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Teufelszeug oder Medizin?

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Jede Cannabis-Pflanze wirkt anders: Laut Dr. Joachim Schubert ist die Droge noch nicht ausreichend erforscht. (Foto: Rex Medlen/Pixabay)

Berchtesgaden – Manche werden nach einem Joint glücklich, andere hingegen panisch. Doch vor dem Genuss von Cannabis kann niemand vorhersagen, was mit dem Körper passiert. In der Wissenschaft bleiben viele Zusammenhänge dieser Droge unerforscht. Zum heutigen internationalen Cannabis-Tag sprach der »Berchtesgadener Anzeiger« mit Dr. Joachim Schubert.


Der Berchtesgadener Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapeut sieht in der Droge auch ein großes Potenzial für die Medizin. Der Neurologe kennt die psychischen und physischen Symptome, die nach dem Genuss der verbotenen Substanz eintreten.

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»Es gibt noch viele weiße Flecken in der Cannabisforschung«, sagt der Psychiater. Man kenne zwar mittlerweile über 100 verschiedene Cannabinoide, die in verschiedenen Hanfpflanzen in verschiedenen Konzentrationen zu finden sind. Bei weitem nicht alle seien aber psychotrop, also mit einer (unter anderem rauschauslösenden) Wirkung auf das zentrale Nervensystem, jedoch durch ihre Vielzahl, ihre diversen Konzentrationen in den verschiedenen Pflanzen kaum berechenbar.

Hinzu kämen weitere Variablen, die mit dem Menschen zusammenhängen, der die Substanzen konsumiert, ob als Blüten (»Gras«), Harz (Hasch«) oder Öl. So sei es möglich, dass von einem zum nächsten Konsum stark differierende Symptome auftreten. »Der eine erlebt nach einem Joint Euphorie, fühlt sich leicht, nimmt seine Umgebung und sich in vielerlei Weise positiv verändert wahr, der andere wird einfach nur müde. Beim nächsten Joint, mit einer anderen Zusammensetzung kann alles Positive ausbleiben, sich im Extremfall ins Gegenteil verkehren.«

Bekannt ist, dass sich im ganzen Körper sogenannte Cannabinoid-Rezeptoren befinden. Man unterscheidet grob solche im zentralen Nervensystem, also in Hirn und Rückenmark, von denen in der Peripherie, wie zum Beispiel im Verdauungstrakt oder in den Muskeln. »Wenn man zum Beispiel einen Joint raucht oder einen sogenannten Haschkeks isst, verknüpfen sich die Cannabinoide mit den Rezeptoren und führen sowohl zu körperlichen, als auch psychischen Veränderungen.«

Psychisch wie auch physisch hat Cannabis positive und negative Wirkungen. Positiv in Bezug auf die Psyche sind beispielsweise Entspannung, Glücksgefühle und gemeinschaftlich konsumiert tritt oft ein gewisses gestärktes Verbundenheitsgefühl auf. Der Konsument neigt nicht selten zur Euphorie. »Einige verhalten sich dann auch gern albern, was keineswegs schlecht sein muss«, meint Schubert.

Allerdings kann Cannabis auch Angstzustände auslösen. Drastischere Folgen sind Halluzinationen oder wahnhafte Zustände im Sinne einer Paranoia. Der Konsument nimmt Dinge wahr, die nicht existieren. Er hört Stimmen, die nicht sprechen, sieht Menschen, die in Wirklichkeit nicht da sind oder nimmt Körperveränderungen wahr. Insbesondere Wahnvorstellungen führen dann zu einem sogenannten »Horrortrip.«.

Positive und negative Wirkungen lassen sich auch am Körper beobachten. Nicht selten tritt Herzrasen, insbesondere bei Ekstasen und Angstzuständen auf. Es kann nach einem Joint oder einem Haschkeks beispielsweise Mundtrockenheit oder auch eine Muskelentspannung auftreten. Der Blutdruck sinkt, der Konsument wird müde, ihm wird manchmal auch schwindelig.

Cannabis habe aber aussichtsreiche Chancen in der Medizin, sagt der Experte. Diese Substanz hilft beispielsweise seit Jahren Aids- oder Krebspatienten nach einer Chemotherapie, die durch ihren Appetitmangel immer weiter abnehmen und schwächer werden, indem sie die Übelkeit abschwächen, das Hungergefühl zurückbringen. »Viele Cannabiskonsumenten kennen das, sie bekommen nach einem Joint Hunger, manche haben regelrechte Fressattacken«, so Schubert.

Aktuell ist medizinisches Marihuana in Deutschland nur im engen Rahmen zugelassen. Es kann z.B. verschrieben werden, wenn jemand im Verlauf einer Multiple Sklerose (MS) muskuläre Verspannungen bei gleichzeitigen Lähmungserscheinungen habe. Die Muskeln können nicht mehr entspannt, damit auch nicht mehr koordiniert eingesetzt werden, beginnen zu schmerzen. Behandelt man diese Symptome mit medizinischem Cannabis, könne sich die Muskulatur wieder bis zu einem gewissen Grad entspannen.

Forscher wollen Cannabis für die Herstellung verschiedener Medikamente nutzen. Dabei schauen sie sich die chemischen Strukturen der pflanzlichen Droge an. »Die positiven Wirkstoffe versuchen die Forscher nachzubauen, zu synthetisieren. Somit kann man dann ein Medikament kontrolliert zur Therapie einsetzen«, weiß Schubert. Der Facharzt sieht in Cannabis ein großes Potenzial für die Medizin. »Doch es bedarf weiterer Untersuchungen und Studien, um die Substanz besser zu kennen und für die Medizin nutzen zu können.«

Patrick Vietze