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Ullrich und Armstrong Brüder im Geiste

Berlin (dpa) - Bei der Tour de France hatte Jan Ullrich nie eine Chance gegen Lance Armstrong. Auch bei seinem Blutdoping-Outing hinkte Jan Ullrich seinem Bruder im Geiste fünf Monate hinterher.

Kontrahenten
Lance Armstrong und Jan Ullrich bei der Tour de France 2005. Foto: Gero Breloer Foto: dpa

Ausgerechnet der längst enttarnte, ehemalige Seriensieger aus Texas spendierte nach dem Teil-Geständnis des Olympiasiegers von 2000 ein gönnerhaftes Lob. «Jan Ullrich? Ein warmherziger Mann. Ein erstaunlicher Athlet. Ein großer Wettkämpfer. Ich habe es geliebt, mit Dir den Ton anzugeben, mein Freund», twitterte Armstrong. Ansonsten wurde das überfällige Doping-Bekenntnis des einzigen deutschen Tour-Siegers im Nachrichtenmagazin «Focus» größtenteils mit Kritik oder Gleichgültigkeit quittiert.

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DOSB-Präsident Thomas Bach und BDR-Chef Rudolf Scharping distanzierten sich von der dürftigen Beichte. Altgediente Radprofis zuckten eher mit den Schultern: Längst bekannt und viel zu spät. Sein langjähriger - noch aktiver - Profikollege Jens Voigt (41) nannte Ullrichs Eingeständnis, Blutdoping betrieben zu haben, «einen alten Hut».

Ullrich und sein Management hatten den öffentlichen Auftritt sicher nicht zufällig eine Woche vor dem Start der 100. Jubiläums-Tour platziert. Dennoch schien der 39-jährige am Tag danach von den Turbulenzen überrascht. «Ich finde es schade, dass meine Worte wieder für so viel Wirbel sorgen. Im Grunde habe ich nur in anderen Worten das wiederholt, was ich schon vor einem Jahr gesagt habe und wofür ich auch verurteilt worden bin», erklärte er der «Bild am Sonntag».

Doping mit Eigenblut beim verurteilten Skandalarzt Eufemiano Fuentes - das war die Quintessenz seiner Offenlegungen. «Ja, ich habe Fuentes-Behandlungen in Anspruch genommen», sagte Ullrich dem «Focus». «Ich wollte für Chancengleichheit sorgen.» Der Wahlschweizer sagte kein Wort über EPO oder Wachstumshormone und lieferte auch keine Namen von Helfern oder Mitwissern, die die Manipulation mitorganisiert hatten. Trotzdem könnte der Fall das Internationale Olympische Komitee (IOC) in die Bredouille bringen, noch einmal über Ullrichs Gold- und Silbermedaille von Sydney zu diskutieren. Auch in der Causa Armstrong war die achtjährige Verjährungsfrist keine Hürde. Dem US-Amerikaner, der zu Jahresbeginn im US-TV seine jahrelangen Lügen zugegeben hatte, war im Vorjahr nachträglich sein Olympia-Bronze aus dem Jahr 2000 aberkannt worden.

Mit einem Geständnis in Raten und einer Interview-Offensive drängte Ullrich zuletzt an die Öffentlichkeit und scheint damit eine zweite Chance für sich einzufordern. Bisher hatte er stets mit verklausulierten Aussagen seine Verwicklung in die Fuentes-Affäre eingeräumt. Im Vorjahr hatte er Kontakte zu dem verurteilten Mediziner gestanden, nachdem er vom Internationalen Sportgerichtshof CAS für zwei Jahre bis zum 22. August dieses Jahres gesperrt worden war.

«Fast jeder hat damals leistungssteigernde Substanzen genommen. Ich habe nichts genommen, was die anderen nicht auch genommen haben», sagte Ullrich dem «Focus». «Betrug fängt für mich dann an, wenn ich mir einen Vorteil verschaffe. Dem war nicht so.» Erfolge im Radsport seien am Ende eine Frage von Talent, Teamgeist, Siegeswillen und der Leistungsfähigkeit. Parallelen zu Armstrong zog Ullrich selbst. «Beide sind wir nicht davongekommen und schuldig. Ich bin nicht besser als Armstrong, aber auch nicht schlechter», sagte er. «Die großen Helden von früher sind heute Menschen mit Brüchen, mit denen sie klarkommen müssen.»

Stefan Schumacher, der in Stuttgart in einem Betrugsprozess vor Gericht steht, hatte es nach seiner Dopingsperre wie Ullrich scheibchenweise mit der Wahrheit versucht. «Ich hatte zuerst auch erst gesagt, okay, ich habe Fehler gemacht und habe gedacht, das verstehen die Leute. Aber das hat nicht gereicht», sagte Schumacher der Nachrichtenagentur dpa. «Es ist wichtig, alles zu erzählen - das ist für dein Umfeld, deine Familie und dich selber am besten. Die Leute haben die Wahrheit verdient.»

Anders als Armstrong, dessen sieben Toursiege gestrichen wurden, dürfte Ullrich von horrenden Regressforderungen verschont bleiben. Prozesse sind nicht mehr anhängig. «Wir rechnen nicht mit juristischen Folgen», sagte Ullrich-Manager Falk Nier der dpa. Weitere Ullrich-Enthüllungen sind kaum zu erwarten. Er wolle die Vergangenheit ruhen lassen, so der gestürzte Rad-Held. «Das Thema ist für mich abgehakt», sagte Ullrich. «Ich will nur noch nach vorne schauen und nie wieder zurück.»

Genau dafür kritisierte ihn Thomas Bach. «Für ein wirklich glaubhaftes Geständnis» hätte er sich «schon vor einigen Jahren umfassend erklären müssen». Diese Chance habe er verpasst, «und selbst jetzt arbeitet er nach meinem Gefühl noch mit rhetorischen Winkelzügen», schimpfte der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Scharping bewertete die Aussagen ähnlich: «Mit solch einem Geständnis hätte er sich und dem Radsport vor Jahren einen Gefallen getan.» Die Nationale Anti-Doping-Agentur NADA forderte Ullrich auf, die Namen der Hintermänner zu nennen. Ullrich hat andere Pläne. In Zukunft will er zusammen mit seinem ehemaligen Teamchef Olaf Ludwig Touren für Hobbyradfahrer anbieten. Gesundheitlich gehe es ihm nach überstandener Burn-out-Erkrankung im Jahr 2010 wieder gut. «Zum Glück ging alles glimpflich aus», sagte Ullrich der «Sport Bild» in der vergangenen Woche. «Wenn ich allein zu Hause gesessen hätte, weiß ich nicht, was passiert wäre. Meine Familie hat mich gerettet.»