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Unverständnis und Betroffenheit bei Fischern

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Unterhalb der Grundbrücke befindet sich ein Laichschonbezirk für Forellen. Das nun gestattete Kraftwerk am Königssee könnte laut Fischereiverein Berchtesgaden-Königssee die empfindliche Stelle zerstören. Laut Fischereiverein ist der Bescheid des Landratsamts zur Gestattung des Kraftwerkes rechtswidrig. Foto: Anzeiger/Wechslinger
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Gut war bisher die Zusammenarbeit mit dem Landratsamt, sagt Hans Pastötter, 2. Vorstand. Derzeit läuft es aber nicht so rund mit der Behörde. Fotos: Anzeiger-Archiv/Pfeiffer
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Siegfried Lenz, 1. Vorstand des Fischereivereins Berchtesgaden-Königssee, möchte das Kraftwerk am Königssee verhindern.

Schönau am Königssee – Betroffenheit und Unverständnis macht sich breit im Fischereiverein Berchtesgaden-Königssee. Vergangene Woche bekam der Verein einen Bescheid zugestellt, in dem das Landratsamt Berchtesgadener Land einer Privatperson den Bau eines Wasserkraftwerks an der Königsseer Ache gestattet. Über mehrere Jahre bereits zog sich das Genehmigungsverfahren. »Wir sind davon ausgegangen, dass der Bau dieses Wasserkraftwerkes an dieser Stelle abgelehnt wird«, sagt 1. Vorstand Siegfried Lenz gegenüber dem »Berchtesgadener Anzeiger«. »Alle naturschutzfachlichen Stellungnahmen der Vergangenheit waren strikt gegen die Errichtung eines neuen Kraftwerks des Fließgewässers.« Dort befindet sich unter anderem ein Laichschonbezirk.


»Damit wird unsere jahrzehntelange, ehrenamtliche Arbeit mit Füßen getreten«, sagt Lenz. Die Grobkiesstruktur der Flusssohle stellt laut Fischereivereinsvertretern einen »elementaren Laich- und Aufwuchsbereich« für die dort heimischen Fische, hauptsächlich Bachforellen, dar. Gerade mitten in der »Kinderstube« ihrer Fließgewässer ein Kraftwerk zu installieren, sorgt für massiven Unmut bei den Berchtesgadener Fischern. »Es ist Tatsache, dass Fischlarven und Kleinfische bis etwa 15 Zentimeter Länge den Rechen passieren können und in der Turbine durch Druck-, Scher- und Strömungskräfte verletzt und getötet werden«, erklärt Siegfried Lenz.

Der Anteil des geplanten Kraftwerks am Gesamtenergiebedarf des Landkreises beträgt laut Vorstand Lenz 0,09 Prozent. »Da werden unsere letzten naturbelassenen Fließgewässer für eine lächerliche Energieausbeute geopfert. Das ist eine unverantwortliche Hypothek, die wir unseren Nachkommen nicht aufbürden dürfen.«

Schäden durch Kraftwerke

2. Vorstand Hans Pastötter findet eine Vielzahl von Gründen, die gegen die Errichtung eines Wasserkraftwerkes in dem sensiblen Bereich sprechen, aber nur zwei Aspekte, die dafür stehen. Zum einen sei das nur im finanziellen Interesse des Kraftwerksbetreibers, zum anderen vermutet er hinter dieser Entscheidung eine politische Aussage. »Es ist sehr schade, dass die meisten Bürgerinnen und Bürger nicht wissen, welche Schäden solche Kraftwerke an der Gewässerfauna anrichten«, argumentiert Pastötter.

Ursprünglich wollte der Kraftwerksbetreiber in der Restwasserstrecke nur eine Wassermenge von 650 Litern pro Sekunde belassen. »Damit wären die 120 Meter Ausleitungsstrecke ökologisch zerstört mit Auswirkungen auf die gesamte Ache«, sagt Jugendwart Rainer Stähler. In mehreren zähen Verhandlungen konnten die Berchtesgadener Fischer die Restwassermenge verdoppeln. »Das ändert aber nichts zur grundsätzlich ablehnenden Haltung zu diesem Kraftwerk in diesem Bereich«, so Stähler.

Bisher sei die Zusammenarbeit mit dem Landratsamt gut und gewinnbringend gewesen, meint 2. Vorstand Hans Pastötter. Umso überraschter und frustrierter waren die Vorstandsmitglieder des Fischereivereins Berchtesgaden-Königssee über den nun zugestellten Bescheid. »Bei näherem Hinsehen fielen uns dann vier wesentliche Fehler auf, die diesen Bescheid nach unserer Überzeugung rechtswidrig und damit nichtig machen«, erklärt Stähler.

Laichschonbezirk mit enormer Wichtigkeit

Nachdem bekannt wurde, dass der betroffene Bereich bei der Grundbrücke in Höhe des Campingplatzes Grafenlehen plötzlich nicht mehr ein besonders geschütztes Biotop sei, mit der Begründung, dass sich darin zwei Brückenpfeiler befinden, wollte der Fischereiverein diesen Gewässerabschnitt unter besonderen Schutz stellen lassen und hat beim Landratsamt Berchtesgadener Land bereits im Februar die Einrichtung eines sogenannten Laichschonbezirkes beantragt.

