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Stumm im fremden Land

Berchtesgaden - Die Frau hat ein Dach über dem Kopf. An Essen fehlt es ihr nicht. Und trotzdem steht ihr die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. Sie weint bitterlich. Die Vergangenheit hat sie eingeholt. Josef Jostl versucht die Asylbewerberin in der Pension »Waldluft« zu beruhigen. Ein Dutzend weiterer Flüchtlinge schaut hilflos zu. Die Artikulation erfolgt mit Händen und Füßen. Was fehlt, ist ein Dolmetscher. Die Situation scheint zu eskalieren.

Sozialpädagoge Josef Jostl und Marlene Anzengruber suchen verzweifelt nach einer passenden Dolmetscherin. Anzeiger-Fotos
Frau J. mit ihrem neuen Kopftuch: Ihr Mann wurde von den Taliban erschossen.
Imam mit seiner Schwester: Endlich einen Schulplatz.

Josef Jostl ist ein ruhiger, besonnener Mann. Einer, der auch dann noch zuhört, wo andere schon längst aufgegeben haben. Jostl ist Sozialpädagoge. Mehrmals im Monat schaut er in der Pension »Waldluft« vorbei. Dort sind momentan 33 Asylbewerber untergebracht. Menschen aus Syrien, aus Sierra Leone, aus Tschetschenien und Pakistan. Menschen, die geflohen sind. Schreckliche Schicksale teilen. Und keiner hört ihnen zu. Weil man sie hier in Berchtesgaden nicht versteht. Jostl sagt, das sei das Hauptproblem. Weil einfach keiner da ist, der deren Sprache spricht. Urdu etwa, das am Persischen Golf gesprochen wird. Oder Farsi.

Frau J. kommt aus Afghanistan. Ihr Mann wurde von den Taliban erschossen. Das ist die offizielle Geschichte, die über Frau J. bekannt ist. Sie ist alleine nach Berchtesgaden gekommen. Ihre Tochter ist in Frankfurt am Main. Dorthin möchte auch Frau J. Bislang wird ihr dieser Wunsch von den Behörden verwehrt. Das Verfahren zieht sich bereits über Monate hin. Die Aussichten? Schlecht. Auch deshalb, weil Frau J. als Flüchtling offiziell bereits abgelehnt wurde. Innerhalb von zwei Wochen könnte sie abgeschoben werden. Hilflos wedelt Frau J. mit einem Stück Papier. Darauf stehen ein paar Sätze. Oben drüber steht »Fax« und eine Nummer. Jostl vermutet, er solle das Schriftstück weiterschicken. Das herauszubekommen, ist aber kaum möglich. Keiner da, der übersetzt. Hinzu kommt: »20 Prozent der hiesigen Asylbewerber sind Analphabeten.«

Josef Jostl ist ein guter Zuhörer. Als Sozialpädagoge hat er viel mit Menschenschicksalen zu tun. Schockierend sind oft die von Flüchtlingen. Davon können auch einige ehrenamtlich arbeitende Frauen berichten, die regelmäßig in die Pension »Waldluft« kommen. Dort kümmern sie sich um die Anliegen der Bewohner. Sie versuchen es zumindest. Marlene Anzengruber ist eine von denen. Als sie kommt, ist die Freude groß. Die Leute begrüßen sie. Anzengruber grüßt freundlich zurück. Mit dabei hat sie ein kleines Geschenk für Frau J. Ein Kopftuch. Frau J. nimmt es entgegen. Sie neigt den Kopf, ein Zeichen des Dankes. Dann huscht ein Lächeln über ihr Gesicht, das vom Leben gezeichnet ist.

Nichtstun

Der Tagesablauf ist immer der gleiche: Nichtstun. »Die dürfen ja gar nichts machen«, weiß Jostl. Selbst wenn einer arbeiten wollte. Also bleiben die meisten in der Pension oder gehen spazieren. Diejenigen mit der gleichen Sprache unterhalten sich. Nicht viel. Aber das Sprechen verbindet.

