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Variationsreich wie das Leben

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Für ein unvergesslich schönes Konzerterlebnis mit Welturaufführung sorgten Sopranistin Eva Maria Amann, Dirigent Richard Kalahur und das Ruperti-Orchester. (Foto: Benekam)

Mit der Ouvertüre zu Glucks Iphigenie in Aulis hat das Ruperti-Orchester sein Konzert im Postsaal Trostberg mitreißend eröffnet und gleich schon mal eine Glücksspritze vorausgeschickt, die im gut besuchten Postsaal entsprechend euphorisierende Wirkung tat.


In dem ambitionierten Orchester, seit gut 25 Jahren von Richard Kalahur geleitet, spielen Amateurmusiker mit einigen Profimusikern Seite an Seite. Die Musiker motivieren sich gegenseitig zu musikalischer Höchstleistung – so auch beim Konzert in Trostberg.

Gut eingestimmt ließen sich die Postsaalgäste auf ein Tänzchen ein – und zwar den »Norwegischen Tanz Nr.2, op. 35« von Edward Grieg, in schwungvoll-heiterem Hopser-Lauf, der langsam eine furiose Steigerung erfuhr.

Mit nach Halle gerichtetem Blick, unlängst Ort einer antisemitischen Gräueltat, war das Werk »Höre Israel, die Stimme des Herrn« als musikalischer Solidaritätsakt den Opfern gewidmet. Die Trostberger Sopranistin Eva Maria Amann legte neben großem Stimmvolumen enorme Ausdruckskraft in die Sopran-Arie aus dem Oratorium Elias, op. 70 Nr. 21 – gerade so, als wollte sie mit ihrer schönen Stimme bis nach Halle durchdringen. Der Charakteristik der böhmischen Tänze entliehen, komponierte Antonín Dvorák im Jahr 1878 seine »Slawischen Tänze«: In spielfreudiger Interpretation brachte das Ruperti-Orchester mit Leichtigkeit und Lebensfreude den Tanz Nr. 4, op. 46/8 zu Gehör.

Dann sollte die »Tanzfläche« im Postsaal ganz der Welturaufführung des kosovarischen Komponisten Ramiz Tahiri gehören. Tahiri hatte drei Gedichte von Ingeborg Bachmanns »Lieder von einer Insel« vertont – »Wenn du auferstehst«, »Schattenfrüchte« und »Wenn einer fortgeht«. Für viele der restlos überwältigten Zuhörer kamen mit dieser Vertonung sicherlich absolute Glücksmomente auf. Denn da stimmte einfach alles: Der Text der Gedichte zur Komposition, dazu Amanns Stimme, die im Zusammenwirken mit dem Orchester den exakt richtigen Ausdruck fand und so die Gedichtvertonung mit reichlich Emotion angereichert zum Leuchten brachte. Die Musik ging dem Zuhörer durch und durch – auch deshalb, weil er Dank Amanns hervorragender Artikulation den Textinhalt verstand. Der in Noten »übersetzte« Text traf mitten hinein in die Herzen der Zuhörer, nahm sie mit auf einer Welle unterschiedlichster Gefühlsfärbungen: Mal in lieblichem Walzertakt mit zarten Harfenklängen untermalt, dann mit perkussiven, furios-militärischen Marsch-Rhythmen oder mit manischer Euphorie, die sich in den Bläserstimmen kundtat, um im Anschluss in lyrischer Melodramatik Auflösung zu finden.

Variationsreich wie das Leben selbst. Ein Ereignis, gerade auch Dank Amanns koloraturreichem Sopran, der scheinbar mühelos vom unteren Register bis hin zu strahlender Höhe mit makelloser Stimmführung brillierte. Eine Glanzleistung auch des Ruperti-Orchesters, das sich an diesem Abend wohl selbst übertraf.

Nach diesem Höhepunkt kam der, wenn auch tadellos dargebotene, zweite Konzertteil eher wie eine freundliche Dreingabe daher: Angefangen mit Mendelssohn-Bartholdys feierlichen »Hochzeitsmarsch«, »Solvejgs Lied« von Edward Grieg aus der Peer-Gynt-Suite oder die Arie der Frau Fluth aus der Oper »Die lustigen Weiber von Windsor« (Otto Nicolai), in der Amann auch ihre schauspielerischen Fähigkeiten auslebte.

Viel zu schnell ging ein emotional aufgeladener Konzertabend zu Ende. Unbestrittener Star war dabei Ramiz Tahiri, der seine Uraufführung aus der ersten Reihe miterlebte, der »mitbebte« und zurecht überwältigt war von der Leistung der Sopranistin und des Orchesters, die ihm einen unvergesslichen Abend bescherte. Kirsten Benekam