»Wir tragen der enormen Bedeutung dieses Gewässerabschnittes schon seit Jahrzehnten Rechnung«, sagt Siegfried Lenz. Obwohl die Schonzeit der Bachforelle gesetzlich schon Ende Februar endet, darf hier erst ab Mitte April gefischt werden. Außerdem ist dort nur schonendes Fliegenfischen erlaubt. Auch das gesetzlich vorgeschriebene Mindestgrößenmaß der Fische hat der Verein auf 28 Zentimeter erhöht.

»Unglaublich, nicht statthaft«

Nach dem letzten Erörterungstermin des Fischereivereines mit dem Landratsamt wurde der Kraftwerksbetreiber mit den Forderungen durch ein Laichschongebiet durch das Landratsamt konfrontiert. Warum das Landratsamt jetzt nichts mehr davon wissen will, ist nicht nur für Rainer Stähler nicht nachvollziehbar. »Dieser Antrag des Fischereivereins fand im Genehmigungsbescheid überhaupt keine Berücksichtigung, das ist unglaublich und nicht statthaft«.

Das Landratsamt hatte bei der Berechnung der Restwassermenge die Wasserentnahme in der Königsseer Ache von 200 Litern pro Sekunde durch die Fischzucht Königssee vergessen. Dieser Berechnungsfehler wurde zwischenzeitlich eingeräumt. Rainer Stähler zeigt sich auch sehr verwundert, dass dem Landratsamt die für die Berechnung der Restwassermenge bindenden »LAWA-Richtlinien 2001« bis vor kurzem nicht bekannt waren. Diese Berechnungsgrundlagen sind vom Staatsministerium für die Einzelfallprüfung vorgegeben. Außerdem wurde bei der rechtlichen Begründung der Entwurf einer Vollzugsbekanntmachung mit Stand Dezember 2012 herangezogen, der, laut Stähler, keine rechtliche Gültigkeit hat.

»Wir sind gegen das Kraftwerk«

Weiterhin sei im Genehmigungsbescheid wahrheitswidrig erwähnt, dass die Berchtesgadener Fischer sich mit dem Bau des Wasserkraftwerkes bei einer bestimmten Restwassermenge einverstanden erklärten. »Wir haben uns in jeder Stellungnahme und bei jedem Erörterungstermin grundsätzlich eindeutig gegen dieses Wasserkraftwerk erklärt«, sagt 2. Vorstand Hans Pastötter. Dass das Landratsamt mit dieser nicht zutreffenden Aussage die ebenfalls ablehnende Haltung der Fischereifachberatung von Oberbayern vom Tisch wischt, erzeugt Unverständnis bei den Fischern. Die Fischereifachberatung von Oberbayern mit ihren vereidigten Gutachtern ist eine unabhängige Institution in solchen Fragen. Auch deren Stellungnahme, die dem »Berchtesgadener Anzeiger« vorliegt, spreche sich klar gegen die Errichtung dieses Wasserkraftwerkes aus.

Siegfried Lenz und Rainer Stähler hatten auf Anfrage beim Landratsamt Berchtesgadener Land einen kurzfristigen Gesprächstermin erhalten. Sie beantragten die Rücknahme dieses Genehmigungsbescheides – insbesondere wegen des Laichschonbezirkes, der beim Kraftwerksbau zerstört würde. Nach zwei Tagen Bedenkzeit wurde der Antrag des Fischereivereins abgelehnt. Vielmehr sollen nun die Auflage zum Restwasser und Teile der Begründung geändert werden. Der Fischereiverein soll seitens des Landratsamtes ein weiteres Mal angehört werden.

Klage möglich

Wie es weitergeht, weiß Vorstand Lenz: »Wir werden den Bescheid durch die Regierung von Oberbayern überprüfen lassen und dann Klage beim Verwaltungsgericht München einreichen. Es wäre fatal, wenn dieses äußerst umstrittene Wasserkraftwerk auf Grundlage solch eines fehlerhaften Genehmigungsbescheides nun doch errichtet werden dürfte« so Lenz. Die Berchtesgadener Fischer sind keine generellen Gegner von Wasserkraft, wie sie immer wieder bekräftigen: »Dort, wo es aus gewässerökologischer Sicht vertretbar wäre, weitere Kraftwerke zu errichten, wie etwa an bereits bestehenden Wehranlagen, könnten wir uns damit durchaus arrangieren«, sagt Rainer Stähler. Unverbaute Flussabschnitte der Zerstörung preiszugeben, hält er dagegen für unverantwortlich.

Die Vorstandschaft des Fischereivereins Berchtesgaden-Königssee ist sich einig: »Wenn wir aufhören, für unsere Heimat zu kämpfen, haben wir es verdient, dass wir sie verlieren.

Seitens des Landratsamtes hieß es gegenüber dem »Berchtesgadener Anzeiger«, dass alle Interessen abgewogen wurden und daher ein Bescheid über die Errichtung des Wasserkraftwerkes ergangen sei. Seit 2008 liege dieser Antrag vor, der Antrag auf den Laichschonbezirk erst seit Februar 2013. Kilian Pfeiffer/sp