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Unterwegs im Experimentallabor des Jazz

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Siegmar Brecher (rechts), Kopf des Trios »Edi Nulz«, blies sich im Markussaal des Jugendbegegnungszentrums Yoco auf Saxofon und Bassklarinette förmlich die Seele aus dem Leib. (Foto: Effner)

Eintauchen in die Nacht, sich treiben lassen und an faszinierenden Locations in die unterschiedlichsten Klangwelten eintauchen: Wie ein großes Experiment machte auch die 19. Auflage von »Jazz & The City« die Mozartstadt Salzburg zu einem großen, vibrierenden Musiklaboratorium.


Fünf Tage lang flossen auf nicht weniger als 50 Bühnen Jazz, Weltmusik und Electronic mit vielen weiteren Musikrichtungen zusammen. Knapp 80 internationale Musikgrößen und höchst originelle Formationen bescherten den rund 25 000 Besuchern traditionelle wie höchst ungewöhnliche Hörerlebnisse.

Man muss schon etwas hartgesotten sein, um Tage wie den Samstag zu überstehen, an dem allein knapp 60 Konzerte, Vorführungen und »Blind Dates« verschiedener Künstler auf die Besucher herunterprasseln. Andererseits machen »Klangspaziergänge« durch die Altstadt oder Veranstaltungsorte wie Kirchen, Kunstgalerien und Kaffeehäuser, eine Schirmmanufaktur, Maschinenhäuser oder das Weinarchiv eines Hotels neugierig.

Von dem Festival-Motto »Let’s get lost« ließ sich auch der Autor dieser Zeilen auf seiner nächtlichen Entdeckungsreise durch Salzburg inspirieren. Zum Auftakt kann etwas traditioneller Jazz nicht schaden, um die Gehörgänge aufzuwärmen. Im historischen Freysauff-Keller der 1181 erstmals erwähnten Traditionsgaststätte«K+K« am Waagplatz swingt das Quartett von »Django Partie« zwischen mächtigen Steinquadern. Eng gedrängt und in heiterer Stimmung wippen die Zuschauer zu den mitreißenden Klängen von Jazz-Legende Django Reinhardt. Zwei Gitarren, Violine und Bass: Mehr braucht das Salzburger Quartett nicht, um die immer mehr auf Tuchfühlung gehenden Zuschauer mit Witz, Jazzstandards und Broadway-Songs auf die Nacht einzustimmen.

Rund 300 Meter Luftlinie davon entfernt bläst sich etwa zur gleichen Zeit Siegmar Brecher, Kopf des Trios »Edi Nulz«, im Markussaal des Jugendbegegnungszentrums Yoco auf Saxofon und Bassklarinette förmlich die Seele aus dem Leib. Die »Wien-Berliner Space Cowboys« verschmelzen Rock, Punk und groovige Jazz-Improvisationen zu einer grotesk-hypnotischen Soundcollage, die die Zuschauer fesselt.

Weiter geht es im Szene-Theater am Anton-Neumayr-Platz. Hier treffen sich die Nachtschwärmer des Jazz, stärken sich und tauschen die neuesten Informationen aus. Auf großer Bühne hat sich die in Dänemark lebende Schlagzeugerin Marilyn Mazur angesagt. Sie war mit Wayne Shorter auf Tour und spielte schon mit Miles Davis. Zusammen mit dem norwegischen Trompeter Nils Petter Molvaer, Jan Bang (Live Samplings) und Gitarrist Eivind Aarset lassen die vier unter dem Namen »Spirit Cave« mal rhythmisch-treibend, mal sphärisch verdichtet elektronische Meditationen entstehen. Das Publikum ist fasziniert.

Zwischendurch läuft mir Norbert Klinge aus Traun-reut über den Weg. Der DJ (»Dr. Black Gush«), Jazz- und Funk-Spezialist kommt gerade vom Konzert des vielfach ausgezeichneten US-Gitarristen Ralph Towner. Der 78-jährige Fusion-Senior hat mit zahlreichen Jazz-Legenden zusammengespielt und wusste auch das Publikum im Weinarchiv des Art Hotels Blaue Ganz zu fesseln.

Die Aussicht auf ganz ungewöhnliche »Weltraum-Musik« zieht mich weiter in die Kollegienkirche. In dem voluminösen Barockbau hat sich die in Äthiopien, Vietnam und Schweden großgewordene Sängerin, Performerin und Komponistin Sofia Jernberg angesagt. Mit erstaunlich variantenreicher Stimme und begleitet von Organist Kit Downes aus London lässt sie in dem in geheimnisvolles Halbdunkel getauchten Kirchenraum kichernd, keckernd, dröhnend oder spitz modulierend ungeahnte Klangräume entstehen. Ihre Performance in unmittelbarer Nähe auf der Empore zu verfolgen, ist ein Erlebnis.

Als Stimmakrobat ganz anderer Art erweist sich im Anschluss der experimentierfreudige Sänger Andre-as Schaerer. »Nach uns die Sintflut« heißt das Projekt übersetzt, mit dem der weltweit erfolgreiche Schweizer im Musikclub »Jazz it« die Zuschauer zu Begeisterungsstürmen hinreist. Wie das Alter Ego von Vokalistenlegende Bobby McFerrin, mit dem er auch zusammen auftritt, macht sich Schaerer zusammen mit Trompeter Martin Eberle und Gitarrist Peter Rom musikalisch über Börsenspekulanten lustig und interpretiert Weltmusik in alpenländischem Format neu. Die Zuschauer sind verblüfft, wie er stimmlich Instrumente, Tonläufe, Umweltgeräusche und Hip-Hop-Schnellsprech zu verschmelzen weiß.

Den Schlussakzent der ereignisreichen Jazz-Rundreise durch das nächtliche Salzburg setzen schließlich Makaya McCraven und Ben LaMar Gay aus Chicago. Der hochgelobte »Beat Scientist« am Schlagzeug und der genresprengende Cornettist und Elektro-Komponist entfesseln weit nach Mitternacht eine rhythmusgetriebene elektronisch verfremdete Soundcollage, die variantenreich nach neuen Ausdrucksformen jenseits von Trip-Hop, Drum ‚n’ Bass, Jazz-Funk und Bebop sucht. Axel Effner