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«Testgate»: Mercedes versuchte es mit Offensive

Paris (dpa) - Schon vor sechs Jahren wurde der Artikel 151c des International Sporting Codes dem McLaren-Mercedes-Rennstall zum Verhängnis. Das Formel-1-Team wurde damals zur Rekordstrafe von 100 Millionen Dollar verdonnert.

Verteidigung
Ross Brawn beharrt auf seinen Standpunkt. Foto: Michel Euler Foto: dpa

In seiner Anklage vor dem Internationalen Tribunal meinte FIA-Anwalt Mark Howard, dass Mercedes und Pirelli bei ihrem gemeinsamen Reifentest Mitte Mai womöglich ebenfalls gegen diese Passage verstoßen haben könnten.

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Damit geht es nicht mehr nur um einen möglichen Bruch des Testverbots durch die 1000 Extra-Kilometer von Mercedes mit dem aktuellen Silberpfeil. Das deutsche Team wehrte sich am Donnerstag, bekräftigte erneut, keinen Vorteil gehabt zu haben; sagte, es sei ein privater Test durchgeführt von Pirelli gewesen und ging seinerseits mit Kritik an der FIA und zwei Ferrari-Tests in die Offensive.

Was waren die Knackpunkte?

Der Internationale Automobilverband als Ankläger warf Mercedes vor, dass es schlichtweg keinerlei Erlaubnis für die Testfahrten vom 15. bis 17. Mai auf dem Circuit de Catalunya mit dem aktuellen Silberpfeil gegeben habe. Ein weiteres Problem: Die anderen Teams wurden von dem gemeinsamen Test mit Pirelli nicht informiert, sie konnten ihm daher auch nicht zustimmen, geschweige denn ebenfalls die 1000 Kilometer absolvieren. FIA-Anwalt Mark Howard meinte, dass damit womöglich ein Verstoß gegen Artikel 151c des International Sporting Code vorliegen könnte.

Was steht im Artikel151c?

Abschnitt 151 des Internationalen Sporting Codes befasst sich mit Regelverstößen. Unter c wird unter Strafe gestellt: «Jedes arglistige Verhalten oder jede Handlung, die dem Interesse des Wettbewerbs schadet oder dem Interesse des Motorsports generell.»

Gab es schon einmal Verurteilungen wegen eines Verstoßes gegen diesen Artikel?

Ja, allen voran die Rekordstrafe von 100 Millionen Dollar 2007 gegen McLaren-Mercedes wegen der Spionage-Affäre.

Warum ging Mercedes davon aus, dass die Tests erlaubt waren?

Dem FIA-Anwalt zufolge gab es nur eine informelle Anfrage. Sprich: Team-Verantwortliche, darunter auch Rennstall-Chef Ross Brawn, kontaktierten Rennleiter Charlie Whiting. «Charlie ist die maßgebliche Referenz in allen Sportfragen», betonte Teamchef Brawn. «Ob Whiting zugestimmt hat oder nicht, das ist irrelevant», konterte Howard. Das Testverbot ist in den Sporting Regulations in Paragraf 22 definiert.

Wie könnte Mercedes dem Wettbewerb durch die Zusatzkilometer geschadet haben?

Weil sie doch einen Nutzen von den Fahrten gehabt haben könnten. «Offenkundig gab es Daten, die für Mercedes zugänglich waren», sagte Howard. Es sei schwierig zu sagen, dass Mercedes keinen Nutzen aus dem Test gezogen habe, Erkenntnisse zum aktuellen Formel-1-Wagen und seiner Zuverlässigkeit etwa.

Was sagte Mercedes dazu?

Seit Bekanntwerden der Tests unmittelbar vor dem Großen Preis von Monaco, den Mercedes-Pilot Nico Rosberg gewann, beteuerten die Silberpfeil-Verantwortlichen, keinerlei Vorteil aus den Fahrten gehabt zu haben. Man habe nie gewusst, wann welche Reifen auf dem Auto waren. Dass Mercedes knapp 100 Kilometer mit Pneus für diese Saison fuhr, schien in der siebenstündigen Anhörung allerdings recht schnell nur noch eine Nebensache zu sein. Aber auch insgesamt brachte nach eigenen Angaben der Test der Mercedes-Crew mit Blick auf die eigene Leistung - ungeachtet des Einsatzes beider Stammpiloten - keinen Vorteil. «Wir arbeiten stets nach dem Prinzip, dass keine Information besser ist als eine schlechte Information. Ich erkenne nicht, wie wir irgendwelche Daten aus dem Test hätten nutzen können», meinte Brawn.

Was hat es mit den Ferrari-Tests auf sich?

Mercedes konterte die Vorwürfe der FIA mit Kritik an zwei Ferrari-Tests. Einmal in diesem, einmal im vergangenen Jahr. «Derselbe Mangel an Transparenz, der uns vorgeworfen wird, ist mit den beiden Tests von Ferrari identisch», sagte Silberpfeil-Anwalt Paul Harris. Wenn das deutsche Werksteam gegen das Testverbot während der Saison verstoßen habe, dann müsse das auch für die «Scuderia» gelten. Die Ferrari-Akte 2013 hatte jedoch FIA-Präsident Jean Todt höchstpersönlich geschlossen, die von Mercedes indes an das Internationale Tribunal weitergeleitet. Die Versuche, von Mercedes-Teamaufsichtsratschef Niki Lauda, den Rennstall vor der Verhandlung zu bewahren und eine außergerichtliche Lösung zu suchen, scheiterten nach seiner Darstellung an Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff und Brawn.