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Tradition aus Styropor und Glasfaser

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Berchtesgaden
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Für das Schmücken eines Christbaumes muss man nicht unbedingt schwindelfrei sein, aber es erleichtert die Arbeit. Leo Wembacher (l.) und Werner Prünster befestigten die »Berchtesgadener War« an der Fichte. (Foto: Meister)

Berchtesgaden – Der Berchtesgadener Advent, der gestern Abend eröffnet wurde, hat dieses Jahr einen ganz besonderen Christbaum, was den Behang betrifft. Der etwa zwölf Meter hohe Baum vom Obersalzberg, der nun vor dem AlpenCongress steht, wurde mit »Berchtesgadener War« geschmückt. Das macht ihn zu etwas Einmaligem, das es nirgends sonst gibt. Am Mittwoch wurde der von Werner Prünster aufwendig geschaffene, bunte Schmuck aufgehängt.


In anderen Orten werden die Christbäume etwa mit großen farbigen Kugeln oder in Goldpapier umhüllten Paketen geschmückt. In Berchtesgaden soll es anders sein. Der Baum soll nicht nur die Blicke der Besucher des »Berchtesgadener Advents« auf sich ziehen, sondern ist auch, wie es Geschäftsleiterin der »Berchtesgadener Advent GmbH« Brigitte Zobel ausdrückte, als eine besondere Wertschätzung der Tradition und des Berchtesgadener Handwerks gedacht. Ein besonderer Christbaum braucht auch eine besondere Technik des Schmückens. Und so unterstützte Christoph Renoth mit der Drehleiter der Freiwilligen Feuerwehr Berchtesgaden Werner Prünster und Leo Wembacher vom Bauhof des Marktes Berchtesgaden beim Schmücken.

Die sogenannte Berchtesgadener War, früher hergestellt als Nebenverdienst der ansässigen Bauern in den Wintermonaten, erfreute sich einst einer großen Beliebtheit. Aber mit Beginn des 20. Jahrhunderts stagnierte die Nachfrage. Blechspielzeug war auf den Markt gekommen und verdrängte das Holzspielzeug.

Von Berchtesgadener Künstlern kamen Ideen, neue Perspektiven für das traditionelle Handwerk zu schaffen. Einer war beispielsweise der heimische Maler Anton Reinbold. Dieser gründete nicht nur mit Gleichgesinnten eine Genossenschaft, sondern er hängte auch die Spielzeugfiguren an den Weihnachtsbaum und verlieh somit der Berchtesgadener Weihnacht einen neuen Aspekt. Das war in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts. Und weil Reinbold auch ein gefragter Illustrator war, wurde sein Berchtesgadener Christbaum »hinaus in die Welt« getragen. Anton Reinbold, das sei am Rande erwähnt, hat derzeit im Schloss Adelsheim anlässlich seines 50. Todestages eine große Retrospektive. Werner Prünster hat sich als Vorlage die Originale aus der Frühzeit als Vorbild genommen und sie in vergrößertem Maßstab nachgebaut.

Oaschpfeiferössl, Grillenkasten, Steckenpferd und Co. fertigte Prünster allerdings nicht aus Holz, weil das die Äste der Fichte gewichtsmäßig nicht verkraftet hätten. Er verwendete Styropor als Ausgangsmaterial, für die filigraneren Elemente Glasfaser. Nach der farblichen Gestaltung trug er mehrschichtig Zweikomponenten-Harz auf, um die Figuren vor allen Wettereinflüssen zu schützen. An einer Edelstahlöse und einer eingearbeiteten Gewindestange hängen nun Sterne, Kaffeemühlen und andere vertraute Stücke am Baum.

»Alles, was sonst keiner machen will, mache ich«, sagt der Veranstaltungstechniker Werner Prünster lächelnd. Rund 150 Stunden hat er an den 55 Figuren gearbeitet, die nun den »größten Berchtesgadener Christbaum aller Zeiten« schmücken, wie es Brigitte Zobel, Geschäftsführerin der »Berchtesgadener Advent GmbH« sagte. Die Idee für einen solchen Prachtbaum hatte Prünster übrigens schon vor drei Jahren, hat sogar Musterstücke als Argumente angefertigt. Da war wohl die Zeit noch nicht reif für ein Aufgreifen alter Tradition. Mit Peter Nagel kam inzwischen ein neuer Geschäftsführer der BGLT. Dem gefiel die Idee sofort. Und jetzt steht er da, der Baum, bunt und mindestens in den Abendstunden hell leuchtend. Dieter Meister