120 Euro Taschengeld erhält jeder Asylbewerber pro Monat. Dazu kommt die Unterkunft, die warmen Mahlzeiten. So weit, so gut. Wenn das Geld aber knapp wird, wenden sie sich an Jostl. Er muss dann abwägen, ob ein zusätzlicher Betrag gewährt wird. Etwa für eine Zugfahrt oder ein Busticket.

Aber Jostl muss erst mal verstehen, was seine Schützlinge überhaupt wollen. In Salzburg habe man zwar eine Dolmetscherin, die Deutsch und Farsi spricht. Die hat aber viel zu tun. Nur hin und wieder hat sie Zeit. Außerdem fehlt das Geld, um sie regelmäßig anfordern zu können. Wenn, dann begleitet sie Einzelne zu Arztbesuchen, leistet Übersetzungshilfe. Dennoch gibt es viele, die stumm bleiben.

An einem Tisch sitzt eine junge Frau, ihre Augen sind nass. Sie zittert. Sie kommt aus Tschetschenien. »Schlimmes Schicksal«, sagt Josef Jostl. Man wisse nicht genau, was sie alles durchgemacht habe. Dann beginnt sie wieder zu weinen, sie gestikuliert wild herum, will Jostl etwas mitteilen. »Ich verstehe nichts«, sagt Jostl. Auch Marlene Anzengruber bleibt ratlos.

Auch er beginnt zu weinen

Die weinende Frau steht auf, schleicht durch den Speisesaal. Ein Landsmann hat sich ihrer angenommen, versucht zu beruhigen. Auch er beginnt zu weinen. Dann folgt wildes Durcheinander. Ein Flüchtling, der ein paar Brocken Englisch beherrscht, sagt, sie sei nervlich am Ende, spreche von »Suizid«. Die Alarmglocken bei Sozialpädagoge Jostl schrillen. Jetzt muss er handeln. Das Einzige, was bleibt, ist einen Dolmetscher zu kontaktieren, der jetzt, im entscheidenden Moment, Hilfe leisten kann. Die Frau braucht eine Therapie, so viel ist sicher, meint Jostl, der aber gleich weiter muss. Die Zeit. Oft fehlt sie. Imam, ein kleiner Junge aus Tschetschenien, hat gleich ein Aufnahmegespräch. Für Asylbewerber gilt die Schulpflicht. Auch wenn er kein Wort Deutsch spricht und die Integrationsmaßnahmen dürftig sind. Nur selten reicht das Geld der Caritas, um Sprachkurse ermöglichen zu können. Umso glücklicher zeigt sich Jostl, dass Imam nun in Piding das Heilpädagogische Zentrum besuchen und dort zur Schule gehen darf. Vermittelt hat eine Mitarbeiterin des Nationalparks Berchtesgaden. Die derzeit hier ein soziales Jahr leistet und Imams Sprache spricht. Jostl ist zufrieden.

Denn er weiß: Zufriedenstellende Erfolge gibt es in seiner Arbeit nur selten. Kleine Dinge bewirken oftmals Großes. Ein Lächeln, ein kleines Geschenk. Die Flüchtlinge zeigen sich dann dankbar. Seit einem halben Jahr sind sie in der »Waldluft«. Polizeilich gibt es keinerlei Vorkommnisse. »Alle verhalten sich vorbildlich.« Deshalb versteht Jostl auch nicht, dass es Vorbehalte in der Öffentlichkeit gibt. Die Marktgemeinschaft Berchtesgaden nennt er exemplarisch. Diese hatte sich gegen das ehemalige Schwesternwohnheim beim Kreiskrankenhaus als eventuelle Unterkunft für Asylbewerber ausgesprochen. Und für dezentrale Alternativen eingesetzt.

Jostl wäre schon froh, wenn die Sprachhürde fallen könnte. Wenn dafür mehr Geld da wäre. »Das haben diese Menschen einfach verdient«, sagt er. Frau J. lächelt. Sie freut sich noch immer über das Kopftuch. Dass sie demnächst auf ihre Tochter treffen wird? Aussichtslos. Vielen hier fehlt die Hoffnung. Ihr Schicksal haben die meisten angenommen. Ohne Sprache, ohne Hilfe von außen bringt das aber alles nichts.