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Unterwerfung

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Der Regisseur Titus Selge (M) und die Schauspieler Edgar Selge (l) und Matthias Brandt bei Dreharbeiten in Berlin. Foto: Jörg Carstensen Foto: dpa

Nach dem Theaterstück der Film: Mit «Unterwerfung» wurde Edgar Selge auf der Bühne stürmisch gefeiert. Aber taugt der Stoff von Michel Houellebecqs Bestseller fürs Fernsehen?


Berlin (dpa) - Zuerst tauchen immer mehr Frauen mit Kopftuch auf, später tritt der Rektor der Sorbonne in den Stand der Vielweiberei, ein Muslim wird zum Staatspräsidenten gewählt und wünscht sich weniger Wissenschaft und mehr Religion im Schulunterricht.

In Michel Houellebecqs «Unterwerfung» kommt die Islamisierung auf leisen Sohlen daher.

Der französische Autor beschreibt in seinem Roman den schleichenden Wandel einer Gesellschaft, die sich Schritt für Schritt dem Koran verschreibt und dann ihre Freiheit aufgibt. Schonungslos hat Houellebecq in seiner ironischen Parabel ethische und moralische Maßstäbe beiseite geschoben und das Bild eines politischen und gesellschaftlichen Zerfalls gezeichnet.

Der Bestseller, entstanden vor den islamistischen Terroranschlägen auf die Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» in Paris, wurde seinerzeit als hellsichtige Zeitdiagnose gepriesen - und Kritik an der Pariser Intellektuellen-Schickeria. Als Theaterstück feierte «Unterwerfung» am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg im Einmann-Stück mit Edgar Selge Riesenerfolge.

Die ARD zeigt an diesem Mittwoch im Ersten (20.15 Uhr) Houellebecqs Roman als TV-Verfilmung. Anschließend diskutiert eine Runde bei «Maischberger» ab 21.45 Uhr über das Thema. Die Neuproduktion im Auftrag des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) verbindet Szenen aus der Hamburger Inszenierung der Regisseurin Karin Beier mit neuen Filmsequenzen.

Mal spielt Selge seinen Monolog auf der nur mit einem hohlen Kreuz ausgestatteten Bühne, mal spaziert er als Beobachter durch Paris oder verkriecht sich zur Meditation in ein Kloster in die Provinz.

Gedreht hat der Regisseur und Drehbuchautor Titus Selge unter anderem in Hamburg, Paris und Berlin. Sein Onkel Edgar wandelt dabei durch Zeiten und Orte. Als dauermüder Literaturwissenschaftler François spielt er einen Schlaffi, dem die Frauen nicht mehr zufliegen, der seine erste Alterszipperlein spürt und die Akademiker-Laufbahn ziemlich egal geworden ist.

Weder klappt es mit seiner Geliebten Myriam (Alina Levshin) noch mit seiner Ex Aurélie (Catrin Striebeck). Nur seinem Idol, dem katholischen Romancier Joris-Karl Huysmans (1849-1907), ist François innerlich treu geblieben. Und überhaupt Frauen: Dass sie wählen dürfen und sonst Karriere machen, hat François nicht wirklich verwunden.

Houllebecqs Anti-Held verbindet einen traurigen Existenzialismus mit ermatteter Männlichkeit. Für irgendwas müsse man sich doch interessieren, redet er sich immer wieder Lebensmut zu. «Weinbau lernen, Modellflugzeuge sammeln oder Kronkorken» - viel mehr fällt ihm nicht ein. «Während ich auf meinen Tod wartete, blieb mir nur noch eins - der Wahlkampf», sagt er resigniert.

Tatsächlich verspricht die Politik Aufregung. In Paris herrscht Bürgerkriegsstimmung, seltsame Explosionen erschüttern die Stadt. Marie Le Pens Front National ist auf dem Vormarsch. Nur eine Koalition von Sozialisten, Katholiken und der muslimischen Brüderschaft kann die Rechtspopulisten stoppen. Die Rechnung geht auf: Die Koalition gewinnt die Wahlen - der Muslim Ben Abbes übernimmt die Regierung.

Es ist schon starker Tobak, den die ARD und die beim RBB für den Film zuständige Redakteurin von Grimme-Preisträgerin Martina Zöllner («Mitten in Deutschland - NSU: Die Täter») zur Hauptsendezeit ins Programm nehmen. Houellebecqs Dystopie ist unumwunden einseitig, auf den ersten Blick Argumentationshilfe für «Merkel muss weg»-Rufer. Doch nur auf den ersten Blick.

Mit einer starken Dosis Ironie liefert Houellebecq die pessimistische Bestandsaufnahme einer ermüdeten Gesellschaft. Etwas mehr vom subtilen Humor des Franzosen und etwas weniger Theater-Deklamation hätte man sich für die TV-Verfilmung gewünscht. Dennoch spielt Selge diesen Enttäuschten mit überzeugender Empathie.

François vereinsamt zunehmend, er verliert seine Anstellung. Ob er nicht doch eine Position in der Sorbonne wieder haben wolle, fragt ihn beim Tee Rektor Rediger (Matthias Brandt). Es wird ein seltsamer Nachmittag in der Pariser Stadtvilla. Rediger hat sich bereits den neuen Verhältnissen angepasst: Der Rektor ist zum Islam übergetreten und führt eine Ehe mit zwei Frauen. Nun will er auch François von den Annehmlichkeiten und Vorzügen des Islams überzeugen. François, der Skeptische, zaudert. Zum ersten Mal, sagt er aber dann, habe er begonnen, über Gott nachzudenken.

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