feuerwehrauto? Fußballer oder Tänzerin? Weniger Gehalt oder mehr (für die gleiche Arbeit)? Beine rasieren oder »einfach so bleiben wie ich bin?«. In naher Anlehnung an Adichies Rede werden Textinhalte aufgegriffen und auf die Bühne gebracht.

Es werden Fragen aufgeworfen und sich sogleich auf die Suche nach möglichen Antworten gemacht. Diese bewusst mit provokanten Reizen versehenen »Fragen«, »Statements« oder Anekdoten aus dem Leben Adichies gestalten sich in der szenischen Umsetzung dermaßen witzig, dass gerade das spontane Gelächter die nächste Frage aufwirft. Nämlich die Frage, ob Mann oder Frau da überhaupt lachen darf.

Ein verstohlener Blick durch die Reihen des Publikums zeigt, dass es anderen ähnlich geht. Darf man (oder frau) über Blondinenwitze lachen? Ist ein Witz besonders gut, wenn er weh tut? Als keinen Witz, sondern alltägliche Farce war die nachgestellte Szene »Im Uterus« zu erkennen, in der die beiden Ungeborenen mit männlichem und weiblichem Rüstzeug fürs Leben ausstaffiert wurden. Lachen war jedenfalls erlaubt in der ausgesprochen kreativen Aufarbeitung einer wirklich guten Rede. Dabei rutschte die Inszenierung nie ins Lächerliche oder Peinliche, deckte auf, was gesehen werden sollte und motivierte dazu, einmal die Seiten zu wechseln – auch oder gerade durch den die Rede beschließenden Satz von Adichies: »Feministen sind Männer oder Frauen, die sagen: Ja, es gibt Probleme mit Geschlechterrollen heute. Aber wir müssen sie beheben und es besser machen.«. Gut gemacht! Und absolut im Sinne der Rednerin agiert haben alle, die an dieser erfrischenden Produktion mitgewirkt haben. Riesenapplaus für großes Theater auf kleiner Bühne.

Karten gibt es unter service@salzburger-landestheater.at oder Telefon 0043/ 662/871512–222.