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»Typhoid Marys« gewinnen Liedermacher-Wettbewerb

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Die »Typhoid Marys« aus Salzburg haben sich beim 1. Chiemsee-Liedermacher-Contest gegen die starke Konkurrenz durchgesetzt. (Foto: Kraus)

15 Minuten inklusive Soundcheck sind eine kurze Zeit für einen Auftritt – aber mehr stand den acht Finalisten des 1. Chiemsee-Liedermacher-Contests in Gstadt nicht zur Verfügung, um sich sowohl der Wettbewerbsjury als auch dem über Postkarten stimmberechtigten Publikum live zu präsentieren.


Konzentration also auf den Auftritt, auf die Interpretation der logischerweise eigenen Lieder: Es ist schon eine sehr gute Idee, einen Wettbewerb auszuloben, um die Schöpfer eigenständigen Liedguts anzustacheln, ins Licht der Öffentlichkeit zu bringen, die Szene anzukurbeln. Eine sehr gute Idee, die hier auch sehr gute Resultate zeigte, tolle Songs zum Vorschein und bemerkenswerte Liedermacher auf die Bühne brachte.

Volksmusik trifft auf Hip-Hop und Rock

Damal zum Beispiel, der mit seiner Steirischen und seinem Bruder am Schlagzeug eröffnete. Er sang vom »Deifal im Dreck«, Sonne und Regen. Der Vergleich zu Attwenger liegt bei der Besetzung nahe – die sind allerdings textlich deutlich dadaistischer, sprachspielerischer unterwegs. Die musikalische Rezeptur ist jedoch ähnlich – Volksmusik trifft auf Hip-Hop- und Rock-Beats.

Daniel Haselwanter aus Tirol ist Kopf eines nach ihm benannten Trios, singt mit ausgezeichneter Pop-Stimme seine englischen, hochdeutschen oder im Tiroler Dialekt gehaltenen Texte. Auch von ihm gab‘s eine »Ode to the sun«, »Zu Zweit« ist ein wehmütig-dankbarer Rückblick auf eine gemeinsam verbrachte Zeit, »keine vier Augen sehen die selbe Welt«, so O-Text Haselwanter. Ein knackig gespielter E-Bass und eine effektvoll und effektiv gespielte Cajon geben diesen Liedern Zunder. Haselwanter begleitete sich auf Ukulele und Gitarre – eine Kombination von Instrumenten, die bei diesem Wettbewerb öfter anzutreffen war.

Sean Paul Herrity stammt ursprünglich aus Kalifornien, lebt seit 8 Jahren in Bayern und sieht sich selbst als klassischen Singer/Songwriter. Dass das »Glück oft direkt unerkannt neben uns steht« ist die Kernidee seines Songs »Everywhere but there« – »have been anywhere / last stop was Delaware«. Bei ihm ist musikalisch gerne eine Dosis Country mit im Spiel.

Was für ein Auftritt von Florian W. (Stimme, Gitarre) und Xoxi (E-Piano, Flöte) Huber: Ihr »Mr. Dingoman« beispielsweise war absolut elektrisierend. Die beiden hatten aus Endorf die kürzeste Anreise zum Wettbewerb, Platz 2 in dieser inoffiziellen Kategorie belegte Sanni aus Rosenheim. Sie war die Einzige, die zu – aufwendig Arrangiertem und Produziertem – Voll-Playback sang, und sich dazu tänzerisch bewegte. Ihre Musik fußt im Pop der 1980er Jahre. »Also wir Künstler träumen ja immer von einer besseren Welt«, meint sie, und reimt »was geistert da durch diese Köpfe? Nichts als Mittelalterzöpfe.«

Startposition 6: Die »Typhoid Marys« aus Salzburg. Benannt nach einer Comicfigur aus dem Marvel-Universum, welche wiederum von der historischen Person der Mary Mallon inspiriert ist (1869 bis 1938), einer US-amerikanischen Typhusüberträgerin irischer Herkunft, gehen zwei junge Frauen hier raffiniert ans Werk. Sie spielen mit Klischees, zitieren auch in ihrem Bühnenoutfit Comics, changieren textlich zwischen Tiefgang wie in »Suicidal« und flapsig, brauchten ansonsten nicht mehr als zwei Mikrofone, eine Gitarre und eine Ukulele, um zu überzeugen – Jury wie Publikum – und den Wettbewerb zu gewinnen, was allerdings erst Stunden später feststand.

Qualitativ liegen die Finalisten eng beieinander

Dass das Feld der Finalisten qualitativ eng beieinander lag, zeigten schließlich eindrücklich die überzeugenden Auftritte von Franz Salminger alias »S.F. Wonder« aus Rosenheim im Stil und Geist der späten 1960er-Jahre, siehe Crosby, Stills, Nash & Young, und dann Florian Zack, der mit seinem mal rockend (inklusive Verzerrer), mal in karibischen Offbeat-Rhythmen gespielten Akkordeon wohl den musikalisch interessantesten Beitrag des Wettbewerbs lieferte. Textlich befasste er sich mit Selbstreflexion wie Zeitphänomenen (»Oh weh weh weh, da is koa Netz mehr«).

Ob es wirklich so eine gute Idee war, die Bekanntgabe der Wettbewerbswertung und somit der Gewinner erst sehr spät stattfinden zu lassen, nämlich nach einem beinah kompletten Konzert der hier als Georg-Danzer-Coverband auftretenden Formation CHL.plus um den Sänger und Gitarristen Christian Lehner, der bereits den Wettbewerb moderiert hatte, sei dahingestellt. Alle Finalisten des Wettbewerbs bekommen Livemitschnitte ihrer Auftritte, die »Typhoid Marys« als Gewinn Studioaufnahmen. Der Chiemsee-Liedermacher-Contest soll 2016 erneut stattfinden. Die Bühne soll dann allerdings so stehen, dass das Publikum Bühne und See im gleichen Blick hat. Thomas Kraus