weather-image

Technische Modelle eines Allroundgenies

5.0
5.0
Bildtext einblenden
Der ehemalige Lehrer Rainer Brand hat sich intensiv mit Leben und Werk von Leonardo da Vinci auseinandergesetzt. Hier ist er in seinem »Scheunenmuseum« in Bobenheim-Roxheim vor einer Reproduktion der Mona Lisa und technischen Skizzen von Leonardo da Vinci zu sehen. (Repro: Giesen)

Leonardo da Vinci (1452 bis 1519) ist als Maler der Mona Lisa weltberühmt, aber welch unglaubliche Erfindungen der Autodidakt auf dem Gebiet der Technik und der Naturwissenschaften machte, ist weithin unbekannt. In der Alten Wache im Traunsteiner Rathaus findet bis einschließlich Donnerstag eine Ausstellung zu »500 Jahre Leonardo da Vinci« eröffnet, organisiert von der Società Dante Alighieri Traunstein.


Die Präsentation ist von dem ehemaligen Mathematik- und Physiklehrer Rainer Brand aus Bobenheim-Roxheim. Der begeisterte Bastler hat sich seit 2012 in den Jahren nach seiner Pensionierung zu einem ausgemachten Fachmann für Leonardo da Vinci entwickelt. Brand hat über 50 kleinere und größere Modelle original- und detailgetreu nach Leonardos technischen Skizzen nachgebaut, wobei ihm seine frühere Ausbildung zum Feinmechaniker zugute kam.

Die jetzt in Traunstein präsentierte Sammlung zeigt, dass Leonardo nicht nur als Maler Großes leistete, sondern auch intensive Studien als Ingenieur und Naturwissenschaftler betrieb und sich mit Architektur, Medizin, Physik, Waffenkunde, Musik und vielem anderen beschäftigte. Er hinterließ mehr als 10 000 Blätter mit Texten und Zeichnungen, die das Wissen seiner Zeit widerspiegeln, seine eigenen Studien, Konstruktionen und Erfindungen. Die Handschriftensammlungen da Vincis sind in mehreren Museen und Bibliotheken in Italien, Frankreich, Spanien, England und den USA zu finden. Alle sind in Spiegelschrift verfasst, da Leonardo da Vinci auf diese Weise vermutlich seine Entdeckungen vor Nachahmern schützen wollte.

Vom Bratenwender bis zur Ölpresse

In der Alten Wache sind Erfindungen Leonardos aus den verschiedensten Bereichen zu sehen, darunter Flugmaschinen, solche zur Nutzung der Wasserkraft, zur Kriegsführung und Geräte zur Erleichterung der täglichen Arbeit, wie eine Ölmühle, eine Weinpresse oder ein Bratenwender zum Braten von Hühnern und Schweinen, der nur durch eine Warmluftturbine im Kamin angetrieben wurde.

Der Nachbau von Leonardos genialen Erfindungen verlangt wohl mehr als Begeisterung und technischen Sachverstand. Zu seinen Lebzeiten wurden nur wenige tatsächlich gebaut, obwohl beinahe alle funktionierten. Das Nachbauen der Modelle ist schon deshalb besonders schwierig, da in den Entwürfen fast nie Maßangaben zu finden sind und es keinerlei Anleitung für die Konstruktion gibt.

Leonardo erfand vieles, das uns heute ganz selbstverständlich ist, wie zum Beispiel Brillenbügel – vorher musste man die Brille, die bereits 100 Jahre vorher erfunden worden war, mit einer Hand festhalten. Für Feldzüge ersann er eine transportable Brücke, damit Flüsse von jedem Standpunkt aus überquert werden konnten oder die erste Kanone, die von hinten geladen wurde – nicht mehr von vorne wie bis dahin üblich. Er war unter anderem Festungsbauer für den berüchtigten Cesare Borgia, schuf Stadtpläne und Landkarten, konstruierte auf dem Zeichenbrett eine Bosporusbrücke, entwarf Schifffahrtskanäle und machte Experimente im Menschenflug.

Mit seinen Konstruktionen versuchte er, den Vogelflug nachzuahmen. So entwarf er ein Modell mit beweglichen Flügeln, dessen »Pilot«, mit dem Gesicht nach unten liegend, die Flügel per Handkraft bedienen sollte. Im Jahr 1488 dienten dem Allroundgenie wahrscheinlich Kreiselspielzeuge für Kinder als Vorlage zur Konstruktion eines schraubenförmigen Propellers. Dieses Gerät betrachten auch heute noch viele Wissenschaftler als Vorläufer von Luftschrauber und Helikopter. Kleine, aber geniale Erfindungen waren auch der Weihwasserautomat, dem nur beim Einwerfen einer Münze ein paar Tropfen des kostbaren Nass' zu entlocken war oder »die Uhr, die länger steht, weil sie länger geht« – eine Wickeluhr, die mechanisch immer wieder anhält, so dass sie weniger häufig aufgezogen werden musste.

Die Erfindungen Leonardos sind umso erstaunlicher, als er sich durch umfassende Studien alles selbst erarbeitete. Wegen seiner unehelichen Geburt erhielt er weder eine solide Schulausbildung noch durfte er eine Universität besuchen. Genauestes Beobachten und Zeichnen der Abläufe in der Natur waren seine wichtigsten Methoden. So studierte er immer wieder den Flug der Vögel, abstrahierte, reduzierte und konstruierte schließlich künstliche Vogelflügel, Gleitschirme, Hubschrauber und Fallschirme. Für seine anatomischen Studien zum Menschen, dessen Muskel- und Bewegungsapparat ihn besonders interessierten, sezierte er viele Leichen genauestens.

Unermüdlich tüftelte der asketisch lebende Mann an neuen Dingen, oft bis spät in die Nacht. Um nicht zur viel von seiner kostbaren Zeit durch Schlaf zu verlieren, konstruierte er für sich einen besonderen »Wecker«: aus einem hochgestellten Behälter ließ er Wasser in ein darunter aufgestelltes Gefäß tropfen, das dann mit seinem Gewicht einen Hebel betätigte, der die Füße des Schlafenden hochriss.

Schülerzeichnungen von AKG und CHG

Die Ausstellung in der Alten Wache wird durch Zeichnungen von Schülern aus den fünften bis siebten Klassen des Annette-Kolb-Gymnasiums und des Chiemgau-Gymnasiums besonders lebendig gestaltet. Sie befassten sich im Unterricht mit Leonardo da Vinci und seinen Erfindungen und zeichneten eigene Skizzen dazu, die an den Wänden aufgehängt werden.

Die sehenswerte Ausstellung ist aus Termingründen nur kurz zu sehen: am heutigen Dienstag und morgigen Mittwoch jeweils von 10 bis 18.30 Uhr sowie am Donnerstag von 10 bis 14.30 Uhr. Sehr zu empfehlen sind jedem Interessierten die kostenlosen Führungen mit Rainer Brand, der sich sehr genau mit Leonardos Erfindungen befasst hat und seine Modelle höchst anschaulich erklären kann. Der Eintritt ist frei. gi