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Voll schmerzlicher Liebe zu Gott

Die Priener Kirchenmusiktage, die heuer ganz im Zeichen von Franz Schubert standen, endeten mit dessen größter und bedeutendster kirchenmusikalischer Komposition, der Missa solemnis in Es-Dur D 950. Doch bevor die Musik sprach, gab es Dankadressen und Glückwünsche für Rainer Schütz, der seit 1982 die Kirchenmusik in der Pfarrei Mariä Himmelfahrt in Prien betreut, von Pfarrer Bruno Fink, Bürgermeister Jürgen Seifert und der Sprecherin der Chorgemeinschaft Mariä Himmelfahrt.

Rainer Schütz mit den Streichern des Ensembles. (Foto: Kaiser)

Der musikalische Abend begann mit dem Offertorium »Intende Voci« (Psalm 5,2+3) für Tenor solo, Solo-Oboe, Chor und Orchester D 963, das Franz Schubert, wie auch seine Es-Dur-Messe, in seinem Todesjahr 1828 komponierte; der mit 31 Jahren verstorbene Meister hat beide Werke nie gehört. »Intende Voci« (»Höre die Worte meiner Rede, mein König und Gott, denn ich will, o Herr, zu dir beten«), groß angelegt und reich ausgestattet an musikalischen Einfällen und kompositorischen Ideen, bat in faszinierender Nachdrücklichkeit um Erhörung. Neben dem Tenorsolisten Luis Gomes bildeten Susanne Bernhard (Sopran), Okka von der Damerau (Alt) und Thomas Schütz, einmal als Tenor II, sonst als Bariton, ein ausgesuchtes und homogenes Soloquartett. Eine gewaltige Sängerschar, die Chorgemeinschaft von Mariä Himmelfahrt, darin integriert die Capella Vocale Prien und Mitglieder des Chores des Musikvereins Rosenheim, und dessen Orchester verwirklichten unter der Leitung von Rainer Schütz die Erkenntnis, die Bürgermeister Jürgen Seifert zuvor angesprochen hatte: »Wer nicht selbst für etwas brennt, der kann auch in keinem anderen ein Feuer entzünden.«

Franz Schubert war ein notorischer Freidenker. Er sah sich, bei Gott, nicht als Ungläubigen, verabscheute aber Bigotterie und dogmatische Unerbittlichkeit – sein konsequenter Verzicht auf den »Credo«-Artikel »...et in unam sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam« in allen seinen Messkompositionen scheint auch heute manchem nicht absurd. Seine letzte, wenige Wochen vor seinem Tod am 19. November 1828 abgeschlossene Messe in Es-Dur ist Bekenntnismusik, die auf Anhieb gefangen nimmt: dunkel, rätselhaft, sehr spröde manchmal, von den Schatten des Todes berührt und doch von schmerzlicher Liebe zu Gott und Hoffnung auf die ewige Seligkeit erfüllt.

Kyrie und Gloria dieser »großen Messe« waren gänzlich Angelegenheit des Chores. Auf seinen Leiter geradezu eingeschworen, präsentierte er sich bestens vorbereitet, reagierte aufmerksam und tonrein auf seine dynamischen und agogischen Impulse. Im Gloria bestach das Gegeneinander von Frauen- und Männerchor, ergreifenden »Agnus«-Rufen folgten flehende »Miserere«-Bitten. In der »Cum sancto spiritu«-Fuge wie dann auch in der »Et vitam«-Fuge des Credo mit ihren genialen Engführungen zeigte sich die hohe sängerische Kompetenz und gestalterische Intelligenz dieses »Laienchores«.

Im »Et incarnatus est«, wie das Benedictus der traditionelle Ort der Gesangssolisten, entwickelte sich ein berückendes Terzett zwischen Luis Gomes, Thomas Schütz und Susanne Bernhard. Im Benedictus endlich präsentierte sich das Soloquartett als Ensemble, bei dem alle Stimmen ihren eigenen Schmelz bewahrten und doch ohne Egoismen harmonierten und verschmolzen. Danach erklangen die »Agnus Dei«-Anrufe abgrundtief düster, gefolgt von demütigen Bitten, die im Ruf nach Frieden auf unwiderstehliche Weise vom Quartett aufgenommen wurden: »Dona nobis pacem!« Durch den Wechsel von Chor und Soli, durch das immer engere Aufeinanderprallen von Piano und Forte baute sich eine Erregung auf, die den Eindruck unterstützte, dass diese Messe das ganz persönliche Bekenntnis des Komponisten sei. Nach einem letzten Ausbruch der Verzweiflung verklang das Werk in Resignation.

Die nachhaltige Wirkung dieses großen Abends zeigte sich in der langen, erfüllten Pause, bevor sich die Freude und Begeisterung der Zuhörer in der übervollen Pfarrkirche Bahn brachen. Engelbert Kaiser