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Der blinde Seher sieht’s: Das Salzburger Adventsingen im Großen Festspielhaus

Teiresias ist ein Tiroler Jakob

Wie es blinden Sehern eben geht, in Griechenland wie auf den Dachsteinalmen, wo die diesjährige Adventsingen-Geschichte angesiedelt ist: Sie werden anfangs nicht ernst genommen. »Hiaz schmetterst oba sauba«, sagt das Hirtenmädchen Kathi. Und der kleine Peterl zum Stichwort »Fantasien«: »Der woa jetzt guat...«

Der blinde Jakob (Wolfgang Hundegger) als Seher wird von den Hirtenkindern (von links Josef Auer, Lorena Resch und Valentin Nagl) begleitet (Foto: Adventsingen)

Man sieht nur mit dem Herzen gut. Dafür wird »Der kleine Prinz« gerne zitiert. Antoine de Saint-Exupéry war natürlich nicht der erste, der die entscheidende Sinneswahrnehmung anderswo als im Kopfbereich vermutete. Beim Salzburger Adventsingen heißt der Teiresias aus der griechischen Mythologie Jakob. Und spricht Tirolerisch. In Begleitung dreier Hirtenkinder stolpert er und tastet er sich über die an Stufen reiche Bühnen-Alm mit Steinhäuschen. Bei den Begegnungen der Hirtengruppe mit Maria und Josef erfasst er subkutan die religionsstiftende Brisanz der Lage. Das ist eine aufg’legte G’schicht. Adventsingen-Leiter und Textautor Hans Köhl braucht diesmal keine Tricks und Überhöhungen. Die Handlung fügt sich ohne großmächtigen laientheologischen Input zusammen, wie selbstverständlich – und so spricht sie direkt für sich und, ja, sie berührt. So soll es sein.

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Die Mann- und Frauschaft des Salzburger Adventsingens ist seit Jahren so stabil wie kompetent, also konnte Shane Woodborne als Komponist aus dem Vollen schöpfen mit seinen vielen neuen Liedsätzen, Lied-Kantaten und Chorpassagen. Der Salzburger Volksliedchor zum Beispiel, auf den man in früheren Jahrzehnten immer viel Rücksicht hat nehmen müssen, ist ein belastbares und durchaus selbstbewusstes Ensemble geworden. Da klappt das Doppelchörige über die große Bühnendistanz hinweg pünktlich. Auf die Sprechchöre lassen sich die Dirndl- und Trachtenanzugträger merklich neugierig ein.

Mühlviertler Dreier und Mühlviertler Vokalensemble überschneiden sich personell (drei und vier ergibt in dem Fall sechs), und auch diese Gruppe schafft den Sprung zwischen Volksmusik und harmonisch sanft überhöhten Sätzen wie selbstverständlich. Die Drei- und Viergesänge stehen für einen neuen, schlanken Ton im Volkslied, das hat nichts mehr mit der einst so hoch gehaltenen Tradition etwa der Fischbachauer Sängerinnen zu tun. Wenn man noch die Walchschmied-Sänger im Ohr hat, dann wird man bei einem Volkslied wie »Ich wachte im Tal« mit der Nase darauf gestoßen, wie sich Volksmusik in Stil und wohl auch hinsichtlich der Erwartungen des Publikums verändert. Ob man das nun gut und richtig findet, ist eine Ideologiefrage.

Die Hirtenkinder singen und paschen sich sowieso direkt in die Herzen der Zuschauer. Zum Herz sollte man schon auch Ohren und Augen zuschalten. Sehr achtbar, wie sie mit ihren Instrumenten umgehen, etwa die drei Geigerinnen und die Blockflötistin in einem trommelbegleiteten Hirtenmarsch. Bühnenbildner Dietmar Solt hat viel Platz geschaffen, so kann Regisseurin Caroline Richards die Geschichte auch latent in Bewegung halten. Wie genau sie mit dem blinden Seher (Wolfgang Hundegger) und den ihn begleiteten drei Hirtenkindern arbeitete, verlangt Respekt: So gut hatte man die Schauspielerei in den heiklen Dimensionen des Großen Festspielhauses selten im Griff. Über die »alten Hasen«, Simone Vierlinger als Maria, Bernhard Teufl als Josef, braucht man ja nicht mehr reden. Sie haben auch wieder viel zu singen und tun es ganz wunderbar.

Einmal entgleist die Musik stilistisch freilich ganz arg: Siegfried Fietz’ »Von guten Mächten wunderbar geborgen« ist und bleibt geschmäcklerischer Sacro-Pop, auch in der Fassung von Shane Woodborne. Hoffentlich kommt keiner im Publikum auf die Idee und fängt mit dem Feuerzeug zu schunkeln an.

Gegen diese Entgleisung ist der echte Engel machtlos, der sonst oft gegenwärtig ist und darüber wacht, dass die Geschichte zielstrebig auf die Krippe hinsteuert: Eva Schinwald war als Maria-Coverbesetzung schon beim Adventsingen dabei. Mit ihrem engelsgleichen Sopran hat sie heuer eigentlich die Hauptrolle. Shane Woodborne hat für sie in seinen Kantaten glanzvolle Überstimmen komponiert, und sie ist auch im schlichten Volkston gefordert: Das ist total stimmig, wie das diesjährige Adventsingen als Ganzes.

Aufführungen finden bis zum 16. Dezember statt. Für das dritte Wochenende gibt es noch Karten, zurückgegebene Karten findet man unter salzburger-adventsingen.at. Reinhard Kriechbaum