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Stilsichere und einnehmende Bach-Reflexionen

Es ist kein Geheimnis, dass Johann Sebastian Bach in seinen Solokonzerten dem Vorbild von Komponisten aus Italien folgte. An vorderster Stelle rangierte hier Antonio Vivaldi. Und das hat gewichtige Folgen, denn: Von einem Wettstreit ist das italienische »Concerto«-Prinzip weit entfernt, hier meint das »Concertare« einen Dialog. Das Solo-Instrument steht nicht dem Orchester gegenüber wie bei den Virtuosenkonzerten des 19. Jahrhunderts, sondern ist Teil eines einheitlichen Klangkörpers. Man spielt sich gegenseitig die Bälle zu.


So ist es nur konsequent, dass Thomas Zehetmair bei den Herrenchiemsee-Festspielen im Spiegelsaal des Ludwig-Schlosses im Violinkonzert d-Moll BWV 1052 nicht nur in die Geige griff, sondern zugleich das Orchester der KlangVerwaltung leitete. Wie aus einem Guss erschien das Spiel von Solovioline und Orchester, die Geige war originärer Teil des Ganzen. Damit wurde interpretatorisch und visuell die Idee verlebendigt, einen einheitlichen Klangorganismus zu schaffen – zumal Zehetmair einmal mehr eine stupende Spieltechnik und einnehmende Musikalität unter Beweis stellte.

Selbst die kniffligsten Doppelgriff-Passagen wurden von ihm fast schon nebenbei bewältigt, stilischer und historisch informiert wurde dieser Bach reflektiert. Dabei handelt es sich bei diesem Bach-Werk um eine Rekonstruktion: Lange Zeit war es nur in Bachs eigenhändiger Fassung für Cembalo, Streicher und Continuo bekannt, bis Robert Reitz um 1915 eine erste Geigenversion vorlegte. Diese war aber nicht frei von Fehlern, sie wurden 1970 von Wilfried Fischer korrigiert.

Es war höchst sinnstiftend, dass Zehetmair hinterher Maurice Ravels »Le Tombeau de Couperin« von 1914/19 sowie der »Reformations-Sinfonie« von Felix Mendelssohn Bartholdy dirigierte. Denn einerseits spürte Ravel mit seinem musikalischen »Grabmal für Couperin« der alten französischen Suite nach, auf die sich auch Bach in seinem Schaffen häufig bezogen hatte – und zwar nicht nur in den »Französischen Suiten«, sondern auch in Teilen der sechs Cellosuiten. Andererseits zitiert Mendelssohns fünfte Sinfonie im Finalsatz den Luther-Bach-Choral »Ein' feste Burg«: Mendelssohn hatte seinerzeit eine Bach-Pflege eingeläutet.

Wie das Orchester der KlangVerwaltung unter Zehetmair diese Sinfonie wie ein Werk aus der »alten Musik« nahm, das war eine Wohltat. Hier wurde nichts romantisierend verkitscht und bedeutungsschwanger zelebriert, sondern konsequent entschlackt. Damit wurden die klassisch-barocken Inspirationen der Partitur geschärft – mit wohldosiertem Vibrato und flotten Tempi. Davon profitierte auch Ravel, allerdings entfaltete sich nicht immer der klangfarbliche Zauber. Als Zugabe gestaltete Zehetmair den Kopfsatz aus Bernd Alois Zimmermanns Solosonate für Violine von 1951, die Bach befragt. Man hätte gerne alles gehört, großer Beifall. Marco Frei