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Deutschsprachige Erstaufführung des Musicals »Kick it like Beckham« im Landestheater

Volltreffer aus dem Abseits

»Sie sagen, dass ich träume«. Mit siegesgewissem Lächeln und dem ungebrochenen Mut einer Heranwachsenden schweift der Blick der indisch-stämmigen Jesminder (kurz: Jess) hoffnungsfroh in die Zukunft. »Jeder kann Aloo Gobi kochen! Aber keiner kann einen Ball anschneiden wie David Beckham«, schwärmt die junge Frau trotzig.

Kicken zu können wie David Beckham – davon träumt die junge Inderin Jess (Elisa Afie Agbaglah). Das Musical »Kick it like Beckham« feierte im Salzburger Landestheater eine rauschende Premiere mit Standing Ovations. (Foto: Landestheater)

Mit der deutschsprachigen Erstaufführung (Deutsch von Nina Schneider und Johannes Glück) des Musicals »Kick it like Beckham« von Howard Goodall hat das Schauspielensemble des Salzburger Landestheaters gekonnt und treffsicher mit Teamgeist, detailverspielten Tanzchoreografien (Josef Vesely, Kate Watson) sowie ge-»Ball«-ter Spielfreude einen Volltreffer gelandet. Die bestens besetzte »Mannschaft« war, wie sich in der Premiere auf dem originell gestalteten »Spielfeld« zeigte (Bühne und Kostüme von Christian Floeren und mit zum Spielgeschehen kreativ eingespielten Videodesign von Sebastian Lang), optimal besetzt und auf den Punkt vorbereitet.

So konnte das Salzburger Landestheater mit Carl Philip von Maldeghems Inszenierung und mit Wolfgang Götz als Musikalischem Leiter dem Erfolgsstreifen »Bend it like Beckham« schmeicheln: Gurinder Chadha räumte 2002 mit ihrer Filmkomödie, mit der sie einen Teil der eigenen Geschichte verarbeitet hat, etliche hoch dotierte Preise ab. Die 2015 in London uraufgeführte Musical-Bearbeitung, die an den Filmerfolg anknüpfen konnte, fokussiert in bunter Bollywood-Verpackung immer brisante Themen wie verdeckter Rassismus, Ausgrenzung von Menschen, die nicht »der Norm« entsprechen, Generationskonflikte, Rivalität und dem Culture-Clash England-Indien.

Die 18-jährige Jess (Elisa Afie Agbaglah) gerät mit ihrer Fußball-Leidenschaft gehörig zwischen die Fronten. Der Traum einer Fußballkarriere steht so ganz im Gegensatz zu den Vorstellungen ihrer Eltern (Vania Hristova und Christoph Wieschke) und manövriert sie in krasse Gewissenskonflikte. Als brave Tochter will sie nicht enttäuschen, zumal Schwester Pinky (Janina Raspe), geschickt mit westlichen Ansätzen die konservativen Bandagen althergebrachter indischer Tradition zu umschiffen weiß – und deshalb, bei verhältnismäßig geringem Anstoß in der Familie, allenfalls »gelb sieht«.

Dass sie beim Fußballspielen im Park von der Profispielerin Jules (Jaqueline Bergros Reinhold) »entdeckt«, vom Profi-Trainer Tony (Hanno Waldner) gefördert und mit offenen Armen in der Frauenfußballmannschaft aufgenommen wird, beschert Jess in ihrer indischen Familie die »rote Karte«. »Niemand von unseren Jungs spielt in einer Fußballmannschaft. Wie sollen wir es dem Mädchen erlauben?«, entrüstet sich der Vater. Für Jess aber ist die Sache weit mehr als nur ein Spiel: »Heute beginnt mein Leben!«, ist sie sich sicher. Reichen am Ende Generationen übergreifendes Taktgefühl, empathische Akrobatik zwischen den Kulturen, das Fingerspitzengefühl, im richtigen Moment, die richtige Entscheidung zu treffen sowie sportliche Fairness in Sachen Freundschaft und Liebe aus um ans Ziel der Träume zu gelangen? Oder bleiben Träume doch nur Schäume, die an den Spitzen gesellschaftlicher Fesseln zerplatzen wie bunt-schillernde Seifenblasen?

Ein Schauspiel, ein Musical, eine »Dramödie« mit grandioser Musik, in der sich britische Popmusik mit traditioneller indischer Volksmusik in klangschöner Einheit begegnen. Das Premierenpublikum fühlte sich offenbar in allen Sparten richtig aufgehoben: Der junge Chor des Salzburger Landestheaters avancierte zur flotten, Energie geladenen Tanztruppe, die trotz anspruchsvoller Tanzchoreografien immer die richtigen Töne traf. Die Schauspielerin Elisa Afie Agbaglah überraschte mit respektablem Talent in Tanz, Gesang und verblüffend gutem Ballgefühl. Nur die souveränen Auftritte der Musicaldarstellerin Jaqueline Bergros Reinhold (Jules) verrieten, dass sängerisch und tänzerisch noch Luft nach oben wäre (was aber Agbaglahs Leistung nicht im Geringsten schmälerte).

Für das beachtliche Ballgefühl aller Darstellerinnen in roten Fußballtrikots sorgte ein offenbar höchst erfolgreiches Training mit der Red Bull Fußball Akademie sowie Unterstützung von Salzburgs Frauenfußballreferentin Isabella Grössinger. Ein Volltreffer mit Pfiff, der generationsübergreifend in die Herzen trifft, aufs Zwerchfell wirkt und hin und wieder mit ergreifenden Textpassagen in authentischem Spiel unter die Haut geht.

»Wir sind die besten«, puscht sich die junge Mannschaft im Musical immer wieder zur Höchstleistung. Das fand das Premierenpublikum auch. Jubelnder Applaus und »Tribbling Ovations« für das gesamte Team. Weitere Spieltermine im Salzburger Landestheater sind am 8., 16., 18., 19., 23. und 24. Mai sowie am 11., 12., 14. und 17. Juni. Kirsten Benekam