weather-image
10°

Traurig schön und herrlich finster

4.0
4.0
Bildtext einblenden
»Dreiviertelblut« begeisterte die Zuhörer in der Traunsteiner Klosterkirche mit einem Querschnitt ihrer Musik. (Foto: Heel)

Nach fast drei Stunden rauschhafter Musik, gekrönt von vier Zugaben und stehenden Ovationen, stand zweierlei fest: Die Formation »Dreiviertelblut« gehört zum Besten, was die bayerische Folkrock-Szene derzeit zu bieten hat, und die Klosterkirche als zentraler Raum des neuen Kulturforums Traunstein hat ihre Bewährungsprobe als Schauplatz eines Popkonzerts glänzend bestanden.


Gegründet wurde die Band vor sieben Jahren von dem Banana-Fishbones-Sänger Sebastian Horn und dem Filmkomponisten Gerd Baumann (»Wer früher stirbt, ist länger tot«). Die ersten Lieder der späteren Gruppe waren jedoch bereits 2009 mit der Filmmusik zum Niederbayern-Krimi »Sau Nummer vier« entstanden. Die positive Resonanz ließ Baumann und Horn enger zusammenarbeiten und für einen weiteren Niederbayern-Krimi neue Lieder aufnehmen.

Anzeige

Im Oktober 2013 veröffentlichten sie dann ihr Debütalbum »Lieder vom Unterholz«, gefolgt von den Alben »Finsterlieder« (2016) und »Diskothek Maria Elend« (2018). Einen mitreißenden Querschnitt daraus boten sie jetzt den rund 300 Besuchern in der Klosterkirche, kongenial begleitet von Luke Cyrus Goetze an der E-Gitarre, Florian Riedl an Saxofon, Klarinette und Synthesizer, Dominik Glöbl an der Trompete, Benny Schäfer am Kontrabass sowie Flurin Mück am Schlagzeug. Fünf Spitzenmusiker, die neben Gerd Baumann, der an der Gitarre zupfte, Sänger Sebastian Horn den perfekten Klangteppich aus Jazz, Blues, Volksmusik, Rap und Rock lieferten, die er für seine stimmlichen Höhenflüge, rau, aber mit viel Wärme, brauchte. Für Lieder, die meist traurig schön und herrlich finster waren, manchmal aber auch ausgesprochen lustig, die ernste Themen ebenso aufnahmen wie mit fast tanzbarer Heiterkeit das Publikum in Fahrt brachten.

Sehr persönliche Lieder also, die Sebastian Horn da mit atemberaubender Präsenz interpretierte, mit teils drastischen Texten wie beim Lied »Wos übrig bleibt«, in dem es heißt: »Rot is des, wos übrig bleibt, wannst d'Haut obziagst von olle Leid.« Ähnlich düster (und sehr berührend) geriet auch seine Hommage »13 Minuten« an den Hitler-Attentäter Georg Elser, eine Art Abschiedsbrief an Elsers Frau, den Elser selbst nie geschrieben hat. Der Titel bezieht sich dabei auf die 13 Minuten, die Hitler den Bürgerbräukeller zu früh verlassen hat, weil er wegen Nebels auf den Flieger verzichten und den Zug nach Berlin erreichen musste.

Ein eigenes Erlebnis verarbeitete Sebastian Horn in dem Lied »Odlgruamschwimmer«, gewidmet einer Frau, die ihn als Kind vor dem sicheren Tod bewahrt hat, indem sie ihn – sie war sechs, er war drei – aus der Odelgrube gezogen hat.

Neben all diesen Liedern über Sterblichkeit und Tod, die mit einem Cover von Ludwig Hirschs »I lieg am Ruckn« ihren makabren Höhepunkt erreichten, präsentierten Sebastian Horn und Gerd Baumann aber auch potentielle Wiesn-Hits wie »1, 2, 3...« und politische Lieder wie »Ned nur mia« oder »Sturm«, das nur an der Oberfläche von der Flucht vor einem Unwetter erzählt. Weil auch ein, zwei Liebeslieder nicht fehlten, drohte zwischendurch schon mal ein Gefühlschaos. Mit dem furiosen »Deifedanz«, der die Zuhörer direkt ins »Paradies« führte, ging der umjubelte Auftritt dann in die Endrunde. Und damit ein Erlebnis, das das Publikum so schnell nicht vergessen wird. Wolfgang Schweiger

Italian Trulli