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Von den (musikalischen) Freuden des Landlebens

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Mit dem Konzert VII, dem letzten der diesjährigen Traunsteiner Sommerkonzerte, ging auch die Hommage an Friedrich Gulda zu Ende, und zwar auf faszinierende und humorvolle Art.


Zu Beginn des Abends spielten Reinhard Latzko und sein Begleiter am Flügel, Paul Gulda, die »Pastorale für Violoncello und Klavier« (1914) von Joseph Marx (182-1964). Als »romantischen Realisten« hat sich Joseph Marx selber bezeichnet, der aus Graz stammte und in Wien als Kompositionslehrer wirkte, dort, wo ab 1942 auch Friedrich Gulda unterrichtete. Doch auch deutliche Einflüsse des französischen Impressionismus waren aus der »Pastorale« zu hören, die Reinhard Latzko, mit dem Pianisten subtil abgestimmt, in edlem Cello-Ton vorlegte – eine einzige große Kantilene.

Dass auch der Chiemgau eine ganz eigene musikalische Handschrift kennt, zeigte Thomas Hartmann (*1967) mit »Grass-Brass für Blechbläserensemble« auf, das er zum 30-jährigen Bestehen der Grassauer Blechbläser geschrieben hat, ursprünglich für deren Zehnerformation. Zwei Jahre später passte er die Komposition »der vorgegebenen Situation« an (ein Komponistenschicksal) und schrieb sie um für zwei Trompeten, zwei Waldhörner, Posaune und Tuba – eben für die »Gelben«, die auch im Hauptwerk des Abends beschäftigt waren. »Grass-Brass« begann mit zwei mal vier wuchtigen Akkorden, dann ging's an die Feinarbeit für die Instrumentenpaare über einem harmonischen Grundschema. Nach einem eher meditativen kam wieder ein pointiert lebhafter Teil; ein gesangliches Hornsolo ließ aufhorchen, »in modo choralis« begleitet. Dann begann das Ganze jazzig zu grooven und prächtig zu swingen, bevor die statischen Akkorde einen markanten Schluss setzten.

Paul Gulda, der ja wirklich »einen guten Schmäh führt«, erklärte nach dieser halben Stunde, er wolle »die Leute musikalisch satt und weindurstig in die Pause entlassen« und schlug eine Improvisations-Session vor, die zu den »Freuden des Landlebens« passe; und mit seinen Wiener Freunden Stephan Kondert am E-Bass und Andreas Lettner an den Drums zeigte er eine halbe Stunde lang, wie es sich anhört, wenn sensible, wache Musiker sich Themen und Rhythmen zuspielen und spontan aufeinander reagieren; Augustin Spiel hatte ihm »fürs Lokalkolorit« die »voralpenländische Nationalhymne: Über d'Alma« mitgegeben. Es entwickelte sich eine Session voller Spannung, Heiterkeit und auch Dramatik – kein Vergleich zu dem Versuch am Vortag.

Nach engagierten Pausengesprächen (»mir hat's gestern besser g'fallen – warum müssen denn die immer so lang... – endlich was Handfestes«) kam es schließlich zur »vorgegebenen Situation«, zum Hauptwerk des Abends: Friedrich Guldas »Konzert für Violoncello und Blasorchester«, 1980 geschrieben für Heinrich Schiff, lag auf den Pulten. Und dafür verlangte der Komponist neben den sechs schon erwähnten Blechbläsern eine Flöte bzw. Piccoloflöte, zwei Oboen, zwei Klarinetten, ein Fagott und einen Kontrabass, die alle aus der Region kamen (Salzburg gehört dazu!); zur Rhythmusgruppe gesellte sich noch eine E-Gitarre vom Attersee. Paul Gulda als Dirigent schaute noch einmal prüfend in die Runde – und los ging's!

Im ersten Satz »Ouvertüre« (und auch im letzten) brauchte Reinhard Latzko ein Mikrophon, durch das sein Cello näselte; dazwischen schob er das Hilfsmittel gottlob zur Seite. Der Anfang brachte funkige Jazzabschnitte mit punktgenauen Akzenten des Orchesters, dazwischen zwei unverkitschte volksmusikalische Elemente. Die »Idylle« des 2. Satzes begann mit dem tiefen Blech und war geprägt von zwei echt empfundenen Holzbläser-Landlern. In der »Cadenza« war der Cellist ganz allein und verblüffte von dolce bis furioso mit schon rein optisch unmöglichen Griffen und einem sensationellen Flageolett-Anfall erster Güte. Das »Menuett«, orientiert am historischen Vorbild, enthielt ein eingeschmeicheltes Flötensolo, bevor das »Finale alla marcia« Elemente baierisch-österreichischer Blasmusik fast gewalttätig mit denen der New Orleans-Musiker verbündete und die Zuhörer in Hochstimmung versetzten; doch die Holzbläser glätteten wieder dieses Rabaukentum.

Die üblichen Festival-Final-Formalitäten fing Paul Gulda auf: »Eigentlich sollten wir mit Musik aufhören – lasst uns B-Dur spielen, Sie dürfen mitsingen« – schön! Engelbert Kaiser